Beamtenhochschule in Ludwigsburg Wolfgang Ernst hat den wohl härtesten Job als Rektor landesweit

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Die geschasste Vorgängerin als Rektorin will sich einklagen, politische Querelen und interne Maulwürfe: Wolfgang Ernst ist als Chef der Ludwigsburger Beamtenhochschule nicht zu beneiden. Wie hält er das aus?

Wolfgang Ernst ist als Problembewältiger gefragt – und muss an der Verwaltungshochschule einiges aushalten.Foto: factum/Weise

Ludwigsburg - Wie hält ein Mensch so etwas aus? Im Landtag wühlt jede Sitzung des Untersuchungsausschusses zur Zulagenaffäre an der Verwaltungshochschule Ludwigsburg die Vergangenheit wieder auf. Claudia Stöckle, die ehemalige Rektorin, will sich wieder ins Amt klagen. Die Ex-Kanzlerin Ingrid Dunkel trägt einen öffentlichen Krieg mit ihr aus, Missstände in der einstigen Kaderschmiede werden nach außen getragen. Wolfgang Ernst, Chef der Beamtenhochschule, hat eine komplexe Aufgabe in einem toxischen Umfeld.

Seit zwei Jahren ist er im Amt. Graue Haare kann ihm das Dauer-Krisenmanagement nicht gebracht haben: Der joviale Ingenieur hat bereits schlohweißes Haar und ist unerschütterlich gut gelaunt. Auch bei gesellschaftlichen Anlässen, wie mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann in der Theaterakademie. Ernst ist mit seiner Frau beim Empfang, nippt an einem Glas Sekt und erzählt fröhlich Anekdoten.

Kleinkrieg zwischen Ex-Rektorin und Ex-Kanzlerin

Krise, welche Krise? Natürlich, das räumt er ein, müsse er gut ein Drittel seiner Arbeit auf die Vergangenheitsbewältigung konzentrieren. Und diese Arbeit geht oft bis spät in die Nacht. Das Wort der Herkulesaufgabe wird oft verwendet, hier trifft es zu. Der Machtkampf zwischen der früheren Rektorin Claudia Stöckle und den Professoren mit der Kanzlerin, unrechtmäßig von Ex-Rektor Walter Maier gewährte Gehaltszulagen für 13 Professoren, die von der Staatsanwaltschaft untersucht werden: Die Schlagzeilen reißen nicht ab.

„Für mich spielt die Vergangenheit keine wesentliche Rolle mehr, ich kann sie nicht ändern“, sagt Wolfgang Ernst. Doch auch in der Gegenwart gibt es Skandale: So wurde ein Professor des Betrugs überführt. Er soll einer Studentin Prüfungsaufgaben vorab zukommen haben lassen. „Gegen Sex“, titelte die „Bild“-Zeitung. Der Mitarbeiter ist gekündigt und hat Hausverbot, er klagt aber gegen seine Entlassung.

Es gibt Stimmen in der Hochschule, die nicht unglücklich sind über den Abgang jenes Professors. Er soll zu einer Gruppe von Stänkerern gehören, die vorwiegend in der Steuerabteilung immer wieder Unruhe in die Hochschule bringen. Dazu will Wolfgang Ernst nichts sagen: „Ich weiß nicht, wer die Maulwürfe sind. Wenn man es wüsste, wären es ja keine Maulwürfe.“

Riesiger Berg unerledigter Aufgaben

Ein weiteres aktuelles Problem ist die Wahl des Kanzlers. Ingrid Dunkel, das letzte Mitglied der Führungsriege aus der Stöckle-Ära, hat ihre erneute Kandidatur zurückgezogen, nun stehen noch zwei Bewerber auf der Liste. „Wir müssen überlegen, wie wir damit umgehen“, sagt Ernst.

Zudem sitzt der Hochschulleiter auf einem Berg unerledigter Aufgaben. Von einer veralteten Hausordnung über fehlende wissenschaftliche Standards bis zu Nebentätigkeiten der Dozenten an der Steuerberaterkammer: Es gibt viele Baustellen, die Ernst nach und nach abarbeitet. Das tut er, so die Einschätzung von Beobachtern, mit Fleiß, Energie und erstaunlichem Langmut bei all den Widerständen. „Der beste Weg, mit Kritikern umzugehen, ist mit ihnen zu reden“, sagt der Hochschulchef. Er postuliert das Prinzip der offenen Tür, ist ansprechbar. Das zieht seine Arbeitstage in die Länge, kann aber einen Teil der Unzufriedenheit bündeln, die seit Jahren in der Professorenschaft schwelt. Mancher fühlt sich übergangen und nicht ausreichend gewürdigt, andere wollen ihr Ego gestreichelt sehen.

Neue Projekte und immer mehr Studenten

Schritt für Schritt stößt Ernst Projekte an: Eine Weiterbildungsakademie etwa, die mit EU-Geldern gefördert wird. Oder ein gemeinsames Projekt der zerstrittenen Fakultäten Verwaltung und Finanzen namens „Der kommunale Steuerexperte“. Darauf ist Ernst besonders stolz und betont die Worte „Kommune“ und „Steuer“ besonders: Hier arbeiten die beiden zerstrittenen Fachbereiche zusammen, weil Verwaltungsmitarbeiter zu Steuerexperten ausgebildet werden sollen.

Auch die Erweiterung der Hochschule könnte 2019 und spätestens 2020 angegangen werden. Denn trotz aller Krisenschlagzeilen klettert die Zahl der Stundenten nach oben, seit 2013 um 50 Prozent. Derzeit sind es 2710, man rechnet in einigen Jahren mit 3000. Der Anbau soll etwa der Bibliothek neuen Raum geben.

Fachlich bringt Ernst damit die Hochschule wieder auf das Niveau, für das sie vor den Dauerquerelen bekannt war. Doch immer wieder funkt die Politik dazwischen. Die Opposition im Landtag nutzt den Untersuchungsausschuss, um die Ministerin Theresia Bauer (Grüne) aus dem Amt zu jagen. Munition dazu hat sie vom Verwaltungsgericht bekommen, der Bauer schwere Fehler bei der Ablösung von Claudia Stöckle attestiert hat.

Wie Wolfgang Ernst der Hochschule wieder Profil geben will

Auch eine Aufspaltung der Hochschule und eine Fusion mit Kehl wird immer wieder ins Spiel gebracht, nicht zuletzt vom Landeschef der Steuergewerkschaft. „Diese Diskussion ist rein politisch“, sagt Wolfgang Ernst. Und lässt für einen Moment doch erspüren, wie sehr ihm die ständigen Diskussionen an die Nieren gehen. „In Stuttgart fragt doch auch niemand, ob Elektrotechnik und Architektur in einer Universität zusammen passen“, meint der Rektor, „wichtiger ist die qualitative Arbeit.“ Ernst will Forschung und Lehre verbessern, schiebt dafür Projekt um Projekt an, etwa zum Thema E-Government in Herrenberg und Esslingen – schon kommendes Jahr soll ein neuer Studiengang für digitales Verwaltungsmanagement ins Leben gerufen werden.

Bis 2022 ist Krisenmanagement gefragt – mindestens

Es wird also gearbeitet, Missstände werden beseitigt, Standards für die Arbeit definiert. Dozenten der Steuerfakultät dürfen etwa nur 20 Prozent ihrer Tätigkeit mit externen Referaten verbringen. Es gibt eine Definition für gutes wissenschaftliches Arbeiten. Und vieles mehr. Doch bis alles aufgearbeitet ist, so rechnet Ernst selbst, braucht es wohl bis zum Ende seiner Amtszeit, also bis zum Jahr 2022. Wenn alles gut läuft. Wolfgang Ernst setzt sein gewinnendstes Lächeln auf. Dennoch bleibt die Anfangsfrage unbeantwortet: Wie hält ein Mensch das aus? Ernst war vor seiner Zeit in Ludwigsburg lange Jahre Dekan in Künzelsau, hat Ingenieurwissenschaften studiert und ist in seinem Wohnort Tamm bei den Freien Wählern aktiv. Er bringt von Haus aus Durchsetzungsfähigkeit mit und lässt vieles an sich abperlen.

Er kann aber, so ist aus der Hochschule zu hören, auch mal massiv werden. Vielleicht motiviert ihn die Aussicht, sich auf die zwei Drittel seiner Arbeitszeit zu konzentrieren, die Gestaltung sind, wie er sagt. Und das Drittel „Mist“, wie er es nennt, will er weiter reduzieren. Demnächst geht er nach Frankreich in den Urlaub – eine Auszeit vom Balanceakt. Zur Bachelor-Feier am 26. September will er wieder da sein. Der nächste Termin des Untersuchungsausschusses steht dann auch schon wieder bald an.

Ernst kann auch unfreundlich sein

Eine Genugtuung muss für Ernst ein Gespräch kürzlich mit Verantwortlichen der Ministerien gewesen sein. Wie man sich auf Landesebene erzählt, soll er dabei statt der üblichen Schelte sogar viel Lob für seine ruhige Zielstrebigkeit bekommen haben, den riesigen Berg an Problemen konsequent anzugehen.

Solche Momente haben im Berufsleben von Wolfgang Ernst Seltenheitswert. Man mag ihm und der Ludwigsburger Beamten-Hochschule irgendwie wünschen, dass sie bald wieder zahlreicher werden.