Becker-Schätze unterm Hammer Wer will Boris Beckers alte Jacke?

Als 17-Jähriger gewinnt Boris Becker das Tennisturnier von Wimbledon. Einige Andenken an damals werden nun versteigert. Foto: Wolfgang Eilmes/dpa

Wolfgang Kolb führt eines der größten Online-Auktionshäuser. Bis Sonntag noch werden dort Memorabilia von Boris Becker versteigert. Doch wie kamen die Stücke zu ihm nach Neu-Ulm?

Wolfgang Kolb ist eine Spürnase. Er hat den richtigen Riecher. Und manchmal auch nur Sammlerglück. Morgen, Sonntagabend, geht in Kolbs Ebay-Shop „Kurprinz“ eine fulminante Boris-Becker-Auktion auf die Zielgerade: 53 Stücke aus Beckers Privatbesitz – Tennisschläger, Pokale, eine Jacke, eine goldene ARD-Bambi-Trophäe – können ersteigert werden.

 

Original-Memorabilia von Boris Becker: einheitlicher Startpreis 14,99 Euro, der Schläger steht inzwischen bei über 1000 Euro; das Bambi bei über 5600; Beckers Ring bei mehr als 6700 Euro. Noch mehr als die Dinge selbst liebt Wolfgang Kolb, 60, die Geschichte, wie er zu den Sachen kommt.

Zwischen Baumarkt, Supermarkt und Currywurst

Besuch bei Kolb Antik in Neu-Ulm: Das weltgrößte Internet-Auktionshaus logiert in einer ehemaligen Textilfabrik, zwischen Baumarkt, türkischem Supermarkt und Beates Currywurst. Kolb Antik ist ein großes Lager. Auf 1500 Quadratmetern und in sämtlichen Büros, auch in Kolbs Zimmer stapelt sich Zeug. Kolb weiß um die Wirkung. „Etwas kruschtelig hier“, sagt er. Aber das ist auch Understatement. Kolb ist gut in alter Kunst.

Wolfgang kolb zwischen Kunst und Krempel, „kruschtelig“ sagt er. Foto: Sabina Paries / photocouture

Bei unserem ersten Besuch vor zwei Jahren bekamen wir anschaulich erläutert, wie diffizil dieses Geschäft sein kann. Kolb war gerade dabei, die Urheberschaft für Nachbildungen von Giacometti-Bronzen zu ermitteln, um deren Wert zu erschließen. Auf einem Tisch waren ein Dutzend Büsten aufgereiht – Arbeiten von Ernesto di Fiori (1884–1945), entdeckt auf einem Dachboden, wo sie seit 1936 in einer Kiste gelagert haben dürften. Bedeutsam? Noch unklar.

Leben in einer Dauerausstellung

Kolb spricht über all das mit der Gelassenheit von 40 Jahren Berufserfahrung. Einer, der nicht mehr als Getriebener über Märkte pirschen muss und der sich entschieden hat, nicht mehr in Ausstellungen oder ins Museum zu gehen: „Im Grunde lebe ich in einem Museum, in einer ständig wechselnden Dauerausstellung. Das Museum kommt zu mir! Jeden Monat habe ich hier bis zu 20 000 neue Objekte, darunter viel Kunst. Ich mache dieses Geschäft so lange schon und sehe jeden Tag etwas, das ich noch nie gesehen habe.“

Mit Prinzipien, Gespür und Geschäftssinn hat es Kolb zu etwas gebracht. Er erzählt, wie er in jungen Jahren europaweit auf Messen und Märkten unterwegs war – und dann früh auf den Online-Handel gesetzt hat.

2000 meldete er einen Ebay-Shop an. Ebay gibt es seit 1995, aber erst ein halbes Jahr zuvor hatten die US-Amerikaner Deutschlands erste Online-Auktionsplattform Alando aufgekauft. Zum Preis von 43 Millionen Dollar. Als Geschäftsmann hat Kolb kapiert: Das Internet erschließt mir den Weltmarkt!

Diese Stücke aus Boris Beckers Besitz wurden 2019 bereits versteigert. Foto: dpa/Wyles Hardy & Co

Die Reichweite des Antik-Händlers mit Ladengeschäft in Ulm hatte zuvor bis nach Neu-Ulm und um Ulm und Neu-Ulm herum gereicht. Heute zählt Kolbs Online-Plattform „Kurprinz“ weltweit 33 000 Follower. Er gehört zu den zwölf umsatzstärksten Auktionshäusern in Deutschland. Bei Ebay ist er europaweit größter Anbieter für Collectibles, für Sammlerstücke (Kolb: „Vermutlich sogar weltweit“).

Mit Kunst alleine hätte er nicht diesen Erfolg. „Wir sind Generalisten mit einigen wenigen Spezialgebieten. Wenn wir einen Hausstand räumen, suchen wir nicht aus, was uns gefällt – alles, was Sinn macht, kommt mit. Auch jeden staubigen Teppich, jedes Mokkatässchen. Auch wenn es nur 20 Euro bringt. Die Summe macht es, und bisweilen ist der staubige Teppich mehr wert als erwartet.“

Kolb hat Lieferanten aus dem Inland, aus Österreich, der Schweiz, Italien und Frankreich. Täglich fährt mindestens ein Transporter vor, angefüllt mit allem Möglichen. In diesen Wust taucht Kolb ein, wobei er inzwischen seine Leute hat für das Sortieren und Begutachten: 40 Beschäftigte bereiten die Ware auf, fotografieren und kennzeichnen sie mit knappsten Texthinweisen. 50 Prozent des Geschäfts macht alleine die Logistik aus, Pakete, die in alle Welt verschickt werden.

Zehn Kunsthistorikerinnen begutachten das Material, und was die zehn Expertinnen nicht wissen, das weiß der Schwarm. Die Giacometti-Nachbildungen hatte Kolb damals als Arbeiten der Berliner Bildhauerin Sibylle Waldhausen zur Auktion freigegeben. Prompt meldete sich eine Schweizerin, dass sie ähnlich wie Waldhausen, aber doch keine Waldhausen seien. Kolb beendete die Auktion und ließ erneut prüfen.

Die Demokratisierung des Marktes

Kolb nimmt es gelassen. „Egal, was wir einstellen, wie abseitig oder selten oder noch nie gesehen es auch sein mag: Am nächsten Tag melden sich zuverlässig drei, vier Kunden, die sagen: Ich weiß, was das ist!“ Und meist haben sie recht.

Was macht Kolb anders? Kolb agiert weltweit, Kolb demokratisiert den Markt. Jeder Artikel geht mit dem eingangs genannten Startpreis von 14,99 Euro in die Auktion. Täglich will Ware auf den Markt. Gebrauchsgegenstände von A bis Z mit Sammlerwert, aller Arten, aller Größen, aller Preisklassen, darunter Antikes und Kunst.

„Wir sind nicht da, um einen Markt zu schaffen“

Kolb sagt: „Wir sind nicht dazu da, etwas zu pushen, einen Markt zu schaffen oder einen Künstler voranzubringen. Wir bahnen dem täglichen Nachschub einen Weg. Eine Arbeit, die getan werden muss.“

Anders als im klassischen Auktionshaus, verlangt Kolb vom Käufer kein Aufgeld. Die Provisionsrate sinkt mit der Höhe des Zuschlagpreises: Auf Artikel über 1500 Euro kommen 19 Prozent Provision hinzu, bei Artikeln unter 35 Euro sind es 34 Prozent.

Das Internet hat den Sammlermarkt durcheinandergewirbelt. Die Nachkriegs-Sammler, sagt Kolb, seien auf Masse aus gewesen: „Damals durchstreiften solvente Paare den Antikmarkt auf der Suche nach, sagen wir: Puppenstuben-Inventar. Sie bezahlten ein paar Hundert Mark für Einzelstücke. Der Mann sagte: ,Wir haben in Bogenhausen ein großes Haus, aber alle Schränke gehen nicht mehr zu!‘ – Dieser Sammlertyp ist selten geworden.“

Ein Menschenfreund, der für seine Sache brennt

Wolfgang Kolb mag auch darum so erfolgreich in seinem Metier sein, weil er für seine Sache brennt, weil er zu leuchten scheint, wenn er erzählt, weil er ein Menschenfreund ist. „Das Beruhigende ist ja“, sagt er, „wenn man mit sehr vielen unterschiedlichen Menschen zu tun hat: Die Quote derer, mit denen es am Ende gar nicht geht, ist viel geringer, als man meint. Es ist weit unter einem Prozent. Es gibt unterschiedliche Ansichten und Perspektiven, aber mit fast allen lässt sich eine Basis finden.“

Wie aber kommt Kolb in Neu-Ulm an die Trophäen von Boris Becker? Die 53 Memorabilia wurden 2019, nach Beckers Insolvenz, schon einmal versteigert. Ein Unternehmer bezahlte für insgesamt 53 Stücke knapp eine halbe Million Euro: Das Bambi für 40 000 Euro, den Tennisschläger für 13 000. Einige Objekte waren Teil der „Internationalen Tennis Hall of Fame“ in den USA.

Der Gang der Dinge

Bis vor Kurzem lagerte die Ware verpackt, wie sie 2019 ersteigert worden war, in München. Kolb bekam den Auftrag, sie erneut zu Geld zu machen. Mag sein, dass er ein wenig stolz ist auf den Deal.

Sentimental ist er nicht. Es ist der Gang der Dinge. Der Warenfluss versiegt erst am Jüngsten Tag. Die Ebay-Auktion aber mit Beckers Trophäen endet morgen Abend.

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