Das Einkaufscenter Milaneo wächst mit enormer Geschwindigkeit. Die Identität seiner Mieter hält der Betreiber ECE so gut es geht geheim – einige Namen sind trotzdem durchgesickert. Derweil ist das Projekt städtebaulich umstritten.

Lokales: Sven Hahn (hah)

Stuttgart - Es wird der größte Konsumtempel der Region und eines der größten Shoppingcenter in einer deutschen Großstadt. Die Rede ist vom Milaneo, das derzeit im neuen Europaviertel in die Höhe gezogen wird. Auch wenn das Projekt ­städtebaulich umstritten ist, bleiben die Eckdaten auf den ersten Blick beeindruckend: Gesamtkosten von mehr als 550 Millionen Euro, eine ­Geschossfläche von 107 000 Quadratmetern, verteilt auf drei Gebäude. Und: ­zwischen Baubeginn und Eröffnung vergehen aller Wahrscheinlichkeit nach lediglich zweieinhalb Jahre.

Für die Abläufe auf der Baustelle ist Thomas Dietzsch verantwortlich – er ist der Projektleiter des Bauherrn ECE. Von seinem Büro im Hochhaus an der Ecke Heilbronner und Wolframstraße hat er das Shoppingcenter immer im Blick. „Wir ­haben aktuell knapp 500 Leute auf der ­Baustelle und machen einen monatlichen Umsatz von bis zu sieben Millionen Euro“, sagt Dietzsch. Wenn die ­Mieter im April beginnen, ihre Flächen zu gestalten, werden bis zu 1500 Menschen am Milaneo arbeiten. Doch Dietzsch ­erklärt, sein Job sei eigentlich recht simpel: „Ich muss lediglich dafür sorgen, dass wir den Kostenrahmen einhalten, dass wir im Herbst pünktlich eröffnen und dass die Qualität stimmt.“

Kritik am Projekt

Ob die Qualität irgendwann einmal die Kritiker verstummen ­lassen wird, ist fraglich. OB Fritz Kuhn (Grüne) hat mehrfach bekannt, kein Freund des Projekts zu sein. Und da im Herbst parallel das Gerber an der Tübinger Straße eröffnen wird, befürchten die Händler ein Abwandern ihrer Kunden an den südlichen und nördlichen Rand der City.

Sabine Hagmann, die Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbands Baden-Württemberg, gibt sich pragmatisch. „Wir jammern nicht mehr, wir kümmern uns ­lieber darum, unser eigenes Angebot auf Vordermann zu bringen“, erklärt sie. Ihre größte Sorge in Bezug auf das Milaneo bleibt der Verkehr. „Ständige Warnungen vor Staus in der Innenstadt schaden dem Handel beträchtlich“, sagt sie. „Das haben wir zur Hochphase der Montags- und Samstagsdemos spüren und sogar messen können.“ Die Gesamtlage mit Milaneo und Großbaustelle am Bahnhof sieht die ­Verbandschefin kritisch. „Es obliegt jetzt der Stadt, für möglichst reibungslosen Verkehrsfluss zu sorgen“, fordert Hagmann. Aktuell müssen sich Autofahrer häufig auf eine neue Verkehrsführung rund um die Großbaustelle einstellen.

Die Parkplätze wurden heiß diskutiert

Dass der Verkehr zunehmen wird, ist ­allen Beteiligten klar. Unter dem Milaneo entstehen 1680 Parkplätze – mehr als 1000 davon für das Shoppingcenter. Die Zahl der Stellplätze hatte zu langen Debatten im ­Gemeinderat geführt. Grüne, SPD und SÖS/Linke wollten deren Anzahl stärker beschränken als der damalige OB Wolfgang Schuster (CDU).

Für einen Rundgang über die Baustelle führt der Weg hinein an einer rot-weißen Schranke vorbei, hinter der ein Schild verkündet: „Unsere Baustelle ist seit 88 Tagen ohne Unfall.“ Von der Wolframstraße bis zur Bibliothek führt eine breite Schneise zwischen zwei der drei ­Gebäudeteile des Centers hindurch. „Wir schauen uns ­Baufeld acht an“, sagt Dietzsch und verschwindet links in einem der späteren Eingänge. Die Ladenflächen sind mit grauer Plastikfolie abgehängt. „So müssen wir die Shops nicht mitheizen“, erklärt der Baustellenchef. Hinter dem Schild mit der Aufschrift „E2.12“ liegt eines der künftigen Geschäfte. „Das bedeutet Laden 12 auf der zweiten Ebene. Wir haben alles markenneutral gehalten“, erklärt Dietzsch. Die ­Mieter sollen vorerst geheim bleiben.

Neue Mieter werden gehandelt

Etwa 200 Geschäfte und Restaurants wird es im Milaneo geben. Im Gegensatz zur direkten Konkurrenz, dem etwa halb so großen Gerber am gegenüber liegenden ­Ende der Innenstadt, macht der Betreiber ECE ein Geheimnis aus seinen Mietern. In Handelskreisen werden jedoch einige ­heiße Kandidaten gehandelt. Neben bekannten Namen wie Apple, H&M, Peek und Cloppenburg, Esprit, Douglas oder Lacoste ist derzeit die Rede vom irischen Textil­discounter Primark sowie der polnischen ­Modegruppe LPP, die mit ihrem Label ­Reserved auf mehr als 2000 Quadratmetern ins Milaneo einziehen soll.

Im mittleren der drei Gebäudeteile ist die Fläche unter dem ovalen Dachfenster mit unzähligen Stahlträgern verbaut. „Hier gibt es später etwas zu essen“, erklärt Dietzsch. Die Plattformen auf den schrägen Trägern nennt er Pavillons. Sie werden später mit Glas verkleidet.

„Im Baufeld sechs, dem Gebäude direkt an der Heilbronner Straße, sind wir am weitesten“, schreit Thomas Dietzsch durch den Baulärm. „Dort werden bereits Fliesen und Rolltreppen eingebaut.“ Ein Blick ins Innere wird an dieser Stelle nicht mehr gewährt – offiziell, damit die Böden ungestört verlegt werden können. Doch möglicherweise ist die Sorge zu groß, Hinweise auf Mieter könnten nach außen dringen. Unverfänglicher ist hingegen ein Gang durch Baufeld neun, den dritten Gebäudekomplex am unteren Ende der Wolframstraße, in dem gerade die letzten Rohbauarbeiten laufen. Von dort geht er ­hinaus zur künftigen ­Stadtbahn-Haltestelle Budapester Platz. Der U-12-Tunnel ­verschwindet zwischen Milaneo und ­Stadtbibliothek in Richtung Bahnhof im Untergrund.

Geheimnisse auch gegenüber den Mitarbeitern

Wie lange diese Baustelle noch sein Arbeitsplatz sein wird, kann Thomas Dietzsch noch nicht sagen. Geheimnisse haben bei der ECE nicht allein gegenüber der Öffentlichkeit Tradition. Auch die Mitarbeiter des ­Einkaufszentren-Betreibers müssen mit kurzfristigen Nachrichten ­umgehen. „Ich bekomme am Tag der ­Eröffnung gesagt, was mein nächstes ­Projekt sein wird“, ­erklärt Dietzsch und fügt rasch an: „Das ist auch gut so. Man kann sich ja nicht auf zwei Baustellen gleichzeitig konzentrieren.“ Im Normalfall bleiben die Projektleiter nach Abschluss der Arbeiten noch vier Monate am Ort. „Wie lange das hier sein wird, kann ich ­jedoch noch nicht sagen. Das Milaneo ist eben ein wenig komplexer“, sagt Dietzsch.

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