Baustellenfrust auf dem Sindelfinger Wochenmarkt „Wenn das so bleibt, sind wir hier weg!“

Baustellenbetrieb trifft auf Wochenmarkt – die Sanierung der Marktplatz-Tiefgarage hat spürbare Folgen. Foto: Langner

Die Sanierung der Marktplatz-Tiefgarage erzwingt derzeit eine Neuordnung beim Sindelfinger Wochenmarkt. Manche Beschicker fühlen sich unfair behandelt.

Böblingen: Edmund Langner (edi)

Akkordeonmusik liegt in der kühlen Morgenluft. Beim Obst- und Gemüsestand von Girolamo Anzalone nimmt ein Kunde prüfend eine Mango in die Hand, beim Petit Fleur Blumenhändler schaut eine ältere Dame verzückt auf das bunte Blütenmeer aus Ranunkeln zu ihren Füßen. Fast könnte man meinen, es wäre ein ganz normaler Dienstagvormittag beim Sindelfinger Wochenmarkt. Aber eben nur fast.

 

Auf halber Höhe des Marktplatzes frisst sich klackernd ein Meißelbagger in den harten Untergrund, Maschinen dröhnen, Staub und Dieselabgase wehen durchs Bauzaungitter. Die Sanierung der Tiefgarage ist an diesem Dienstag in die nächste Bauphase getreten. Das wirkt sich spürbar auf den Wochenmarkt aus, denn ein Großteil der Stände muss vom Marktplatz weichen.

Einige Beschicker fühlen sich unfair behandelt

Manche Beschicker fühlen sich deswegen unfair behandelt – darunter Metzgermeister Philipp Laufer. Mit seinen Fleisch- und Wurstwaren von der eigenen Hofmetzgerei in Löffingen-Dittishausen im Südschwarzwald war er bisher ein Fixpunkt auf dem Marktplatz. Jetzt steht er in der Planiestraße, nahe dem Bistro Planie.

Neben ihm sollte eigentlich die Maichinger Bäckerei Frank ihren Stand aufstellen. „Aber da standen heute Morgen noch die Tische und Stühle vom Bistro“, berichtet die Verkäuferin Sarah Kahlert. Weil der städtische Marktmeister nicht ans Handy gegangen sei, habe sie ihren Stand kurzerhand am unteren Ende der Planiestraße aufgestellt – dort wo donnerstags und samstags eigentlich ein Nüsse- und Trockenfrüchtehändler stehen soll.

Auch sonst läuft wohl noch nicht alles rund. Als Metzgermeister Laufer um 7 Uhr loslegen wollte, habe er keinen Strom gehabt. Mit der Verlegung ist er überhaupt nicht einverstanden. „Wir sind seit bald zehn Jahren an drei Tagen in der Woche hier. Warum müssen wir an den Rand und andere, die neu sind oder nur einmal die Woche da sind, bleiben auf dem Marktplatz?“, fragt er sich.

Terkan Türkyilmaz vom Käsehäusle Foto: Langner

Vom alten Platz ist er zwar nur ein, zwei Minuten Fußweg entfernt, dennoch mache sich die Verlegung schon jetzt bemerkbar. „Es kommen weniger Leute“, stellt er fest. „Dieser Standort ist ganz schlecht“, stimmt ihm eine Stammkundin zu. „Wenn das so bleibt, finden wir einen anderen Markt für uns“, kündigt Philipp Laufer an.

Fliehkräfte der Tiefgaragen-Baustelle zeitigen Wirkung

Ganz am anderen Ende des Marktgeschehens, in der Unteren Vorstadt, zeitigen die Fliehkräfte der Tiefgaragen-Baustelle ebenfalls ihre Wirkung. Neben dem Sehne-Café ist Terkan Türkyilmaz mit seinem Käsehäusle gelandet. „Mir tun die älteren Menschen leid, die nicht mehr so gut zu Fuß sind. Die müssen jetzt weite Wege gehen“, sagt der 39-Jährige. „Aber wir kooperieren“, zeigt er Verständnis für die Verlegung. Er habe viele Stammkunden, die würden ihn auch hier unten finden. Dennoch sehe er schon jetzt, dass weniger in der Kasse landet als sonst.

Weniger diplomatisch drückt sich Norbert Weiss gegenüber am Stand von Reil-Forellen aus. „Große Ideen, Ausführung scheiße“, kritisiert er Sindelfingens Verwaltung. Der Mitarbeiter von Fritz Mauz aus Burladingen würde wohl selbst gerne zeigen, wie man es besser macht: Er kandidiert für das Amt des Sindelfinger Oberbürgermeisters. „Ein Stand, der seit 40 Jahren dreimal die Woche auf dem Marktplatz steht – und jetzt so weit ab vom Schuss. Das geht nicht. Das kann man einfach nicht machen“, schimpft Weiss. Der promovierte Volkswirtschaftler erwartet Umsatzeinbußen von 20 bis 25 Prozent.

Immer nur dienstags ist der Familienbetrieb Seybold mit seinem Fisch- und Wildangebot auf dem Wochenmarkt. Verkäuferin Elvira Seybold will abwarten, wie sich hier an der Ecke Marktplatz/Planiestraße alles entwickelt. Für den Ärger ihres Mitbewerbers hat sie Verständnis. „Mir tut jeder leid, der da unten hinversetzt wurde“, sagt sie.

„Jeder wusste, dass dieser Tag X kommen würde. Wir haben uns darauf vorbereitet und Rücklagen gebildet“, sagt Jutta Volz von der Sindelfinger Mittelpfadgärtnerei. Ihr neuer Standort ist neben der Tiefgaragenzufahrt, gleich unterhalb des Marktplatzes. „Man hätte den Markt ja auch ganz verlegen oder aussetzen können“, ist die Obst- und Gemüsehändlerin froh über diesen Kompromiss.

Norbert Weiss bedient einen Kunden am Fischstand. Foto: Langner

Marktsprecher Andreas Terschawetz berichtet dagegen von einem weitgehend positiven Start. Der Grafenauer betreibt auf dem Wochenmarkt die mobile Kaffeebar El Coffeino. In Abstimmung mit Stadt und Bauleitung musste er Auflagen wie Feuerwehrzufahrten erfüllen und zugleich auf eine möglichst gerechte Verteilung der Stände achten. Für unzufriedene Beschicker will er sich weiter einsetzen und versuchen, bessere Standorte zu finden. „Da gibt es ein paar Verkehrsschilder, die sicher keiner braucht, solange hier Baustelle ist“, hat er dafür auch schon Ideen.

Sindelfingen rockt und Schlemmermarkt sollen stattfinden

„Die meisten Rückmeldungen waren positiv, doch uns erreichen auch negative Einschätzungen“, sagt Felix Rapp, der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Sindelfingen, nach dem ersten Tag mit neuer Marktaufstellung. Bis Mitte 2026 soll die Maßnahme bestehen. In dieser Zeit werde man auf gewohnte und beliebte Veranstaltungen wie den Schlemmermarkt oder „Sindelfingen rockt“ übrigens nicht verzichten müssen. Man arbeite im engen Austausch mit den Organisatoren daran, alle etablierten Veranstaltungsformate auch unter den veränderten Rahmenbedingungen weiterhin zu ermöglichen. „Eine Gefährdung der Events sehen wir aktuell nicht“, sagt Rapp.

Vielfalt auf und um den Marktplatz

Zeitlich
 Der Sindelfinger Wochenmarkt findet wöchentlich am Dienstag, Donnerstag und Samstag statt. Marktzeiten von April bis September sind von 7 bis 13.30 Uhr, von Oktober bis März von 8 bis 13 Uhr.

Örtlich
 An insgesamt 35 Standorten gibt es von Ananas bis Ziegenfleisch eine große Auswahl an Waren zu kaufen. Wegen der Baustellensituation erstreckt der Markt sich in derzeit auch in die Planiestraße, die Mercedesstraße und die Untere Vorstadt. 

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