Die Krise in der Bauwirtschaft spitzt sich auch im Kreis Göppingen zu. „Nichts geht mehr“, sagt Kreishandwerksmeister Jürgen Schmid und meint das durchaus wörtlich. „Wir haben einen dramatischen Rückgang der Baugenehmigungen“, schildert Schmid die Lage und nennt sie „katastrophal“. Selbst bestehende Aufträge würden zum Teil storniert, auch im Bereich Sanierung. Und Änderung sei aktuell nicht in Sicht, sagt der Kreishandwerksmeister. Daran ändere auch der Baugipfel Anfang dieser Woche nichts, bei dem die Berliner Bundesregierung Zugeständnisse präsentiert hat, um die Branche zu unterstützen. Die angeblichen Ergebnisse seien bis jetzt nur Absichtserklärungen und selbst, wenn sie umgesetzt würden, nur der Tropfen auf den heißen Stein. Bis deren Wirkung einsetze, daure es viel zu lang. Schmid: „Wenn das so weitergeht, gehen im Spätherbst in einigen Bereichen der Bauwirtschaft die Lichter aus.“
Firmen suchen für Fachkräfte händeringend nach Wohnungen
Ähnlich sieht man es bei der Industrie- und Handelskammer im Bezirk Göppingen (IHK). „Wir sind froh über alles, was die momentane Lage der Bauwirtschaft verbessert“, sagt der Leitende Geschäftsführer Gernot Imgart. Er sieht in der momentanen Krise eine Gefahr für den Wirtschaftsstandort. Imgart befürchtet, dass der Fachkräftemangel durch den Mangel an Wohnraum noch befeuert wird. Anlass dazu gibt ihm eine aktuelle IHK-Umfrage, in der es um die Thematik „Wohnen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“ geht. Als dringlichstes Geschäftsrisiko werde in der jüngsten Konjunkturumfrage von den befragten Unternehmen der Fachkräftemangel genannt, berichtet der IHK-Geschäftsführer. „Aber wie sollen qualifizierte Mitarbeiter angeworben werden, wenn es keine Unterkunft für sie und ihre Familien gibt?“ Viele Unternehmen seien deshalb aktiv geworden und unterstützten ihre Mitarbeiter bei der Wohnungssuche. Sie gingen abhängig von Branche und Firmengröße sehr individuell vor. Das Thema Werkswohnungen für Mitarbeiter sei wieder aktuell. Imgart: „Es gibt bereits Unternehmen im Landkreis, die Wohnungen für ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen vorhalten.“
Eine aktuelle Regional-Analyse zum Wohnungsmarkt, die das Pestel-Institut in Hannover gemacht hat, bestätigt die Baukrise im Landkreis. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres gab es danach laut einer Pressemitteilung des Instituts im gesamten Landkreis Göppingen lediglich 84 Baugenehmigungen für neue Ein- und Zweifamilienhäuser. Zum Vergleich: Im ersten Halbjahr 2022 waren es noch 177 Baugenehmigungen. „Damit ist der Eigenheimbau innerhalb von nur einem Jahr um 53 Prozent zurückgegangen“, wird Matthias Günther zitiert. Der Leiter des Pestel-Instituts sieht „das Wohneigentum weiter auf der Rutschbahn“. Um eine Kehrtwende zu erreichen, müsse der Staat ein effektives Wohneigentumsprogramm auf die Beine stellen.
Hohe Zinsen und hohe Preise stehen Wohneigentum im Weg
„Der Traum vom eigenen Haus, von der eigenen Wohnung – er platzt gerade in Serie“, sagt Katharina Metzger vom Bundesverband Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB), der die Wohnungsmarkt-Untersuchung im Pestel-Institut in Auftrag gegeben hat. „Wenn es um das Anschaffen von Wohneigentum geht, ist auch der Kreis Göppingen quasi in eine Schockstarre verfallen.“ Nur wenige Menschen könnten sich laut Metzger die eigenen vier Wände heute noch leisten. „Hohe Zinsen, hohe Baulandpreise, hohe Baukosten, die vor allem auch durch hohe Klimaschutz-Auflagen nach oben getrieben werden: Wohneigentum scheitert am Geld.“
Bund will das Bauen erleichtern
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Beim Baugipfel präsentierte die Bundesregierung verschiedene Änderungen, die der kriselnden Baubranche helfen sollen. So soll das Bauen einfacher und die Unterstützung für Familien und Bedürftige gestärkt werden. Die Bundesregierung will zudem auf den Energiesparstandard EH 40, der ab 2025 für Neubauten vorgesehen war und der deutliche Kosten für Bauherren mit sich bringt, verzichten. Die Einkommensgrenze für jene, die aus dem Programm „Wohneigentum für Familien“ der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) gefördert werden können, soll erhöht werden.
Heizung
Das Limit soll von 60 000 Euro auf 90 000 Euro zu versteuerndes Jahreseinkommen steigen. Auch die im Heizungsgesetz genannten Fördersätze für den Austausch von Heizungen will die Bundesregierung demnach erhöhen: Der maximale Fördersatz soll von 70 auf 75 Prozent steigen.