Der Regisseur Hans Neuenfels debütiert in Bayreuth mit Richard Wagners "Lohengrin".

Leben: Götz Thieme (göt)
Bayreuth - Oft, verdächtig oft wird in Richard Wagners "Lohengrin" vom Glück gesungen. "Es gibt ein Glück, das ohne Reu"', versichert Elsa Ortrud, die sie glauben machen will, dass dieser fremde Ritter, der sie gleich zum Altar führen wird, ein dunkles Geheimnis hat: Es ist ein letzter ungetrübter Moment des Glaubens, bevor alles kippt. Andris Nelsons, der junge lettische Dirigent, der wie der Regisseur Hans Neuenfels mit dieser Produktion in Bayreuth debütiert, zeigt in den nun folgenden Takten in schwebendem G-Dur, warum sein Talent so hoch gehandelt wird: Mit langem Bogen singen die Violinen als gäbe es kein Metrum, traumverloren winden sie aufsteigend ihre Schleifen, dass es einen Stich ins Herz gibt bei so viel reiner Schönheit. Jeder ahnt: es bleibt nicht so.

Die Frauen begegnen sich in einem glasumfassten Raum, den eine Skulptur beherrscht, ein stilisierter porzellanweißer Pop-Art-Schwan. Zart-vorsichtig küsst Elsa seinen Schnabel - worauf Ortrud den Hals zurückbiegt und sich, wie Leda einst, rittlings auf den Schwanenleib setzt. Jetzt ist gewiss: es bleibt nicht so, Lohengrins Frageverbot wird als Gift in Elsas Seele wirken. Für den Regisseur Neuenfels ist das "Nie sollst du mich befragen" die Achse des Stücks: "Es geht um Identität: Wer bin ich? Was führt uns Menschen zueinander?"

Und weil Hans Neuenfels ein hoffnungsvoller Pessimist ist, malt er dieses "musikalische Drama als magisches Experiment", und zwar mit den hellsten, manchmal erfrischend komischen Farben, um am Ende die schwärzeste Hoffnungslosigkeit zu zeigen: Richard Wagner selbst hat den "Lohengrin" seine traurigste Oper genannt, und tatsächlich bietet keines seiner Hauptwerke so wenig musikalischen Trost, Verklärungs-Dur, chromatische Erlösungsvorhalte wie diese. Zwölf Takte nach dem letzten Chor-"Ach" gibt es einen letzten, ausgelaugten Forte-Akkord in mattem A-Dur.

Da sind in der Bayreuther Inszenierung das Volk, Elsa und König Heinrich zu Boden gesunken, einzig Lohengrin bahnt sich dem Saal zugewandt langsam einen Weg zwischen den Leibern, längst ist die Musik verstummt. Fürwahr, hier wärmt nichts mehr. Stille, hartes Licht, der stumme Zuschauer - Neuenfels schafft es immer wieder, einen existenziellen Punkt zu finden, in den er die Nadel setzen kann, wo es kein Ausweichen gibt. Manchmal muss Theater schmerzhaft sein.

Vor allem ist es bei ihm nie beiläufig, lieblos, ohne Sinn, wenn sich auch nicht alles gleich erschließt, logisch scheint. Ein Neuenfels-Abend ist kein verlorener und wenn er noch so böse ist wie vor neun Jahren seine Salzburger "Fledermaus", die er im zweiten "Lohengrin"-Akt mit einem damals gezeigten Tableau zitiert: eine schwarz glänzende Kalesche mit Achsbruch, davor ein verendetes Pferd. Die gescheiterte Hoffnung als Bild gescheiterter Existenzen. Telramund und Ortrud, das böse Paar, in ihren Anzügen grau glitzernd, wollen ihr Glück durch Verbrechen erzwingen, und doch entdeckt der Regisseur auch in ihnen die Sehnsucht nach Wärme: so wie Ortrud Telramund mit wahrer Zärtlichkeit umfasst und küsst, um ihn zu ermuntern, Elsa weiter zuzusetzen.

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