BaWü-Check zur Bildungspolitik Das größte Problem bleibt der Lehrermangel
Schulen werden von den Bürgern heute als hartes Pflaster wahrgenommen. Der BaWü-Check zeigt, wo Bürger die größten Probleme sehen und was sie von den Lehrern halten.
Schulen werden von den Bürgern heute als hartes Pflaster wahrgenommen. Der BaWü-Check zeigt, wo Bürger die größten Probleme sehen und was sie von den Lehrern halten.
In der Bewertung der Bürger kommen die baden-württembergischen Schulen deutlich besser weg als die grün-schwarze Bildungspolitik, die das Schulsystem insgesamt doch eigentlich voranbringen soll. Das ist vielleicht das positivste Ergebnis des aktuellen BaWü-Checks. Die regelmäßige Umfrage der Tageszeitungen im Land, hat sich diesmal auf die Zufriedenheit der Bürger mit den Schulen und der Bildungspolitik im Land konzentriert.
Wie beschreiben die Bürger die Lage der Schulen?
Tatsächlich haben nicht nur Eltern schulpflichtiger Kinder, sondern auch die Bevölkerung insgesamt einen differenzierten Blick auf die schulische Wirklichkeit. Probleme sehen die Umfrageteilnehmer, wie die nebenstehende Grafik zeigt, in vielen Einzelfragen – allem voran beim Lehrermangel, bei zunehmender Gewalt in Klassenzimmern und auf Schulhöfen und den mangelnden Deutschkenntnissen vieler Schüler. In der Gesamtschau honorieren 47 Prozent der Gesamtbevölkerung und 53 Prozent der Eltern die Arbeit der Schulen im Land dennoch als gut oder sehr gut. Das ist laut der Einschätzung der Meinungsforscher beim Institut für Demoskopie in Allensbach „vergleichsweise positiv“.
Dem gegenüber stehen kritische Urteile bei 45 Prozent der Bürger und 42 Prozent der Eltern, was einen massiven Abwärtstrend im Zehn-Jahresvergleich darstellt: Bei vergleichbaren Untersuchungen damals gab es nur 15 Prozent schlechte und 75 Prozent gute Noten. Zu den Ursachen dieser Entwicklung sagen die Meinungsforscher nichts. Vermutlich spiegelt sich darin auch der Absturz der baden-württembergischen Schulen bei nationalen und internationalen Leistungsvergleichen von der Spitze ins Mittelfeld im etwa gleichen Zeitraum.
Den Meinungsforschern sticht beim aktuellen BaWü-Check besonders ins Auge, dass die Außenansichten der Bevölkerung kritischer ausfallen als das „Erfahrungsbild“ der Eltern, die aktuell Kinder in der Schule haben. Beide Vergleichsgruppen nehmen zwar die gleichen Probleme im Bildungssystem wahr. Aber vor dem Hintergrund ihrer praktischen Einblicke ins aktuelle Schulleben messen Eltern dem Lehrermangel (59 Prozent), der zunehmenden Gewalt (49 Prozent), den mangelnden Deutschkenntnissen (40 Prozent), der Digitalausstattung (38 Prozent) und der Integration von Flüchtlingskindern (32 Prozent) eine geringere Bedeutung bei als die Gesamtbevölkerung. Größeren Handlungsdruck sehen die Eltern dagegen beim Stundenausfall (43 Prozent), der Klassengröße (41 Prozent) und dem hohen Leistungsdruck für die Schüler (34 Prozent).
Wie stark belastet der Migrationsdruck die Schulen?
Viele Bürger nehmen die Integration von Flüchtlingen als Erschwernis für die Schulen wahr, aber sie setzen das Problem nicht an die erste Stelle. Bei der Bevölkerung rangiert das Thema auf Rang sechs der Problemstellungen (40 Prozent), in der Elternschaft liegt es (mit 32 Prozent) auf Platz zehn. Wichtiger ist beiden Gruppen, dass zu viele Kinder nicht ausreichend Deutsch können. 48 Prozent der Eltern berichten, dass an den Schulen ihrer Kinder der Unterricht durch Schüler mit mangelnden Deutschkenntnissen erschwert wird. 37 Prozent sehen das nicht so. An den Grundschulen wird das Problem als besonders drängend wahrgenommen. Dort sehen 52 Prozent der Eltern darin eine Belastung für den Unterricht.
Was erwarten Bürger von einer zeitgemäßen Schule?
Bildung und Erziehung sind laut den Erwartungen der Baden-Württemberger keine Frage von Entweder-Oder. Schulen müssen aus ihrer Sicht beides leisten. Ganz weit oben in der Prioritätenliste stehen dabei auch im Computer- und Internetzeitalter Allgemeinbildung, Rechtschreib- und Grammatikkenntnisse sowie gutes Englisch. Mathe liegt auf Platz sechs – gleichauf mit dem Thema Medienkompetenz. Bei der Vermittlung von Fähigkeiten im Umgang mit dem Internet, neuen Medien und Künstlicher Intelligenz kommt den Schulen aus Sicht der Bevölkerung eine zentrale Rolle zu. 86 Prozent fordern, dass die Schulen einen souveränen Umgang mit dem Internet und sozialen Medien vermitteln. 42 Prozent der Bürger plädieren für ein eigenes Schulfach Medienkompetenz, in der Elternschaft sind das sogar 68 Prozent.
Was halten die Bürger von den Lehrern?
Nur eine Minderheit von zehn bis 15 Prozent traut den Lehrern die Vermittlung ausreichender Medienkompetenz an ihre Schüler zu. Dazu fehle ihnen die Kompetenz meint eine Mehrheit von 68 Prozent der Eltern und 74 Prozent der Bürger.
Von diesem Defizit abgesehen, dokumentiert die Umfrage aber einen ausgesprochen großen Respekt der Bürger vor den Leistungen der Lehrkräfte. Die deutliche Mehrheit sieht die hohen Anforderungen des Berufs (etwa durch Auseinandersetzungen mit schwierigen Eltern und problematischen Schülern), hohe psychische Belastungen und eine große Verantwortung. Fast die Hälfte (47 Prozent) bescheinigt Lehrkräften einen anstrengenden Beruf, für den die verdiente Anerkennung oft ausbleibe (37 Prozent). Dass Pädagogen viel Freizeit haben, nehmen nur 14 Prozent der Bürger an. Als attraktiv gilt der Beruf nicht: Dass er Spaß macht, glauben nur 8 Prozent, dass man gut verdient 11 Prozent, und dass die Arbeit erfüllend ist 13 Prozent.
Welche Lektionen gibt es für die Politik?
Jeweils 51 Prozent der Bevölkerung und der Eltern ziehen eine weniger oder gar nicht gute Bilanz der Bildungspolitik. Nur 28 Prozent der Bürger gibt der Landesregierung die Note gut oder sehr gut für ihre bildungspolitischen Weichenstellungen. Es mag Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Kultusministerin Theresa Schopper (beide Grüne) trösten, dass die Eltern schulpflichtiger Kinder, die den unmittelbarsten Einblick in die aktuelle schulische Wirklichkeit haben, großzügiger mit guten Zensuren waren. Von ihnen hält immerhin noch ein starkes Drittel (37 Prozent) die grün-schwarze Bildungspolitik für gut oder sehr gut. Aber insgesamt bleibt das Urteil für die Bildungspolitik sehr gemischt.
Laut den Allensbacher Forschern wissen die Bürger, welche Bedeutung ein leistungsfähiges Bildungssystem für die Zukunft des Landes hat. Vor diesem Hintergrund „und auch im Vergleich zum Urteil über andere Politikfelder ist das Zeugnis, das die Bevölkerung der Landesregierung hier ausstellt, jedoch keinesfalls das schlechteste“, schreiben die Demoskopen in ihrem Fazit.
Wie das Gesamturteil über die aktuelle Bildungspolitik wohl ausgefallen wäre, wenn die grün-schwarze Koalition sich nicht für die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium entschieden hätte? Die Frage ist spekulativ, die Demoskopen treffen dazu keine Aussagen. Aber gefragt wurde bei den Interviews, die im Juni geführt wurden, auch nach einigen Elementen der aktuellen Schulstrukturreformen. Dass das Land im nächsten Sommer zum neujährigen Gymnasium zurückkehrt, finden 70 Prozent der Bürger und 72 Prozent der Eltern richtig. Dass nicht mehr der Wille der Eltern sondern die Grundschulempfehlung wieder verbindlich über die weiterführende Schule der Kinder entscheiden soll, befürworten 62 Prozent der Bürger und 58 Prozent der Grundschuleltern.