Bayern und Baden-Württemberg Die Südschiene ist nur eine Chimäre

Von Reiner Ruf 

Wer die Bayern als Nachbarn hat, braucht keine Feinde mehr, meint der StZ-Redakteur Reiner Ruf in seinem Zwischenruf zum Verhältnis der Südwestländer Bayern und Baden-Württemberg.

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) – seine Avancen in  Richtung des  Kollegen Winfried Kretschmann waren bisher eher von Wankelmut geprägt. Foto: dpa
Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) – seine Avancen in Richtung des Kollegen Winfried Kretschmann waren bisher eher von Wankelmut geprägt. Foto: dpa

Die Südschiene lebt. Auf der Schwäbischen Alb wird gerade daran gebaut. Im Wortsinn also gibt es jene direkte, rasche, umstandslose Verbindung zwischen Stuttgart und München – wenigstens als Versprechen in die Zukunft.

Wer von der Südschiene redet, hat aber anderes im Sinn. In der politischen Metaphorik zielt der Begriff auf das Miteinander zweier von der Union geführten Bundesländer bei der Vertretung ihrer Interessen gegen Bonn respektive Berlin, im Zweifel gegen alle anderen. Franz-Josef Strauß und Lothar Späth, Edmund Stoiber und Erwin Teufel galten als Garanten dieses allerdings ungleichen Bündnisses. Denn dank der genialen Idee, die CSU als Regionalpartei mit bundesweitem Anspruch zu etablieren, ist diese jederzeit in der Lage, schon mit einem mittleren Pups in Berlin Koalitionskrisen auszulösen. Nach Lothar Späths Abgang, der sich zeitweise den Status eines Reservekanzlers erarbeitet hatte, sah man auf der Südschiene stets nur die Bayern im Führerhaus der Dampflok, während Württemberger und Badener auf dem Schlepptender saßen und für Kohle sorgten.

Die Südschiene ist nicht viel mehr als eine flotte Marketingidee

In der praktischen Politik gelangte die Südschiene ohnehin eher selten über das Stadium einer flotten Marketingidee hinaus. Diese erwies sich indes als langlebig genug, um bei jeder Wendung im beidseitigen Verhältnis erneut aufgerufen, dementiert oder bestätigt zu werden. Mit der Machtübernahme von Grün-Rot allerdings schien es vorbei zu sein mit der Südschiene. Der Bayern-Premier Horst Seehofer rief den „Wettbewerb der Systeme“ aus, der CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt, jetzt Bundesverkehrsminister, nannte den neuen Stuttgarter Regierungschef Winfried Kretschmann eine Fehlbesetzung. Aber wie das bei Seehofer so ist, nach dem gemeinsamen Besuch eines Fußballspiels in Augsburg fand er plötzlich freundlichere Worte. Eine zarte Bindung bahnte sich an, die unlängst in ein gemeinsames Papier zur Energiepolitik mündete, das Baden-Württemberg zum Ausbau der Windkraft und Bayern zur Verteidigung der Förderung der Biomasse verhelfen sollte.

Für beide Länder geht es nach dem Ende der Atomkraft um den Erhalt von Wertschöpfung und Arbeitsplätzen. Nur hat dann Seehofer mit seinem Nein zu neuen Stromtrassen die ganze Energiewende wieder zur Disposition gestellt – und damit auch Kretschmann brüskiert. Dieser wiederum versagte sich einer Klage gegen den Länderfinanzausgleich.

Seehofers Avancen nützen auch Winfried Kretschmann

Dabei kommen Kretschmann Seehofers Avancen schon aus parteitaktischen Gründen entgegen. Wenn schon der christsoziale Bayer gemeinsame Sache mit dem Grünen aus Stuttgart macht – wie kann ihn dann noch die heimische Opposition als kulturrevolutionären Gottseibeiuns brandmarken? Im Gegenteil darf sich der aufgeklärte konservative Wähler, so die Botschaft, bei Kretschmann beheimatet fühlen. Dazu finden sich in der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Tiefengrammatik beider Länder tatsächlich viele Verbindungslinien, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen und mit einem antipreußisch getönten Liberalismus zu tun haben. Baden-Württemberg und Bayern haben sich als Bollwerke des Föderalismus hervorgetan, wobei die Pointe darin liegt, dass der Südwesten in sich föderaler und wirtschaftlich homogener ausgerichtet ist als der bayerische Zentralstaat mit seiner Kapitale München. Schließlich prägt beide Länder ein starker Mittelstand. Über alle Milieus hinweg findet sich ein Bewusstsein dafür, dass erst erarbeitet werden muss, was anschließend verteilt werden kann.

Der Boden wäre bereitet. Eine Südschiene gibt es dennoch nicht. Schon gar nicht mit einem Partner, der wie die CSU schon aus Prinzip eine Sonderstellung für sich beansprucht. Von Horst Seehofer und seinen wunderlichen Richtungswechseln ganz zu schweigen. Wie nannte er doch gelegentlich seine baden-württembergische Unionsfreunde Thomas Strobl und Peter Hauk? „Loser“. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr.