Metertiefe Baugruben, holprige Schotterfelder, metallene Zugangsbrücken, brummende Bagger, piepsende Lastwagen . . . Dass die Marbacher Fußgängerzone langweilig ist, kann keiner sagen. Hier ist Baustelle – und zwar so richtig. Wer regelmäßig durchläuft, kann praktisch täglich Neues entdecken. Neue Wege gehen, mit verschiedenem Schuhwerk verschiedene Untergründe testen, dem Baggerfahrer bei filigranster Arbeit mit der Riesenschaufel beobachten oder lauschen, wenn diese Schaufel über die Ladefläche eines Lastwagens kratzt.
Im Herzen Marbachs wird die Fußgängerzone erneuert; das alte Kopfsteinpflaster hat ausgedient. Ein neuer Granitbelag soll das Laufen für die, die sich schwertun, einfacher machen. Zudem wurden neue Leitungen verlegt, unter anderem um die Innenstadt ans Fernwärmenetz anzuschließen. Eine Mammutaufgabe. Vor allem, da alles drumherum weiterlaufen soll.
Alle Türen müssen zugänglich bleiben
Heißt: Zum einen sind alle Geschäfte und Wohnungen in der Marktstraße und in der Wildermuthstraße ständig zugänglich. Auch wenn man über eine Metallbrücke über einen großen Graben und dann seitlich daran vorbei laufen muss: Man kommt zum Einkaufen hinein.
Zum anderen heißt das auch, dass alle – Läden und Anwohner – immer Strom und Wasser haben. Was eine Menge Handarbeit und Logistik bedeutet. Damit alles in Betrieb bleiben kann, wurde bei der Erneuerung der Leitungen im Untergrund erst einmal um den Altbestand herumgebaut. Erst als die neuen Wasserleitungen und Stromkabel drin waren, konnte das Alte raus.
Erst im Frühjahr 2024 wird alles fertig
Besonders beengt war es im Bereich des Torturms. Die alten Leitungen lagen zu hoch. Hier ging es Zentimeter für Zentimeter in Handarbeit vorwärts, damit keines der ölgebundenen alten Kabel bricht und dennoch das große neue Kabelpaket im Untergrund platziert werden kann.
Der Brand der Trafostation an der Hermann-Hesse-Straße im Mai vergangenes Jahr hat das Ganze zusätzlich kompliziert gemacht, da dadurch monatelang nur ein Stromkreis von Zweien zur Verfügung stand. Unter anderem daraus resultiert auch eine Verzögerung bei den Bauarbeiten. Denn eigentlich hätte dieser Tage bereits die Eröffnung der neuen Fußgängerzone gefeiert werden sollen.
Der ursprüngliche Plan war, dass diesen Herbst alles fertig ist. Jetzt wird es Frühjahr 2024. Das ist auch realistisch, sagt Carsten Rüb. Er ist Straßenbaupolier bei der Firma Amos und der Chef der Marbacher Baustelle. Ein Ende der Arbeiten ist greifbar, auch wenn es noch einiges zu tun gibt.
Der Bauleiter muss im Gespräch mit allen bleiben
An diesem Freitag werkeln ganz oben Mitarbeiter des Landratsamtes am Ampelmasten, mittig wird die Bewässerung für ein Baumquartier ausgehoben, unten kommt ein Lastwagen voller Pflastersteine an. Und dazwischen – praktisch überall – ist Carsten Rüb. Er ist so etwas wie das Gesicht der Baustelle, organisiert, plant und befindet sich im ständigen Austausch mit Mitarbeitern, Subunternehmern, externen Arbeitern und den örtlichen Einzelhändlern.
Weil kommende Woche die Treppe fürs Kopfgässle gemacht wird, bittet Carsten Rüb den Besitzer der Eisdiele Silvana, bis dahin seine Tische auf die andere Seite zu räumen. „Ja klar, ich weiß schon Bescheid“, sagt dieser und winkt.
Schritt für Schritt vom Marktplatz nach oben vorgearbeitet
Fröhliches Winken auch ein Stück weiter unten in der Fußgängerzone. Die Jungs vom Eiscafé La Porta loben: „Ein supernetter Bauleiter.“ Auch hier passierte alles in Absprache. Während der Arbeiten direkt vor dem Café standen die Tische eben seitlich oder gegenüber. „Es sind Einschränkungen da“, sagt Carsten Rüb. „Das lässt sich nicht wegdiskutieren. Aber wir versuchen, allen so viel wie möglich entgegen zu kommen.“ Besonders wichtig sei es da, im Gespräch zu bleiben und zu informieren.
Zum Beispiel darüber, dass der Ablauf der Baustelle so durchaus Sinn ergibt. Peu à peu haben sich die Bauarbeiter in den vergangenen zwei Jahren deshalb vom Marktplatz bis ganz nach oben abschnittsweise vorgearbeitet, gegraben und Kabelpakete verlegt. Jetzt geht es retour nach unten mit den restlichen Arbeiten, sodass die großen Maschinen möglichst wenige Spuren auf der frischen Fußgängerzone hinterlassen können.
Weitergepflastert wird von unten nach oben
Das neue Granitpflaster, das jetzt noch vor der Drogerie Müller ein bisschen holprig daherkommt, bleibt auch nicht so. Es wird, wenn auch die Ränder mit den kleineren Pflastersteinen bestückt sind und sonst alles fertig ist, entsprechend befestigt. Weitergepflastert wird dann jeweils von unten nach oben. Erst vom Torturm bis zum Ende der Fußgängerzone hinauf, dann von der Niklastorstraße über den Marktplatz die Marktstraße hinauf. 4500 Quadratmeter Granitsteine werden am Ende verlegt sein. Vorher wird an der Wildermuthstraße diese Woche die Treppe am Kopfgässle mitsamt den Sitzquadern gebaut und das Blindenleitsystem in der Mitte der Straße fertiggestellt.
Es wird also – allen Unkenrufen zum Trotz. Die gab und gibt es immer wieder. Gerade in den sozialen Medien taucht immer wieder Kritik an den Bauarbeiten auf. „Wenn da Dinge verbreitet werden, die gar nicht stimmen, ärgert mich das“, sagt Carsten Rüb. Das sei aber in Marbach nicht anders als anderswo. „Ein paar wenige, die querschießen gibt es immer. Aber sonst lernt man auch viele nette Leute kennen.“