Baustelle in Esslingen Jetzt fließt der Geiselbach in einer Pipeline

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Momentan ziehen Arbeiter Segmente einer Kunststoffleitung unter der Geiselbachstraße hindurch. Der Bach läuft in dieser Zeit überirdisch, die Straße ist deswegen bis März zunächst halbseitig gesperrt. Danach kommt die Vollsperrung.

Damit die Arbeiter unter Tage  trocken bleiben,  wird der Geiselbach in diese blaue Pipeline umgeleitet. Foto: Ines Rudel
Damit die Arbeiter unter Tage trocken bleiben, wird der Geiselbach in diese blaue Pipeline umgeleitet. Foto: Ines Rudel

Esslingen - Unter Tage arbeiten die Bauarbeiter in der Geiselbachstraße. In rund vier Meter Tiefe stemmen sie den alten Kanal auf, der von 1904 bis 1910 gebaut wurde, und zwar in reinem Neckarbeton. Flusskiesel wurden mit Zement zu Beton vermischt, ein Verfahren, das schon die alten Römer kannten.

Dieser Kanal war einst kreisrund. Durch den Druck der Autos auf die viel befahrene Geiselbachstraße ist die Röhre oben eingedrückt und hat sich seitlich ausgestellt. Dass sie überhaupt noch hält, ist ein Wunder. „Ihr Zustand lässt keinerlei statische Berechnung mehr zu“, sagt der Projektleiter Daniel Weiss, der am Montagnachmittag zur Baustellenbegehung geladen hatte.

Durch die Straße schlängelt sich ein blaues Stahlrohr

Während der Bauarbeiten musste der Geiselbach aus seinem 110 Jahre alten Kanal ausgesperrt werden. Ein großes blaues Stahlrohr schlängelt sich jetzt auf Stelzen rund 200 Meter die Geiselbachstraße entlang, das nicht nur das Wasser des Bachs aufnimmt, sondern auch das Abwasser aus rund 100 Häusern. Man mag sich gar nicht vorstellen, was so alles in der blauen stählernen Pipeline so alles dahin treibt.

Immerhin haben es die Arbeiter im alten Kanal einigermaßen trocken. Sie sind gerade dabei, den alten Kanal auszutiefen und zu verbreitern. Das müssen sie deshalb tun, damit in der alten Röhre ein neues Rohr verlegt werden kann. Es besteht aus glasfaserverstärktem Kunststoff und wird durch die alte Röhre hindurchgezogen. Immer schön Stück für Stück werden die Segmente eingebaut. Einmal in der Woche kommt ein Tieflader, der wieder eine Lieferung bringt. In den kommenden fünf Wochen sollen die Segmente alle eingebaut sein. Sie werden zusammengepresst und verfugt und sollen laut Hersteller etwa 90 Jahre halten. Wenn es stark regnet, kann der neue Kanal bis zu 18 000 Liter Wasser pro Sekunde aufnehmen.

100 Hausanschlüsse wurden saniert

Die Hauptarbeit für die Bauarbeiter war aber eine ganz andere. Sie mussten die etwa 100 Hausanschlüsse, die in das verdolte Wasser des Geiselbachs liefen, von Hand neu anschließen. Da gab es in den letzten 110 Jahren doch einen ziemlichen Wildwuchs, Rohre wurden einfach in den Kanal hineingeschoben. Mal waren sie zu kurz, mal waren sie zu lang, etliche Leitungen waren blind. Alles in allem wird die Sperrung der Geiselbachstraße etwa ein dreiviertel Jahr gedauert haben. Im Juli begann sie, im kommenden März ist sie zu Ende. Doch das bedeutet nicht, dass die Autofahrer von ihrem Ungemach befreit werden. Denn dann wird die Geiselbachstraße im zweiten Bauabschnitt ganz gesperrt bis Juni 2021. Was bedeutet, dass die nördlichen Stadtteile komplett vom Tal abgeschnitten sind und die Bürger große Umwege in Kauf nehmen müssen.

Im zweiten Bauabschnitt müssen die Bauarbeiter eng mit dem Denkmalschutz zusammenarbeiten. Während der Geiselbach im mittelalterlichen Esslingen offen verlief, damit ihn die Bürger als Abfall- und Fäkalientransporter benutzen konnten, durchschlängelte er im oberen Teil die alte Stadtmauer und das alte Beutau-Tor. Dieser Kanal ist möglicherweise original aus dem 13. Jahrhundert. Möglich ist allerdings auch, dass er später gebaut wurde, und die Steine des 13. Jahrhunderts dazu verwendet wurden.

Wenn der neue Kanal fertig ist, dann wird er 9,1 Millionen Euro gekostet haben. 2,5 Millionen sind es im ersten Bauabschnitt, 3,5 Millionen im zweiten, die Straße kostet noch einmal 3,1 Millionen Euro.