Beate Zschäpe Vom unbeschwerten Teenager zur Terroristin

Ende einer Terrorkarriere: Beate Zschäpe Foto: BKA 25 Bilder
Ende einer Terrorkarriere: Beate Zschäpe Foto: BKA

Am Montag beginnt in München die juristische Aufarbeitung der NSU-Mordserie. Hauptangeklagte ist Beate Zschäpe. Warum driftete diese Frau in den Rechtsextremismus ab? Woher kam der Hass, der zu den Morden führte?

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Stuttgart/Jena/München - Der eine Filmschnipsel mit Beate Zschäpe stammt aus dem Jahr 1991. Er zeigt ein fröhliches Mädchen aus Jena, 16 Jahre alt, mit wallendem Haarschopf und großen Ohrringen. Sie raucht ungeschickt, kichert verlegen und schaut verliebt auf einen Jungen neben ihr. 2012 ist ein anderer Filmschnipsel entstanden, aufgenommen in der Justizvollzugsanstalt Köln-Ossendorf. Beate Zschäpe, 37 Jahre alt, steht im pinkfarbenen T-Shirt vor der Kamera. Die Haare sind streng nach hinten gebunden, kraftlos hängen ihre Arme am Körper herab. Resignation liegt in ihrem Blick, Unsicherheit, Trotz.

21 Jahre liegen zwischen diesen beiden Aufnahmen. Sie markieren ein Davor und ein Danach. Vor und nach dem Hass, der Flucht, dem Verschwinden. Vor und nach dem Morden. Welchen Weg ist Beate Zschäpe in diesen 21 Jahren gegangen? Ist aus dem unbeschwerten Teenager von 1991 tatsächlich eine eiskalte Terroristin und Mörderin geworden, die zusammen mit ihren Jugendfreunden Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zehn Menschen ermordet hat? Und wenn ja – wie konnte das geschehen? Die Antwort auf diese Fragen wird ab Montag das Münchner Oberlandesgericht finden müssen. Zunächst ohne Hilfe der Angeklagten: Zschäpes Anwälte haben angekündigt, dass ihre Mandantin sich auch weiterhin nicht erklären wird.

Die Sitzverteilung im Gerichtssaal beim NSU-Prozess

Will man sich ein Bild von Beate Zschäpe machen, bleiben bislang also nur die Aussagen derjenigen, die sie gekannt und eine Zeit lang in diesen 21 Jahren begleitet haben. Das ist zu wenig, um ein Urteil über diese Frau zu fällen, aber genug, um eine von Enttäuschung und Hoffnung, von mörderischem Hass und Sehnsucht nach Liebe zerrissene Persönlichkeit zu skizzieren. Thomas Grund, Sozialarbeiter im Jugendclub „Hugo“ in Jena-Winzerla, schüttelt noch immer ungläubig den Kopf, wenn er über Zschäpe und die Morde des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) spricht. „Klar war sie damals, in den Neunzigern, in diese Ecke abgedriftet, sie hatte einen großen Mund und hat wohl auch mal zugelangt, weil sie ihren rechten Freunden imponieren wollte“, sagt der 60-Jährige. „Aber eine Mörderin . . .“

Sie wächst auf im Osten, in Zeiten des Umbruchs

„Kaktus“, wie sie ihn hier alle nennen wegen seiner früher so strubbeligen Haare, lässt den Satz unvollendet. Er hat 1991 den Film aufgenommen, der Zschäpe als Teenager zeigt. „Ich hatte sie damals auf eine Bank gesetzt mit zwei Freunden und sie ausgefragt, über ihren Alltag und was man auf die Beine stellen sollte für die jungen Leute hier“, erzählt er. Schüchtern sei sie gewesen, habe kaum etwas gesagt. „Ich hatte sie und ihre Freunde an den Garagen am alten ‚Hugo‘-Klub aufgegabelt, wo sie Bier getrunken und Musik gehört hatten. Das waren keine Linken, keine Rechten. So was spielte bei denen überhaupt keine Rolle.“

Gehört habe er damals allerdings auch, dass sie viel geklaut habe, auf Vietnamesen-Märkten etwa. Ein Sport sei das für sie gewesen, glaubt Grund, eine Mutprobe, vielleicht aber auch der Versuch, sich vor anderen zu beweisen. Einmal sei sie mit einem Freund sogar in den Keller des „Hugo“ eingestiegen, habe Schnaps geklaut. Aber sie habe eben auch mit angepackt, als man den zwischenzeitlich abgebrannten Club wieder herzurichten begann. „Sie und die anderen jungen Leute waren damals so 15, 16, 17 Jahre alt“, sagt Grund. „Alles schien möglich für sie.“

Alles? Die Jahre nach dem Ende der DDR waren für die Ostdeutschen mehr eine Zeit des Umbruchs als des Aufbruchs. Die alte Ordnung war mit dem SED-Regime verschwunden, neue Gesetze und Vorschriften kamen über die Menschen. Betriebe wurden geschlossen, Tausende verloren ihre Arbeitsplätze. Die Orientierungslosigkeit gerade vieler Eltern ließ Jugendliche den Halt verlieren, auch die alten Lehrer, die noch gestern den Sozialismus gepredigt hatten, taugten nicht mehr als Bezugspersonen. Eine ganze Generation Heranwachsender taumelte in die Freiheit, suchte nach neuen Autoritäten und Werten und blieb bei dieser Suche oft auf sich allein gestellt.

Beate Zschäpe nennt sich selbst ein „Omakind“

So war es auch in Jena, so ging es auch Beate Zschäpe. Ihre Mutter wird 1991 arbeitslos, lässt sich treiben, trinkt. Das ohnehin angespannte Mutter-Tochter-Verhältnis wird dadurch immer schwieriger. Beate Zschäpe wohnt jetzt wieder häufiger bei der Großmutter, wo sie schon als Kind mehr Zuwendung und Geborgenheit als bei der Mutter fand. Als „Omakind“ hat sie sich selbst in einer Vernehmung bezeichnet. Sie bereut es, die Großmutter nicht noch einmal besucht zu haben, bevor sie sich der Polizei im November 2011 stellte.

Die Mutter gibt sich heute selbst die Schuld an dem Zerwürfnis mit ihrer Tochter. Vor der Polizei sagt sie, Beate sei „ein liebes, nettes Mädchen“ gewesen, das sich immer mal freudige Überraschungen für andere überlegt und viele Freundinnen in der Schule gehabt habe. Leicht beeinflussbar sei sie nicht gewesen, sagt die Mutter noch, aber wenn sie von etwas überzeugt gewesen sei, dann habe sie diese Sache auch konsequent vertreten.

Im Juni 1991 beendet Beate Zschäpe die 10. Klasse an der Goethe-Oberschule in Jena. Auf dem Zeugnis stehen nur Dreien und Vieren, lediglich im Sport hat sie eine Zwei. Ihr Traum, den Beruf der Kindergärtnerin zu lernen, erfüllt sich nicht.

Ein Jahr hängt sie rum, am „Hugo“ und an den Garagen von Winzerla. Dann fängt sie als Malergehilfin in der Jugendwerkstatt der Stadtverwaltung an, für fünf Monate. Die Leiterin erinnert sich noch heute an das selbstbewusste und freundliche Mädchen, das fleißig war und hilfsbereit.

Mundlos und Böhnhardt ziehen sie in die rechte Szene

1993 verliebt sie sich in Uwe Mundlos. Der Professorensohn ist damals 20, zwei Jahre älter als sie. Ein gut aussehender junger Mann, intelligent, redegewandt, auftrumpfend – und ein Nazi durch und durch. Beate Zschäpe, die bis dahin mit einem stadtbekannten Punker liiert war, wechselt nun auch politisch die Front – eine Lebensentscheidung.

Die Liebe hält zwei Jahre. Als Mundlos zur Armee kommt, verliebt sie sich in Uwe Böhnhardt. Auch er ist ein Neonazi, ein Schläger. Böhnhardt ist zwei Jahre jünger als Beate Zschäpe, ein stiller, sanfter Junge eigentlich, wenn er nicht mit seinen rechten Kameraden Linke und Ausländer jagt, den Hass auf Demonstrationen herausschreit.

In dieser Zeit absolviert Zschäpe eine Ausbildung als Gärtnerin, die sie im August 1995 mit dem Ergebnis „befriedigend“ abschließt. Der Beruf machte ihr Spaß, erzählt Brigitte Böhnhardt. „Sie war ganz begeistert von der Arbeit“, sagt sie. „Ich weiß noch, wie sie immer krumme Gurken mitbrachte, wenn sie Uwe und uns besuchte.“

Wir stehen in dem kleinen Balkonzimmer ihres Sohnes in der Neubausiedlung von Jena-Lobeda. Hier bei seinen Eltern hat Uwe Böhnhardt gelebt, bis er mit seinen beiden Freunden am 26. Januar 1998 vor der Polizei floh und in den Untergrund ging. Zeitweise wohnte auch Beate Zschäpe mit ihm in diesem Zimmer. 1996 war das, erinnert sich Brigitte Böhnhardt. „Ihre Mutter hatte damals die Wohnung verloren, und so nahmen wir die Beate bei uns auf“, sagt sie. „Wir haben ihr geholfen, bei allen möglichen Behördengängen. Sie wollte ja so gern eine eigene Wohnung.“

Zschäpe ist zu jener Zeit arbeitslos, nach der Gärtner-Ausbildung wird sie nicht übernommen. Einmal noch, 1996, arbeitet sie für ein Jahr als Malergehilfin, dann steht sie wieder auf der Straße. Niemand außer ihren rechten Freunden braucht sie.

„Sie wäre eine richtig nette Schwiegertochter gewesen“

Sie hätten damals viel zusammengesessen in der Familie, erzählt Brigitte Böhnhardt. Über Politik habe man auch miteinander gesprochen, aber rechte Parolen seien dabei nicht gefallen. „Ich hätte nie gedacht, dass die Beate rechts eingestellt ist“, sagt sie. Ihr Sohn sei sehr verliebt gewesen, die Beate auch, das habe man gespürt. „Sie wäre eine richtig nette Schwiegertochter gewesen“, sagt die Mutter.

Es gibt ein Bild, da sitzt das Paar mit den Böhnhardts zusammen am Wohnzim­mertisch, vor der Schrankwand. Beate Zschäpe hält die Hand ihres Freundes, lächelt ihn verliebt an. Die Aufnahme, 1996 oder 1997 entstanden, spiegelt eine heile Welt – und war doch schon damals falsch, weil sie nicht die andere Seite von Beate Zschäpe zeigt.

Denn seit 1995 geht sie mit Böhnhardt und Mundlos regelmäßig zu den Treffen der Anti-Antifa Ostthüringen, einer militanten Nazitruppe, die Jagd auf politische Gegner macht. Sie schließt sich der Neonazi-Kameradschaft Jena an, wird Aktivistin des Thüringer Heimatschutzes, einem losen Verbund rechtsextremer Gruppen. Am Gedenktag zur Reichspogromnacht 1996 wird sie festgenommen, sie trägt dabei ein Schulterholster mit einer Schreckschusswaffe. Sie ist bei Demonstrationen gegen die Wehrmachtsausstellung dabei, marschiert bei NPD-Aufmärschen mit, besucht Konzerte von Nazi-Rockbands. Einmal schlägt sie im Zug einer Punkerin die Faust ins Gesicht, einfach so. Als Polizeibeamte nach der Flucht des Trios 1998 Zschäpes Wohnung durchsuchen, finden sie dort neben Waffen das wohl auch von ihr mitgestaltete antisemitische Brettspiel „Pogromly“. An der Wohnzimmerwand hängt eine Reichskriegsflagge neben Fotos von Rudolf Heß und anderen NS-Größen.

War es nur die Liebe und Freundschaft zu den beiden Uwes, die sie immer rechtsradikaler werden ließ? Zschäpes Cousin, Stefan Apel, schließt das nicht aus: „Hätte sie damals andere Freunde gefunden, dann hätte sie auch eine andere politische Einstellung gehabt.“ Apel kennt seine Cousine sehr gut, wie Geschwister seien sie in der Kindheit gewesen, und auch später, bis zur Flucht des Trios, sei der Kontakt eng geblieben. Beate, so sagte er in einer Vernehmung, sei sehr beliebt gewesen, lustig, immer gesellig. Robust im Umgang war sie, ein offener, selbstbewusster Mensch, der auf andere zugeht und auch mal sagt, wo es langgeht.

Ähnliche Sätze hört man von Menschen, die Beate Zschäpe in den letzten zehn Jahren kennengelernt haben, als sie unter falscher Identität mit ihren beiden Freunden in Zwickau wohnte und regelmäßig zum Campingurlaub auf die Insel Fehmarn fuhr. In der gleichen Zeit soll sie, wie es ihr die Bundesanwaltschaft vorwirft, aus Rassenhass und politisch-ideologischer Überzeugung mit Böhnhardt und Mundlos die Morde an zehn Menschen geplant und durchgeführt haben.

Wird sie reden? Wird sie Antworten geben auf die vielen Fragen?

In der Zwickauer Polenzstraße etwa, wo das Trio von 2001 bis Anfang 2008 wohnte, beschreiben die Nachbarinnen Zschäpe bis heute als eine hilfsbereite, immer lustige Frau, mit der man über alles reden konnte und die immer ein gutes Wort für einen hatte. Die den Kontakt zu den Freundinnen nicht abreißen ließ, als sie Anfang 2008 in die Frühlingsstraße umzog.

Auch dort, in einem gutbürgerlichen Viertel mit vielen Einfamilienhäusern, sprechen die Nachbarn gut von ihr. Aufgeschlossen sei sie gewesen, kinder- und tierlieb, sie habe Telefonnummer und Schlüssel da gelassen, wenn sie mal wegfuhr, und bei den Siedlerfesten Bier ausgeschenkt. Selbst die Urlaubsbekanntschaften von Fehmarn, mit denen das Trio Mailadressen, Telefonnummern und Erinnerungsfotos austauschte, kennen nur die anpackende, fröhliche Beate Zschäpe, die gern mit ihnen zusammen war und quatschte und die Urlaubskasse der Freunde verwaltete. Vor den Ermittlern sagten sie, die junge Frau und ihre beiden Freunde seien in ihren Augen ganz normale Leute gewesen.

Hatte Zschäpe, wie es die Bundesanwaltschaft behauptet, dieses normale Leben nur als Fassade errichtet, um die Verbrechen der Gruppe zu tarnen? Oder war diese Normalität für sie auch eine Art Zuflucht in einem immer auswegloser werdenden Leben? Beate Zschäpe könnte auch darauf eine Antwort geben – wenn sie es denn will.

Neben Beate Zschäpe sind vier Männer angeklagt, die Helfershelfer der NSU gewesen sein sollen. Mehr dazu auf den folgenden Seiten.




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