Tüfteln, planen, umsetzen: Nicht alle zukunftsweisenden Ideen, die es für Bauprojekte der IBA’27 gibt, werden rechtzeitig umgesetzt sein. Foto: /imagebroker
Sieben Gebiete im Kreis sind unter den 23 auf der Projektliste für die Internationale Bauausstellung 2027 in Stuttgart und der Region. Eines ist aus Finanzgründen zurückgestellt. Gleichwohl soll bis zu der Schau einiges greifbar werden.
Harald Beck
05.10.2023 - 06:22 Uhr
Seit fünf Jahren laufen die Vorbereitungen, dreieinhalb bleiben noch, um Vorzeigbares fertig zu bekommen. 2027 ist das Jahr, auf das die Projekte ausgerichtet sind, die es auf die Liste der Internationalen Bauausstellung Stuttgart Region (IBA’27) geschafft haben. Die Messlatte liegt hoch. 100 Jahre nach der Präsentation der weltberühmten Weissenhofsiedlung in Stuttgart soll an die Tradition angeknüpft werden, neue Perspektiven anzubieten für modernes wie zukunftsfähiges Wohnen und Leben. Unter den aktuellen Rahmenbedingungen ist in den vergangenen drei Jahren die Realisierung ambitionierter Projekte in der zunehmend vereinigten Wohn- und Arbeitswelt nicht einfacher geworden. Das gilt auch für die Projekte im Rems-Murr-Kreis – ein Überblick.
Quartier Backnang West Die Stadt Backnang und die IBA’27 hatten für ein Gebiet einen städtebaulichen Wettbewerb ausgelobt. Auf dem ersten Platz landete ein Entwurf des Büros Architektur und Urbanismus aus Berlin zusammen mit Treibhaus Landschaftsarchitektur aus Hamburg und Büro Happold. Deren Konzept sieht auf der insgesamt rund 17 Hektar großen Fläche vom Murrtal-Viadukt bis zur Friedrichstraße drei dicht bebaute Teilquartiere vor, mit Flächen für Gewerbe, Industrie und Handwerk, soziale und kulturelle Nutzungen, Einzelhandel sowie Wohnungen für alle Gesellschaftsschichten.
Foto: Teleinternetcafe /Treibhaus
Entlang der Murr soll als verbindendes Element ein Band großzügiger Freiräume entstehen. Man sei in Backnang bei allen drei Schwerpunkten guter Dinge, bis 2027 zumindest das neue Quartier im Bau präsentieren zu können, sagt der Backnanger Leiter des Stadtplanungsamtes, Tobias Großmann. Das gelte auch für jenen großen Teil des Areals, der in Privathand ist. Das neue Quartier West sei im Übrigen ein deutlich über das Jahr 2027 hinausweisendes IBA-Projekt, sagt Großmann: „Wir rechnen mit einer Realisierungsperspektive von rund 15 Jahren.“
Neues Wohnen Korber Höhe Ziel ist es laut IBA-Projektantrag, die Großsiedlung Korber Höhe zukunftsfähig weiter zu entwickeln sowie Impulse für das Gesamtquartier zu geben. Der Fokus liegt auf den Themen der klimaneutralen und ressourcenschonenden Bauweisen sowie der Unterbringung und Gestaltung von bedarfsgerechten und generationenübergreifenden Wohntypologien. Laut Entwurf schieben sich vier Gebäudegruppen aus je drei hohen Häusern unterschiedlich weit an die bisher nur einseitig bebaute Stauferstraße heran. Sie bilden Vor- und Rücksprünge mit grünen Gemeinschaftshöfen und dazwischen liegenden Freiräumen, die sich zum angrenzenden Wiesenhang öffnen. Die rund 220 Wohnungen, ein Pflegeheim, Kita und Gewerbe-, Gemeinschafts- und Atelierflächen sollen 2027 im Bau sein.
Foto: UTA Architekten
Produktives Stadtquartier Im Bahnhofsumfeld von Winnenden soll mit dem geplanten Viertel ein neuer Knotenpunkt entstehen. Hier kommen Wohnen, Arbeiten und Gewerbe zusammen. Ergänzt wird das Vorhaben, das laut IBA-Intendant Andreas Hofer in Sachen wiedervereinigtem Wohnen und Arbeiten als eines der ambitioniertesten der IBA’27 gilt, durch innovative Mobilitätskonzepte, neue Bautypologien und Wohnformen sowie Grünräume.
Foto: Ott Architekten
Zugleich ist das Winnender Vorhaben zurzeit aber auch eines der Sorgenkinder der Bauausstellung. Winnenden stellt aus Finanzgründen das Baugebiet „Untere Schray“ bis auf Weiteres zurück. Folglich wird vom Projekt der „Produktiven Stadt“ zumindest bis zur Internationalen Bauausstellung 2027 wohl nichts Konkretes zu sehen sein. Immerhin hat Intendant Hofer dieser Tage angedeutet, dass es Gespräche gebe, eventuell zeitnah die Erschließung von Teilgebieten anzugehen.
Das Urbane Dorf Hangweide Auf der Hangweide zwischen den Kernener Teilorten Rommelshausen und Stetten geht es um Entwicklung des Areals einer ehemaligen Behinderteneinrichtung zu einem eigenständigen, urbanen und gemischten Quartier mit hohen Freiraumqualitäten als verbindender Baustein zweier Ortsteile. Dieser Tage hat die Jury der IBA’27 beim Urbanen Dorf Hangweise bereits grünes Licht für das erste Hochbauprojekt in desen Mitte gegeben. Zumindest der zentrale Bereich des sozialen und inklusiven städtisch-modernen Dorfs samt Park, Gewässer und genossenschaftlichen Wohn- und Lebenseinrichtungen soll im Jahr der Bauausstellung stehen und zu besichtigen sein.
Foto: sims/bree
Quartier der Generationen Die Schorndorfer Vorstadt ist im Wandel. In einem gewerblich genutzten Gebiet nördlich des Bahnhofs an der Rems plant die Stadt ein dichtes und gemischtes Viertel zum Wohnen und Arbeiten. Auf dem ehemaligen Betriebsgelände des Bauhofs Schorndorf, unmittelbar an der Rems und fußläufig zur Innenstadt gelegen, entsteht ein Quartier, das die vorstädtische Geschichte weiterschreiben soll. Der Siegerentwurf des zugehörigen Wettbewerbs sieht neben einer differenzierten Gebäudestruktur, die zur Minimierung von CO2-Emissionen ganz auf Untergeschosse verzichtet, auch nutzungsoffene Freiräume für eine allmähliche gemeinschaftliche Aneignung vor. Aktuell wird die zeitliche Planung bestätigt, wonach die Bauten auf dem 1,5-Hektar großen Areal im IBA-Jahr im Bau sind.
Leben in der Vorstadt In Schorndorf hat sich im Remstal eine Wohnbaugenossenschaft gegründet, um mittels dieser Organisationsform ihre Vision eines ökologischen und solidarischen Zusammenlebens wahr werden zu lassen.
Foto: privat/Remstalleben
Auf einem zentrumsnahen Grundstück in heterogenem Umfeld werden nachhaltige Wohngebäude eine bestehende ehemalige Hofstelle ergänzen. Ein in Kooperation mit der IBA’27 ausgelobter Realisierungswettbewerb brachte innovative bauliche Lösungsvorschläge: Vier neue bis zu fünfgeschossige Wohnhäuser in Holzbauweise mit Strohballendämmung sollen künftig die heutige Obstbaumwiese säumen. Die Aufnahme als IBA-Projekt ist in diesem Jahr gelungen, und ebenfalls in diesem Jahr ist der Baubeginn geplant, 2026 dann, pünktlich vor dem IBA-Jahr, der Bezug. Die Gruppe sei wild entschlossen, das Projekt durchzuziehen, sagte IBA-Intendant Andreas Hofer dieser Tage bei einer Veranstaltung im Rems-Murr-Kreis: „Ich bewundere ihren Mut.“
Agriculture meets Manufacturing Landwirtschaft trifft Industrie: Im Westen der Stadt Fellbach liegen zwei Standorte urbaner Produktion in direkter Nachbarschaft. Unter dem Titel „Landschaft trifft Industrie“ möchte die Stadt Fellbach dieses Gebiet neu ordnen und setzt dabei auf neuartige und dialogorientierte Planungsprozesse. Stadtverwaltung, ansässige Unternehmen, Experten und IBA’27 entwickeln gemeinsam Durchmischungskonzepte, die die Erzeugung von Nahrungsmitteln und Gütern mit Wohnen und Arbeiten verbinden. Beim mit 110 Hektar Fläche größten IBA-Projekt sollen „erste Bausteine“ im Ausstellungsjahr realisiert sein.