Bauträger aus dem Kreis Ludwigsburg pleite Mehr als 1000 Paulus-Gläubiger könnten ihr Geld verlieren

Eine Paulus-Haus in Stuttgart-Wangen. Mit dem Bau barrierefreier Wohnungen hat der Bauträger eigentlich ein zukunftsträchtiges Geschäftsmodell. Das Unternehmen geriet trotzdem in Schieflage. Foto: Günter E. Bergmann

Die Insolvenz der Paulus Wohnbau aus Pleidelsheim hat nun aller Voraussicht nach doch Konsequenzen. Vor allem für private Anleger, die dem Bauträger insgesamt Millionen anvertraut haben.

Ludwigsburg : Emanuel Hege (ehe)

Nach Bekanntwerden der Insolvenz des Wohnbauunternehmens Paulus aus Pleidelsheim (Kreis Ludwigsburg)   hieß es, dass kein Kunde oder Partner Geld verliert. Nach ein paar Wochen sieht es so aus, als ob sich die Situation anders darstellt. Denn Handwerker und vor allem private Geldgeber verlieren aller Wahrscheinlichkeit nach Geld – es wird wohl 1042 Geschädigte geben. Ein Versagen der Geschäftsführung ist derzeit jedoch nicht zu erkennen.

 

Rückblick: Mitte August hatte die Paulus Wohnbau GmbH die Öffentlichkeit über ihre Insolvenz informiert. Die sinkende Kaufnachfrage und die hohen Baukosten hätten dem Unternehmen so zugesetzt, dass es zu Liquiditätsproblemen gekommen sei, hieß es. Die Finanzierung von 19 begonnenen Bauprojekten und die Arbeitsplätze von 36 Mitarbeitern seien gefährdet.

Kleinanleger investierten in Paulus

Kurz darauf erreichte unsere Zeitung ein anonymes Schreiben, in dem sich ein angeblicher Kunde der Paulus Wohnbau über seinen finanziellen Schaden durch die Pleite ärgert. Zwei „Zinssteine“ habe er gekauft, mit der Aussicht auf eine Rendite von 7 Prozent in zwei Jahren. Der angebliche Kunde habe nun Sorge, dass seine Investition gar nicht oder nur teilweise zurückgezahlt wird.

Zwar kann der Inhalt des Briefes nicht verifiziert werden, feststeht aber, dass es diese beschriebenen Investitionen von Kleinanlegern gegeben hat. Vom Jahr 2022 an wurden zwei Paulus-Bauprojekte auf der Crowdfunding-Plattform „Zinsbaustein“ beworben. Auf dieser, von der Bafin zugelassenen Plattform, haben private Anleger die Möglichkeit, 500 bis 25 000 Euro in Bauprojekte ihrer Wahl zu investieren. Es winken Renditen von 5 bis 8 Prozent. Paulus sammelte für seine zwei Projekte über „Zinsbaustein“ von 1042 Anlegern einen mittleren einstelligen Millionenbetrag.

Diese privaten Anleger verlieren mit hoher Wahrscheinlichkeit ihr ganzes Geld oder einen Teil ihres Geldes – das sagt Holger Leichtle. Er begleitet als unabhängiger Anwalt die Insolvenz von Paulus. Die wird zwar in Eigenverantwortung abgewickelt, „ich bin sozusagen der vom Gericht eingesetzte Aufpasser“, erklärt Leichtle.

Auch Erwin Paulus selbst (von 1982 bis 1998 Bürgermeister in Pleidelsheim) und sein Anwalt Erik Silcher sagen, dass ein Großteil ihrer Gläubiger von der Plattform „Zinsbaustein“ stammen und durch die Insolvenz geschädigt werden könnten. Er habe 2018 gute Erfahrungen mit der Plattform gemacht, erklärt Erwin Paulus, warum er Kapital über „Zinsbaustein“ gesammelt hat. Damals habe er mit den Investitionen der Kleinanleger einen Teil des Eigenkapitals für ein Bauprojekt besorgt, das erfolgreich umgesetzt worden sei und die Investoren mit 5,5 bis 7 Prozent glücklich gemacht habe.

Paulus sammelte schon zuvor Geld auf der Plattform

2022 habe er dann erneut auf „Zinsbaustein“ Geld gesammelt. Die Banken seien extrem vorsichtig geworden, hätten Projekte nur mit einem hohen Eigenanteil seinerseits finanziert. Der Großteil der Eigenanteile für die zwei Projekte sei von „Zinsbaustein“-Anlegern gekommen, sagt Paulus. Neben den geschädigten Investoren der Plattform, gibt es weitere private Anleger, die Geld verlieren könnten, bestätigen Paulus und Silcher. Die Anzahl dieser Anleger bewege sich aber im einstelligen Bereich. Dazu gehört unter anderem Erwin Paulus selbst, der nach eigenen Angaben sein ganzes Privatvermögen als Darlehen in die Firma gesteckt hat.

Aber auch Bauunternehmen, beispielsweise Handwerker, könnten Geld verlieren. Das wolle man jedoch verhindern, indem man die derzeit 19 begonnen Bauprojekte beendet. Ob das gelingt, liegt wiederum an den Banken, und ob diese die Finanzierung der Projekte trotz Insolvenz fortführen.

Und wie geht es jetzt mit dem Pleidelsheimer Unternehmen weiter? Erwin Paulus und sein Anwalt Erik Silcher wollen das Unternehmen retten und führen deshalb laut eigener Aussage Gespräche mit den Banken, um die Finanzierung für die begonnenen Projekte zu sichern. Sie sind optimistisch, dass die Mehrzahl der 19 Bauten mit insgesamt 360 Wohnungen fertiggestellt und verkauft werden.

Kein Versagen aber wohl Unvorsichtig

Dann würde laut Erik Sichler voraussichtlich im kommenden Frühjahr ein Insolvenzplan erstellt und den Gläubigern eine sogenannte Befriedigung angeboten werden. Es ist zwar noch nicht sicher, in welche Richtung der Insolvenzplan steuert – es könnte jedoch zum Schuldenschnitt kommen, sagt Silcher. Also eine Art Abfindungsausgleich, bei dem die Paulus-Gläubiger womöglich einen Rückzahlbetrag von schätzungsweise 10 Prozent der eigentlichen Summe angeboten bekommen.

Doch wer hat eigentlich Schuld? Bisher habe er keine Anhaltspunkte auf ein Versagen der Geschäftsführung, sagt der vom Gericht eingesetzte „Aufpasser“ Holger Leichtle. Es sei eine ungewöhnliche Situation gewesen, die das Unternehmen getroffen habe. Der Wechsel vom goldenen Zeitalter der Bauträger hin zur Baukrise sei schnell und unerwartet gekommen, sagt Silcher.

Aber: „Aus meiner Erfahrung wurden bei Insolvenzen immer Fehler gemacht. Ich behaupte mal, dass in zehn Jahren Boom-Zeit irgendwann nicht mehr so vorsichtig gerechnet wurde, wie man es zu normalen Zeiten gemacht hätte.“

Die Vorgeschichte der Paulus-Pleite

Gründe für Insolvenz
Der Hauptgrund für die Paulus-Pleite ist der Einbruch der Kaufnachfrage. Im laufenden Jahr hat Paulus nur drei Wohnungen verkauft – in den vergangnen Jahren waren es im gleichen Zeitraum 65 bis 90. Die Erlöse fielen von 80 Millionen Euro 2021, auf bisher 2 Millionen Euro 2023. Hinzu kommen schnell gestiegene Zinsen und hohe Baukosten.

Projekte
Paulus Wohnbau baut derzeit vor allem Mehrfamilienhäusern für Senioren. Das Unternehmen ist auf den Bau von barrierefreien Wohnungen spezialisiert. Eigentlich ein Zukunftsmarkt: Die Gewerkschaft IG Bau warnte erst kürzlich vor einem Mangel an altersgerechten Wohnungen im Kreis Ludwigsburg.

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