Baustelle für Neubaustrecke Unterirdische Vorfreude

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Tausende pilgern am Samstag zur Baustelle für die Neubaustrecke Wendlingen-Ulm bei Aichelberg und inspizieren die 2500 Tonnen schwere Tunnelbohrmaschine, die ein Loch in den Boßler graben soll.

Bereit zum Bohren für die Neubaustrecke Wendlingen-Ulm: Die Vortriebsmaschine hat ihre Startposition eingenommen. Weitere Eindrücke von der Baustelle des Boßlertunnels sehen Sie in der Fotostrecke. Foto: Horst Rudel 16 Bilder
Bereit zum Bohren für die Neubaustrecke Wendlingen-Ulm: Die Vortriebsmaschine hat ihre Startposition eingenommen. Weitere Eindrücke von der Baustelle des Boßlertunnels sehen Sie in der Fotostrecke. Foto: Horst Rudel

Aichelberg - Die Bahnsteige sind wie leer gefegt, dafür drängt es sich dort, wo sowieso noch kein Zug fährt. Rund 8000 Interessierte haben am Samstag die Chance genutzt, um die Baustelle am Tunnelportal des Aichelbergs zu inspizieren. Hier soll in sieben Jahren der längste Tunnel für die Schnellbahnstrecke von Stuttgart nach Ulm beginnen. 8806 Meter lang soll er werden. Für fast zwei Minuten wird der ICE-Fahrgast in die große Dunkelheit blicken.

Ist es die Aussicht auf dieses unterirdische Erlebnis oder die Faszination an der Technik, die an diesem herrlichen Samstag die Massen zum Tag der offenen Tür auf die Großbaustelle getrieben hat? „So etwas werde ich doch nie wieder in meinem Leben sehen“, sagte der 78-jährige Hans Schaufler aus Bissingen/Teck. Wie viele andere hatte er in den vergangenen Tagen schon auf der Baustelle gekiebitzt und von der eigens eingerichteten Tribüne unterhalb der A 8 auf den erst 15 Meter tiefen Tunnelmund geblickt. Jetzt wolle er die 110 Meter lange Vortriebsmaschine aus der Nähe betrachten. Das Unikat ist in den vergangenen Wochen dort aufgebaut worden.

Doch nicht nur Laien sind begeistert. „Die Maschine ist ein Wunderwerk der Technik“, schwärmte der Projektabschnittsleiter bei der Bahn, Bernd Sievers. Mit bis zu 2000 Tonnen Druck wird sich das Ungetüm in das Albmassiv schaben – jeden Tag etwa zehn bis 15 Meter tief. 11,39 Meter beträgt der Durchmesser des Schneidrads. Dahinter soll die entstandene Höhle sogleich mit Tübben­steinen aus Beton abgestützt werden. Förderbänder bringen den Aushub nach draußen. Lediglich sechs Mann werden nötig sein, um den 2500 Tonnen schweren Koloss zu bedienen. Sie arbeiten rund um die Uhr in Zwölf-Stunden-Schichten. „Vibrationen gibt es eigentlich keine“, sagt Stefan Schulze, der als Bauüberwacher die Interessierten durch die Vortriebsmaschine führt. „Aber es herrscht ein Riesenkrach.“

Mädchenname für den Phallus

Auf den Namen Käthchen ist das Gerät an diesem Morgen von Gabriele Breiden­stein, der Gattin des DB-Projektleiters, getauft worden. Eigentlich erinnert der Riesenbohrer eher an einen Phallus. Doch die Vergabe von Frauennamen ist bergmännische Tradition. So bohrt sich auf den Fildern eine „Suse“ in die Tiefe, was so viel heißt wie „Stuttgart – Ulm schneller erreicht“. Wofür Käthchen steht, darüber gab es am Samstag keine Auskünfte.

„Ich bin mächtig stolz, dass es jetzt in meinem Wahlkreis los geht“, sagte die CDU-Landtagsabgeordnete Nicole Razavi. „Die Leute kommen mit Begeisterung her.“ Und: „Ich habe keinen einzigen Pfiff gehört.“ Tatsächlich mieden die Gegner von Stuttgart 21 das Terrain, was auch einfachen Besuchern auffiel. „Das ist die erste Feierlichkeit ohne Störungen“, stellte der 70-jährige Dieter Groß aus Beutelsbach fest. Sanfte Kritik an der Bahn gab es trotzdem. Offenbar waren die Organisatoren vom Andrang überrascht worden. Etliche der eingesetzten Shuttlebusse waren überfüllt. Sogar Jörg-Michael Wienecke, der Nahverkehrsplaner des Landkreises Göppingen, blieb samt Familie an der Haltestelle stehen. Das hätte er selbst sicher besser organisiert. Und auch auf ihre Käthchen-Führung mussten viele Besucher mehr als eine Stunde warten. „Sie könnten wenigstens einen Getränkewagen durchschicken“, meinte Irmgard Maisch aus Kirchheim/Teck. Doch so etwas gibt es eben nur im ICE.

Eigentlicher Baubeginn erst im Januar

Dessen Standard wird vorerst nicht erreicht. Es geht gemächlich voran. Erst im Januar soll sich das Schneidrad so richtig in Bewegung setzen und den Tunnel um 2,8 Kilometer nach vorne treiben. Im Anschluss soll es bergmännisch, also mit Sprengungen, weiter gehen. Gemessen am bisherigen Tempo sei das aber schon gut. Der scheidende Projektsprecher Wolfgang Dietrich erinnerte daran, dass bereits seit 34 Jahren an dem Projekt getüftelt werde.