Öffentlicher Dienst Wo der Mangel an Fachkräften am größten ist

In den Kitas hat es schon einen großen Personalaufwuchs gegeben, dennoch fehlen bundesweit noch 70 000 Erzieherinnen und Erzieher. Foto: dpa/Daniel Naupold

Fast 360 000 Fachkräfte würden derzeit bundesweit benötigt, um alle Lücken im öffentlichen Dienst zu schließen, hat der Deutsche Beamtenbund errechnet. Wo die Not besonders prekär ist, und was man dagegen tun kann.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Von einer Jahrhundertaufgabe ist bereits die Rede: Dem Staat wie auch der freien Wirtschaft gehen die Fachkräfte aus. 359 000 Mitarbeitende fehlen dem öffentlichen Dienst aktuell, hat der Deutsche Beamtenbund (DBB) errechnet. Die Lücken spüren die Bürger schon fast täglich: durch verkürzte Kitaöffnungszeiten, Unterrichtsausfall, Leistungseinschränkungen in den Ämtern, schleppende Verwaltungsverfahren, Infrastrukturdefizite und vieles mehr. Die Gewerkschaft sieht das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates arg beschädigt.

 

Konkret wird der Mangel in den Kommunalverwaltungen mit 165 400 Fachkräften am höchsten eingestuft – allein in den Kitas mit mehr als 70 000. Ferner fehlt Personal bei der Polizei (55 000), in Kranken- und Altenpflege (47 000), in den Schulen (42 000), der Steuerverwaltung (30 000), im öffentlichen Gesundheitsdienst (8500), beim Zoll (5600), in der Justiz (3700) und in Jobcentern (1700).

1,3 Millionen Kräfte vorm Ruhestand

Und dabei bleibt es nicht: Seit 2013 gab es nie mehr Beschäftigte im öffentlichen Dienst, die 55 Jahre und älter sind – 1,3 Millionen. Diese werden in den nächsten zehn Jahren in den Ruhestand gehen, dann werden die Lücken noch größer, weil sie nicht eins zu eins ersetzt werden können. „Mit ihnen verschwindet ein unwiederbringlicher Fundus an Know-how und Erfahrung“, sagte Beamtenbundchef Ulrich Silberbach bei der Jahrestagung in Köln. Zwar zeige die Statistik erste Erfolge der Bemühungen, vermehrt Verstärkung für den Staatsdienst zu gewinnen. Doch stagniere die Altersstruktur auf einem äußerst problematischen Niveau – keine Spur von einer Trendwende. „Da ist die Politik in der Verantwortung, wenn die Daseinsvorsorge auf dem Peak der Babyboomer-Pensionierungen nicht in einem großen schwarzen Loch verschwinden soll.“

Es gebe nun zwei Möglichkeiten: entweder die Leistungen zusammenstreichen oder mehr Personal einstellen, meint Silberbach. Für die Gewerkschaft ist die Antwort klar: „Wir brauchen jetzt endlich eine Kehrtwende der Politik in der Personal- und Finanzausstattung des öffentlichen Dienstes.“

Wirtschaft und öffentlicher Dienst in einem Boot

Dabei ist der Personalaufbau längst in vollem Gang: 2021 arbeiteten im öffentlichen Dienst schon 5,1 Millionen Menschen – unter ihnen knapp drei Millionen Frauen. Neben den 3,9 Millionen Tarifbeschäftigten wurden 1,9 Millionen Beamte (inklusive der 171 000 Soldaten) gezählt. Gerade die Bereiche Pflege und Betreuung wurden zuletzt enorm verstärkt. So gibt es heute doppelt so viele Erzieherinnen in kommunalen Kindertagesstätten wie 2006 – immerhin 260 000.

Achim Dercks, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (DIHK), sieht Wirtschaft und öffentlichen Dienst in einem Boot, denn auch den Unternehmen würden insgesamt zwei Millionen Kräfte fehlen. „Wir müssen mit dem Fachkräftemangel von nun an leben“, sagt er. Dieser werde sich nicht beseitigen lassen.

Digitalisierung als ein Ausweg?

Als einen möglichen Weg, um neue Potenziale zu heben, rät er dem öffentlichen Dienst zur Vereinfachung von Abläufen, etwa durch Digitalisierung und Verwaltungsmodernisierung. Beispielsweise könnte man den Sachverständigen für die Solaranlage weglassen. Das seien Standardprodukte – die müssten nur „aufs Dach geklatscht werden“. Außerdem sollten Schwerpunkte festgelegt werden. Mit mehr Geld und weniger Arbeitszeit für die Beschäftigten werde sich das Problem jedenfalls nicht lösen lassen.

Ohne Fachkräftezuwanderung geht es nicht

Uda Bastians, Beigeordnete beim Deutschen Städtetag, erinnert an die Coronazeit: „Bei aller Kritik – da hatten wir mit der Personalwerbung weniger Probleme.“ Da habe sich der öffentliche Dienst insbesondere bei den Arbeitsbedingungen flexibel gezeigt. Außerdem ließ sich die Sinnstiftung der Arbeit in der Pandemie offenbar besser vermitteln. Bastians sieht eine mögliche Abhilfe auch im Ausland: „Wir brauchen Fachkräftezuwanderung“, sagt sie mit Blick auf die Bereiche Pflege, Betreuung und auch handwerkliche Berufe. „Das ist in den Städten auch überall angekommen.“

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