Baustelle Obrigheim Ein Atomkraftwerk wird zersägt

Seit 2008 zerlegen Arbeiter das Kernkraftwerk Obrigheim. Bald beginnt auf der Baustelle die gefährliche Phase. Doch es gibt Widerstand gegen die nötige Genehmigung.

Die Personenschleuse ins Reaktorgebäude ist mittlerweile offen. Foto: Achim Zweygarth
Die Personenschleuse ins Reaktorgebäude ist mittlerweile offen. Foto: Achim Zweygarth

Obrigheim - Zwei, eins, danke“ – eine Computerstimme gewährt Einlass in der Sicherheitsschleuse des Kernkraftwerks Obrigheim. Der älteste kommerzielle Atomreaktor ist seit Mai 2005 nach fast 37 Betriebsjahren vom Netz, doch die Einlasskontrollen sind so umfassend wie zuvor. Jede Kamera muss angemeldet werden beim Werkschutz, Personen werden wie auf dem Flughafen kontrolliert, und bei der Einfahrt auf dem Gelände werden mit Sonden die Autos kontrolliert.

Der Druckwasserreaktor, mit einer Leistung von 357 Megawatt der kleinste der EnBW Kernkraftwerk GmbH, wird zurückgebaut. Seit August 2008 liegt die Genehmigung vor. Für große Teile, etwa die Dampferzeuger oder Motoren aus dem „Kontrollbereich“, dem kuppelförmigen Reaktorgebäude, musste eigens eine haushohe Materialschleuse gebaut werden. Die Dampferzeuger wurden im Mai mit dem Schiff zu den Energiewerken Nord GmbH in Lubmin, einem Spezialisten für den Rückbau, transportiert. Dort werden die Großkomponenten zerlegt, dekontaminiert, entsorgt, die leicht radioaktiven Reststoffe endlagerfähig verpackt und nach Obrigheim zurückgeschickt.

Fast ein ganzes Atomkraftwerk „muss in die Gitterbox“, wie es hier heißt. Nahezu das komplette Innenleben, Rohrleitungen, Anlagenteile, Betonträger, werden zerlegt und zersägt auf die Maße 1,5 x 1 x 1 Meter, damit die Boxen durch die normale Schleuse passen. Alles wird auf Strahlung überprüft. Metall wird an den Schrotthandel verkauft, Beton als Bauschutt entsorgt. Auf dem Gelände stapeln sich die Container.

Was bleibt ist der radioaktive Abfall, gut 2300 Tonnen sollen anfallen. „Das ist weniger als ein Prozent der gesamten Abbaumasse von 275 000 Tonnen“, erläutert Manfred Möller, der technische Geschäftsführer des Kraftwerks. Schwach- und mittelradioaktive Abfälle ohne nennenswerte Wärmeentwicklung werden in sogenannte Konrad-Container verpackt und beim Werk gelagert, bis vermutlich 2019 das Endlager Schacht Konrad bei Salzgitter in Betrieb geht. Die 342 ausgedienten hochradioaktiven Brennelemente stecken inzwischen im separaten Notstandsgebäude in einem Wasserbecken. Ein Zwischenlager für die trockene Einlagerung in 15 Castoren muss erst noch gebaut werden.

Radioaktiver Abfall muss nach Kräften vermieden werden. Deshalb werden radioaktive Komponenten dekontaminiert – chemisch behandelt, ins Ultraschallbad gesteckt oder ganz einfach geschrubbt und gewaschen – mit einem haushaltsüblichen Kratzschwamm. Die Mitarbeiter, 190 sind es noch von einst rund 340, tragen für diese „Handarbeit“ einen Vollschutzanzug. Das Wasser wird aufgefangen, verdampft, zurückbleiben minimale Reststoffe. Das hört sich unglaublich einfach an, erfordert aber strenges Einhalten aller Arbeits- und Strahlenschutzvorschriften.

Die Brennstäbe werden rund um die Uhr überwacht

Das riesige Maschinenhaus ist bereits nahezu komplett leer geräumt, an den Wänden hängen Werbebanner der mit den Arbeiten betrauten Fremdfirmen und Abbruchspezialisten. Laut ist es auf dieser Baustelle, Sägen kreischen. Die Betonsäulen, die den „Tisch“ mit den Turbinen trugen, werden zerkleinert. Die meisten Schalttafeln im Überwachungsraum sind dunkel. Dennoch ist die Warte im Fünf-Schicht-Betrieb rund um die Uhr besetzt, denn die Kühlung der Brennstäbe darf nicht ver­sagen.

Im Reaktorgebäude klingt Metall auf Metall, hier wird gehämmert, gesägt. Noch läuft die Phase zwei, der Abbau von zum Großteil leicht kontaminierten Anlagen, Hauptkühlleitungen, Systemen des internen Brennelementelagerbeckens. Entlang der Wand stapeln sich die Gitterboxen, versehen mit Warnhinweisen und Messdaten, „Vorsicht! Erhöhte Strahlung“ oder „Vorsicht! Kontamination“, etwa Hüllrohre und Schaltafeln hermetisch abgeschlossen in dicken Folien verpackt. Ebenfalls hermetisch abgeschlossen ist ein lang gestrecktes Zelt mit speziellen Lüftungseinrichtungen und Filtern. Darin zerlegen Mitarbeiter in Vollschutzanzügen Teile, bei denen radioaktive Stäube oder Späne anfallen.

Die Vorarbeiten für die dritte, „heiße“ Phase des Abbruchs haben begonnen. Die notwendige Genehmigung, beantragt im März 2010, wird bis zum Jahresende erwartet. Dreieinhalb Jahre wird es dann laut Möller dauern, fernbedient und unter Wasser, bis der Reaktordruckbehälter mit allen seinen Ein- und Anbauten zerkleinert und endlagerfähig verpackt ist.

Bis 2020 sollen die restlichen Anlagensysteme in der Reaktorkuppel abgebaut sein. Danach seien alle Gebäude eine „konventionelle Industrieanlage mit allen Optionen – Weiternutzung oder Abriss“, sagt Manfred Möller. Rund 500 Millionen Euro wird der Rückbau dann gekostet haben, für den die EnBW Rücklagen gebildet hat. Rund 6,5 Milliarden Euro sind es inzwischen für die fünf Atommeiler an den Standorten Obrigheim, Neckarwestheim und Philippsburg.

Obrigheims Bürgermeister Roland Lauer blickt mittlerweile optimistisch in die Zikunft. Die Gemeinde im Neckar-Odenwald-Kreis hat jahrzehntelang vom Kernkraftwerk profitiert. Sie ist seit Jahren nahezu schuldenfrei, hat 17 Millionen Euro auf der hohen Kante. Zwar war das Gewerbesteueraufkommen nach dem Abschalten des Atommeilers um 75 Prozent gesunken, aber Obrigheim kam zugute, dass sein Kraftwerk als Erstes aufgegeben wurde. Die EnBW ließ ihre Standortgemeinde nicht hängen und verlegte laut Lauer einige Firmensitze dorthin. Derzeit liege die Gewerbesteuer bei rund drei Millionen Euro und damit „erheblich höher“ als zur Laufzeit des Atomkraftwerks.

Den Bürgermeister jedenfalls überrascht es am Dienstagabend nicht, dass keine Obrigheimer zur Infoveranstaltung ins Kernkraftwerk kommen. Mit einem gelben Fass und Anti-Atomkraft-Flaggen protestiert die Bürgerinitiative Atomerbe Obrigheim gegen das strahlende Erbe. Drinnen im Besucherzentrum fordern zwei Mitglieder auf einem Transparent „Öffentlichkeitsbeteiligung statt Behördenwillkür“.

Die BI hat Ende 2011 Klage eingereicht gegen die zweite Abbaugenehmigung. Sie fordert für jeden Abbauschritt eine förmliche öffentliche Bürgerbeteiligung. Eine solche sei rechtlich nicht vorgesehen, wenn sich gegenüber der ersten Abbau- und Stilllegungsgenehmigung nichts Gravierendes ändere, erklärt Helmfried Meinel, Amtschef im Umweltministerium. Damals sei bereits das Gesamtkonzept eingereicht und umfassend begutachtet, eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchgeführt und die Öffentlichkeit informiert worden.

Die Kreisvorsitzende der Grünen im Neckar-Odenwald-Kreis, Christine Denz, kürzlich von Ministerpräsident Winfried Kretschman für ihr Engagement ausgezeichnet, ist deshalb mit dieser „unverbindlichen“, Informations- und Fragerunde, die vier Stunden dauert, unzufrieden. Denz erwartet, dass durch den öffentlichen Druck der Umweltminister die dritte Genehmigung zurückhält, bis das Gericht über die Klage gegen die zweite entschieden hat. Wie der Rückbau praktisch vonstatten geht, davon hat sich die 64-jährige pensionierte Lehrerin noch kein Bild gemacht: „Ich war noch nicht im KWO.“