Bauprojekt der Volksbank in Marbach „Schiller würde sich schämen“ – Streit um 100 Jahre alte Eiche
Für den Neubau im Marbacher Zentrum soll eine mehr als 100 Jahre alte Eiche weichen. Der Widerstand wird immer größer – und prominenter.
Für den Neubau im Marbacher Zentrum soll eine mehr als 100 Jahre alte Eiche weichen. Der Widerstand wird immer größer – und prominenter.
Die Berichterstattung unserer Zeitung über das geplante Abholzen der mehr als 100 Jahre alten Eiche am König-Wilhelm-Platz in Marbach hat Nature-Life Präsident Claus-Peter Hutter auf den Plan gerufen. Er stellt sich an die Seite des ehemaligen Leiters der Naturschutzbehörde des Regierungspräsidiums Stuttgart, Geografen und Buchautors Reinhard Wolf aus Marbach, der das Fällen zugunsten eines Neubauprojektes der VR-Bank Ludwigsburg verhindern möchte – und übt heftige Kritik an dem Geldinstitut und an der Stadt Marbach. Auch in den sozialen Medien erfuhr Wolf am Wochenende Rückendeckung. Von einer Petition ist die Rede.
„Friedrich Schiller würde sich schämen und alle Ehrbezeugungen, die ihm in den letzten rund 250 Jahren in Marbach gewidmet wurden, sofort zurückgeben und den Abriss der Dichterstatue auf der Schillerhöhe seiner Geburtsstadt überm Neckar verlangen“, lässt Hutter, Präsident der Umweltstiftung Nature-Life-International (NLI) zu den Plänen der Bank wissen. Die Eiche am König-Wilhelm-Platz sei mehr als 130 Jahre alt und vital.
„Schiller würde sich auch ärgern, wenn eine genossenschaftlich organisierte Bank im zeitweiligen Wohnort seiner Familie, so wie jetzt die VR-Bank, heute noch so handelt wie im vorletzten Jahrhundert, wo Nachhaltigkeit und Klimawandel noch Fremdworte waren und auch in Ludwigsburg die Streichung sämtlicher Erinnerungen wie Schillerplatz, Hausinschriften und Straßenbezeichnungen einfordern“, übt er direkte Kritik an der Bank. 1982 sei es der ehemalige Marbacher Bürgermeister Heinz-Georg Keppler gewesen, der beim Neubau der Bank Änderungen in der Planung gefordert habe, um die Eiche zu retten, erinnert Hutter.
Doch offenbar hätten weder die Volksbank noch die Stadt dazugelernt. Sämtliche Ziele des Klimaschutzes, der Nachhaltigkeit und der Bewahrung der biologischen Vielfalt – gerade auch im Siedlungsraum von Städte- und Gemeindetag, Bundes- und Landesregierungen sowie der bundesweiten Organisationen der Sparkassen und Banken – seien an ihnen offensichtlich vorbeigegangen. Die Argumente, das jetzige Gebäude sei energetisch nicht auf dem heutigen Stand, weshalb man einen verdichteten Neubau brauche, hält Hutter für rein ökonomisches und längst überholtes Denken.
Und der Umweltschützer legt noch eins drauf. Dieser neue, keineswegs tolerierbare Fall sei eine weitere Fortsetzung der Natur-Missachtung in Marbach. Dazu gehören nach Ansicht von Hutter Baumfällungen, um vollendete Tatsachen zu schaffen, Achtlosigkeit gegenüber urbanem Grün und die Unkenntnis, dass ein solch alter Baum als städtischer ,Airconditioner’ nicht durch Pseudo-Pflanzungen – zumal über einer geplanten Tiefgarage mit viel zu wenig Bodenauflage – ersetzt werden könne. „Da soll vernichtet werden, worauf andere Kommunen stolz wären.“
Hutters Fazit: Die Stadt Marbach ist nicht reif für eine Gartenschau 2033. „Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Reife für eine Gartenschau beginnt in den Köpfen und scheint leider bei vielen in den Schillerstadt noch nicht angekommen zu sein“, so Hutter. Wie könne es sein, dass man ein paar Quadratmeter Deko-Blühflächen wie in den letzten drei Jahren anlegen lasse, wenn auf der anderen Seite vorhandenes, über 130 Jahre altes Natur- und Kulturerbe vernichtet wird.
Im April hatte die Bank das Projekt der Presse vorgestellt. Allerdings steht das Baugesuch noch am Anfang. Eine Baugenehmigung kann noch nicht erteilt werden – laut Stadtverwaltung wird dafür ein Bebauungsplan erstellt. Mit dem Neubau sollen 25 Eigentumswohnungen und 2000 Quadratmeter Wohnfläche entstehen.