Baustadt Böblingen Die Einkaufsstadt wird zur Wohnstadt

Hier stand einst das City-Center, jetzt wächst das „Pulse“ in die Höhe mit 84 Wohnungen. Foto: Eibner/Dennis Duddek

Der Wandel der Böblinger Innenstadt löst Probleme – und schafft neue. Wenn im Zentrum 800 neue Wohnungen entstehen, muss das Nebeneinander verschiedener Mobilitätsformen besser funktionieren.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Es waren goldene Zeiten. Damals, als das Volk sich in Bussen von der Schwäbischen Alb nach Böblingen karren ließ, um in der sogenannten Einkaufsstadt das Geld liegen zu lassen. Hertie, Krauß und Zinser waren florierende Kaufhäuser, eingebettet in Einkaufszentrum, City-Center und Busbahnhof. Architektonisch zwar von außen kein Leckerbissen, aber was zählte, waren schließlich die inneren Werte der Shoppingtempel. Diese Zeiten sind lange vorbei, von den einst blühenden Kauftempeln ist nicht mehr viel übrig.

 

Die Schaufenster des Modecenter Krauß sind verrammelt, die Tage des Einkaufszentrums sind gezählt und dort, wo einst das City-Center stand, zieht die Böblinger Baugesellschaft das „Pulse“ in die Höhe: Zwei Baukörper mit insgesamt 84 Wohnungen, Büros und Einzelhandelsflächen. Das Einkaufszentrum befindet sich ebenfalls im BBG-Besitz. Damit hat sie nach dem Abriss ähnliches vor: Möglichst viel Wohnraum dort unterbringen, wo früher Handel und Gewerbe angesiedelt waren.

In der Bahnhofstraße zieht sich das Prinzip fort: Im „Inside BB“ an der Wilhelmstraße entstehen 42 Wohnungen im gehobenen Segment. Ironie des Schicksals: Dort stand einst das Stammhaus Krauß, aus Handels- wird also abermals Wohnfläche. Wenn 2023 die Deutsche Post aus ihrem Gebäude Bahnhofstraße Ecke Talstraße ausziehen muss, hat die BBG dort hochtrabende Wohn-Pläne: Ein 60-Meter-Hochhaus in innovativer Bauweise für ebenso innovative Wohnformen. Es wird deutlich: Die Ruinen der einstigen Einkaufsstadt müssen weichen, stattdessen entsteht Wohnraum, Wohnraum, Wohnraum. Wird die Einkaufsstadt von gestern zur Wohnstadt von morgen?

Ein gigantisches Innenverdichtungs-Projekt, das politisch gewollt ist. Warum sonst verkündete die Böblinger Baubürgermeisterin Christine Kraayvanger auf der Baustellentour des Gemeinderats am Mittwoch nicht ohne Stolz: „Im Umkreis von 400 Metern entstehen in den kommenden Jahren 800 Wohnungen.“ Dies sei in größeren Städten der Trend, die Innenstadt soll künftig für alle und alles da sein: Neben dem Einkaufen zum Wohnen, Arbeiten und Begegnen.

Verdichtung nach innen löst Probleme

Der Vorteil: Verdichtung nach innen löst Probleme. Dringend benötigter Wohnraum entsteht, ohne grüne Flächen versiegeln zu müssen und die nötige Infrastruktur ist auch schon da. Doch die Verdichtung mit all ihren Nutzungen schafft neue Probleme. Stichwort: Mobilität. Da prallt der Linienbus aufs Auto, das Auto aufs Rad, das Rad auf den Fußgänger und der Fußgänger auf den E-Roller. Noch dazu sollen diese Begegnungen barrierefrei sein und möglichst reibungsarm ablaufen. Tun sie aber nicht.

E-Scooter stehen oder liegen wild verstreut in der Stadt herum und bilden eine gefährliche Stolperfalle für in ihrer Mobilität eingeschränkte Personen. Radfahrer nutzen die Passanten in der Fußgängerzone gerne mal als Slalomstangen und die Parkgewohnheiten von Autofahrern machen das Wimmelbild nicht besser.

Das Nebeneinander der verschiedenen Mobilitätsformen funktioniert gut in der Theorie, noch nicht so gut in der Praxis. Dazu bedarf es zweierlei: Zum einen einer neuen Kultur des Miteinanders statt des Gegenein-anders. Zum anderen eine sinnvolle Aufteilung der Straßen- und Parkräume. Autos gehören in gut erreichbare Parkhäuser am Zentrumsrand, Fahrräder auf gut geführte Radwege und E-Scooter auf gekennzeichnete Abstellflächen. Soll die Innenstadt zum attraktiven Wohnort werden, muss man sich in ihr gerne aufhalten, niederlassen, flanieren und begegnen. Sonst droht die Wohnstadt zur Schlafstadt zu werden. Und das kann der politische Wille nicht sein.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Meinung Kommentar Böblingen