Bauprojekt in Vaihingen Viele Fragen zum Eiermann-Campus

Seit das IT-Unternehmen IBM im Jahr 2009 die Gebäude auf dem Eiermann-Areal geräumt hat, stehen diese leer. Foto: /Christoph Kutzer

Stillstand und Querelen bei anderen Projekten legen nahe, dass der Investor für das geplante Wohngebiet in Stuttgart-Vaihingen knapp bei Kasse ist. Gab man sich bei der Stadt Stuttgart zunächst gelassen, klingt das inzwischen anders. Und auch ein Ökonom äußert Bedenken.

Willkommen in der Zukunft“ – so vollmundig wird der VAI-Campus beworben, der auf dem Eiermann-Areal entstehen soll. Wenn es nach der Homepage des Investors, der Consus Real Estate, geht, noch bis zur IBA 2027. Das dort verkündete Zeitfenster reicht vom Baubeginn 2021 bis zur Fertigstellung 2026. Für 2021 sei nie ein Baubeginn vorgesehen gewesen, versichert Niklas Junkermann, Sprecher der Stadt. Er hebt auch hervor, die Neubebauung des ehemaligen IBM-Sitzes in Vaihingen sei kein IBA-Projekt, nur Teil des IBA-Netzes. Es sei offen, welche Teile zu einem baulichen IBA-Projekt werden könnten.

 

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Nun häufen sich allerdings Presse-Berichte, die Consus und den Mutterkonzern Adler Group nicht im besten Licht erscheinen lassen. Bei vielen vom Investor verantworteten Bauvorhaben stehen die Arbeiten offenbar still, gehen schleppend voran oder haben gar nicht erst angefangen. Seitens der Stadt sah man zunächst „keinen Anlass für einen Plan B“. Das Stuttgarter Projekt laufe geordnet, hieß es vor ein paar Tagen auf Anfrage unserer Zeitung. Diese Einschätzung hat sich offenbar mittlerweile geändert. Sowohl Stadträte verschiedener Couleur als auch der Baubürgermeister Peter Pätzold ließen kurz darauf durchaus Sorge durchblicken.

Ein Branchenkenner aus Vaihingen ist skeptisch

Harald Bosch ist ebenfalls skeptisch. „Ich glaube nicht, dass der VAI-Campus wie geplant realisiert wird“, meldet der promovierte Wirtschaftswissenschaftler aus Vaihingen Zweifel an. Er hat sich intensiv mit der Consus Real Estate beschäftigt und kennt die Vorgeschichte des Campus gut: die schwierige Suche nach neuen Nutzern. Teil des Problems sind die denkmalgeschützten Eiermann-Pavillons. „Alle Interessenten für die Bürogebäude haben den Standort verworfen, weil die Gebäude für den heutigen Bedarf unbrauchbar sind“, sagt Bosch. „Das wird durch den zurückgehenden Bedarf an Büroflächen infolge von Homeoffice sicher nicht besser.“ Auch sei laut der aktuellen Quartals-Präsentation der Adler Group die Fertigstellung der Gebäude auf 2028 vertagt. Es gebe jede Menge Anzeichen, dass der Immobilienentwickler Consus und Adler finanziell am Limit seien.

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Andernorts ist die Politik bereits auf Konfrontationskurs gegangen. In Hamburg liegt die Baugenehmigung für das Holsten-Areal auf Eis, bis die KPMG die Adler Group unter die Lupe genommen hat. Er verstehe nicht, warum sich Stuttgart nicht mit anderen Städten austausche. In Düsseldorf gebe es auch Schwierigkeiten mit dem Investor. „Ich habe den Eindruck, man ist ratlos und befürchtet, wieder ohne Projekt dazustehen“, so der 60-Jährige. Zumindest erscheine es ihm ratsam, auf das ausstehende KPMG-Gutachten zu warten, ehe eine Baugenehmigung für den VAI-Campus erteilt werde. So ließe sich vermeiden, dass das Gelände hinterher gewinnbringend verkauft werde.

Die Adler Group verweist auf ihr langfristiges Interesse

Dobroslawa Pazder, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Adler Group, verweist in diesem Zusammenhang auf das langfristige Interesse an den entstehenden Wohnungen: „Wir entwickeln den VAI Campus als build to hold-Projekt“, betont sie und vermittelt so den Eindruck, man werde im Boot bleiben. „Wir werden die entstehenden Mietwohnungen in den Bestand der Adler Group übernehmen.“ Sie geht von einem Auslegungsbeschluss im zweiten Quartal 2022 aus. Ihr Fazit: „Die Arbeiten am VAI-Campus laufen.“ Und der Zeitplan? Tobias Schiller, Pressesprecher der IBA’27 GmbH, nennt ihn für alle Projekte „sportlich“. Das IBA’27-Netz reiche von abgeschlossenen Bauprojekten bis zu „perspektivischen Vorhaben“. Bei einer komplexen Quartiersentwicklung wie dem VAI-Campus könnte die Fertigstellung erster Bauabschnitte ausreichen. „Wenn sich durch wirtschaftliche Entwicklungen oder Investorenwechsel inhaltliche oder terminliche Veränderungen abzeichnen sollten, werden wir mit den Projektträgern die Konsequenzen besprechen“, fügt Schiller hinzu. Eine Verzögerung über 2027 hinaus würde die Qualifikation als IBA’27-Projekt ausschließen.

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„Ich denke, eine klarere Haltung gegenüber dem Investor mit zusätzlichen vertraglichen Vereinbarungen und Vertragsstrafen sowie das Abwarten der KPMG-Prüfung könnte die Realisierung zusätzlicher Wohnungen eher wahrscheinlicher machen“, sagt Harald Bosch. Zögert man diesbezüglich, um nicht die Schuld am absehbaren Scheitern zugewiesen zu bekommen? Der Ökonom hält das für möglich. Für ihn zeugt das Projekt von einer Hilflosigkeit angesichts der Stuttgarter Immobilien-Landschaft: „Wohnungsbau im Autobahnkreuz? Auf so eine Idee kommt man ja eher zuallerletzt.“

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