Das Baufeld im Schlossgarten ist nun sichtbar. Die Nachbarn - das Planetarium, der Biergarten und das Königin-Katharina-Stift - stellen sich darauf ein.

Auto/Maschinenbau: Erik Raidt (era)

Stuttgart - In seinem aktuellen Programm fragt das Planetarium: „Leben auf dem Mars?“ Wenn Uwe Lemmer, der Direktor des Sternentheaters, in diesen Tagen aus seinem Büro schaut, kommt ihm manches außerirdisch vor. „Die Welt ist nicht mehr so, wie sie einmal war“, sagt Lemmer. Wo sich noch vor zwei Wochen Äste uralter Platanen im Wind bogen, Parkschützer und Parkbesetzer im Schlossgarten lebten, sind nun Baufahrzeuge und Arbeiter in neongelben Schutzwesten unterwegs. Früher als geplant hat die Bahn ihre Rodungen beendet und mehr als 60 Bäume versetzt. In jenem Teil des Mittleren Schlossgartens, der unmittelbar an den Bahnhof grenzt, ist nichts mehr wie zuvor – das wirkt sich auf das Leben der unmittelbaren Nachbarn jenes Baugeländes aus, auf dem die Grube für den Tiefbahnhof ausgehoben wird.

Stuttgart erfindet sich in Teilen neu. Und Uwe Lemmer hat unfreiwillig einen Blick aus der ersten Reihe auf das Geschehen. „Es ist noch zu früh, um abzuschätzen, wie sich das auf unsere Besucherzahlen auswirken wird“, sagt Lemmer, „momentan laufen bei uns eine Menge Neugierige vorbei, die sich für die Baustelle interessieren.“ Doch dies ist für den Planetariumschef nur eine Momentaufnahme, die Bauarbeiten sind wie ein Blick in die Zukunft des Universums: Vieles ist berechenbar, doch es existieren auch Unbekannte und Unschärfen. „Ich kann nur darüber spekulieren, wie sich Lärm, Staub und Erschütterungen auf unseren Betrieb auswirken werden“, sagt Lemmer.

Ungewisse Zukunft für das Planetarium

Dabei denkt er vor allem an das empfindlichste Gerät seines Hauses – den Zeiss-Projektor, der sich zu Beginn der Vorstellungen zu den Klängen von „Also sprach Zarathustra“ emporschiebt. Lemmer hat bei dem Unternehmen nachgefragt, ob das Gerät durch Vibrationen und Erschütterungen zu Schaden kommen könnte. „Aber die haben das Risiko nicht genau benennen können“, sagt Lemmer. „Uns bleibt also nur Rätselraten.“ Offen bleibt aus seiner Sicht auch, wie sehr sich das Publikum an Baulärm stören wird, der während der Vorstellungen zu hören sein könnte. „Klar ist aber, dass ich die Vorführungen für die Schulklassen nicht einfach auf den Abend verlegen kann, wenn die Bauarbeiten beendet sind.“

In diesen Tagen liegt das Planetarium am Rande der Sperrzone im Mittleren Schlossgarten. Und Lemmer ahnt, dass dies erst ein Vorgeschmack ist, auf das, was noch auf ihn zukommt: Die Haltestelle Staatsgalerie wird umgebaut, und neben dem Planetarium soll ein Förderband eingerichtet werden, auf dem der Aushub für den Tunnel abtransportiert wird. Lemmer würde ruhiger in die Zukunft sehen, wenn er wüsste, dass das Planetarium nach Bad Cannstatt umziehen könnte. Doch ob das Haus Teil des Mobilitätserlebniszentrums wird, ob sich Porsche und der Gemeinderat auf ein Konzept einigen können – all das ist ungewiss.

Biergarten im Mittleren Schlossgarten

Rund 200 Meter vom Planetarium entfernt setzt Sonja Merz auf den Frühling. Die Mitarbeiter eines Blumengeschäfts pflanzen die ersten Stiefmütterchen in die Kübel ein. Seit elf Jahren leitet Sonja Merz den Biergarten im Mittleren Schlossgarten. „Ich wusste von Anfang an, dass Einschnitte auf mich zukommen, wenn Stuttgart 21 gebaut wird“, sagt Merz, „aber es ist schon noch mal etwas anderes, wenn man die Baustelle jetzt vor Augen hat.“ Sonja Merz blickt hinüber zum Südflügel des Hauptbahnhofs, wo sich ein Abrissbagger ins Gemäuer hineinwühlt. In diesem Jahr werden die Gäste des Biergarten den ersten Sommer am Bauzaun erleben.

Sonja Merz überlegt, was sie tun kann, damit ihre Besucher bei Hefeweizen und Brezeln nicht dauernd an jene Baustelle denken, die das Bild im Mittleren Schlossgarten über Jahre hinweg prägen wird. Die 150 Bambusse, die derzeit noch im Gewächshaus überwintern, will sie zu einem Sichtwall aufbauen, der den Biergarten vom 50 Meter entfernten Bauzaun abgrenzt. Die Bühne, auf der die Bands auftreten, könnte sie auch verschieben.

Neue Chancen durch Veränderung

Vor allem will sie Schilder am Bauzaun anbringen lassen, die die Gäste auf den Weg hinweisen – der Zugang von der Klettpassage zum Biergarten bleibt gesperrt. Doch zwei Wochen nach der Fällung der Bäume kehrt eine neue Normalität ein: Gestern hat die Stadt das Aufenthalts- und Betretungsverbot für Teile des Mittleren Schlossgartens wieder aufgehoben: Der Ferdinand-Leitner-Steg ist wieder geöffnet, und auch der Zugang vom Bahnhof zum Planetarium ist wieder ohne Umwege möglich.

Sonja Merz hofft, dass sich ihre Gäste nicht abschrecken lassen. Die Biergartenchefin sieht nicht nur die Risiken, als Geschäftsfrau sieht sie auch Chancen in den Veränderungen. Merz denkt dabei an die Baustellentouristen und daran, dass auch Bauarbeiter nach dem Feierabend durstig sein werden.

Laut wird es mitunter dennoch werden. Dann muss die Blasmusik gegen den Baggerlärm anspielen. Solche Probleme wird das Königin-Katharina-Stift auf der anderen Seite der Schillerstraße nicht bekommen. Im Frühjahr wird die Generalsanierung der Schule abgeschlossen. „Dann werden wir auch zum Oberen Schlossgarten hinaus Schallschutzfenster der höchsten Kategorie besitzen“, sagt der Rektor Christof Martin. Die größte Baustelle Europas wird für Schüler und Lehrer von den Klassenzimmern aus zu sehen sein, hören werden sie von ihr fast nichts.