Liegen statt sitzen: Im Bettenkino in Leonberg schaut man Filme vom Bett aus an. Der Betreiber ist begeistert und die Besucher ebenso. Was ist das Besondere daran? Und: Geht man wirklich wegen des Films in Bettenkino? Ein Testbesuch.

Region: Verena Mayer (ena)

Die Reaktionen klingen verheißungsvoll. Oder wie sollte man es sonst nennen, wenn einer von „crazy“ spricht und ein anderer von „genial“. Und „wow“ und „super Idee“ haben auch das Zeug, neugierig zu machen. Schließlich geht es nur um ein Kino. Eine Einrichtung also, die man besucht, um einen Film anzuschauen, und von denen es viele gibt.

Vorfreude aufs Bett

Aber, man ahnt es, das Kino, von dem hier die Rede ist, ist kein gewöhnliches Kino. Es handelt sich um ein Bettenkino, oder neudeutsch: Bed Cinema. Ende des vergangenen Jahres wurde es in Leonberg eröffnet. Und was man seither so hört und liest über dieses Kino, bewirkt, dass man es mit der freundlich wirkenden Dame hält, die auf Facebook schreibt: „Muss ich unbedingt ausprobieren.“

Also auf nach Leonberg, mal das Bettenkino ausprobieren.

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Man sieht nicht gleich das, nun ja, Spektakuläre. Weil alles an diesem Ort so, nun ja, spektakulär ist. Die größte Imax-Leinwand der Welt, ein Bowling-Center, das seinesgleichen sucht, und den riesigen Traumpalast mit seinen vielen Kinosälen. Die Tür vor dem Saal mit den Betten sieht aus wie jede andere Tür. Aber davor sind eben Leute, die „auf Empfehlung“ kommen und schon ganz gespannt sind. Nicht nur auf den Film. Und dahinter sind dann die Betten, die genau genommen Doppelkojenbetten sind. Von den Gästen in der Koje nebenan bekommt man im Normalfall eher wenig mit.

Ein exklusives Vergnügen

Marius Lochmann wollte etwas „Cooles machen“, damit mehr junge Leute ins Kino gehen. Kinosessel, das weiß der Betreiber von elf Kinos in der Republik, gibt es in allen möglichen Variationen, damit würde er niemanden locken können. Also hat er ein Kinobett entwickelt. Davon gab es in Deutschland nur eins, und in Süddeutschland gar keins.

Einen Film schauen und das Bett gleich mitbuchen, das erinnert natürlich an einen Film schauen und im Auto sitzen bleiben. Also so, als ob man nicht unbedingt wegen des Films in einen Film geht. Auch mit wenig Fantasie kann man im Leonberger Bed Cinema ein romantisches Ambiente erkennen. Die dezente Beleuchtung im allgemeinen, ihr schummriges Rot im speziellen. Und dann natürlich die Doppelkojenbetten, in denen man sich ziemlich unbeobachtet fühlen kann.

Knutschen und kuscheln

Tatsächlich sind es überwiegend Pärchen, junge dazu, die hier Tickets kaufen. Und tatsächlich liegen die Besucher, die an diesem Abend „Doctor Strange in the Multiverse of Madness“ bei der Rettung der Marvel-Welt zuschauen, sehr zusammengekuschelt in den Betten. Und – vor Filmbeginn – sehr knutschend. Aber sonst: keine besonderen Vorkommnisse. Und glaubt man Nisar Ben Omran, einem der Leonberger Vollzeit-Servicemitarbeiter, gibt es die auch sonst höchst selten. Der Saal sei meistens gut belegt, sagt Nisar Ben Omran. „Da macht man ja nichts.“

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Womöglich lag es daran, dass einmal eben doch was passiert ist, oder zumindest fast. In jener Vorstellung waren nur zwei Kojen belegt, und in einer davon, berichtet Marius Lochmann, passierte „das, was man sich denken kann“. Das heißt, es wäre wohl passiert, wenn das Pärchen nicht bei einer Routinekontrolle ertappt und unterbrochen worden wäre. Den beiden sei das höchst unangenehm gewesen, sagt der Chef, der ein entsprechendes Verbot in die Hausordnung aufnehmen will. Sicherheitshalber.

Unappetitliche Vorstellungen

Das dürfte eine der beiden Stellen sein, bei der sich skeptische Zeitgenossen in ihren schlimmsten Vorstellungen bestätigt sehen dürften. Einen Film im Bett schauen, in dem weiß Gott was getrieben wurde? „Lecker!“ Oder: „Speckige Kinositze sind schlimm genug!“ Oder: „Wer legt sich da freiwillig hin?“ Auch solche Kommentare finden sich im Internet viele.

Abgesehen davon, dass unter diesem Vorbehalt auch Übernachtungen in Hotels schwierig sein dürften – die Leonberger Kinobetten erweisen sich, nach rund fünfmonatiger Belegung, weder als speckig noch unlecker noch sonst wie abstoßend. Und sie sollen es, so der Plan von Marius Lochmann, auch nach vielen weiteren Monaten nicht tun. Schließlich hat er die Betten mit einem namhaften deutschen Möbelhersteller eigens kreiert. Sie sind nicht nur vollelektrisch höchst individuell verstellbar, sondern auch ideal zum Reinigen und Desinfizieren. Außerdem: Wer will, kann eine eigene Decke mitbringen.

Angst vorm Einschlafen

Was die zweite Stelle sein dürfte, bei der sich skeptische Zeitgenossen in ihren schlimmsten Vorstellungen bestätigt sehen dürften: Einen Film im Liegen schauen, wenn man oft genug im Stehen kaum wach bleibt? „Da schlaf ich ja sofort ein.“ Oder: „Ich würde die Hälfte vom Film verpennen.“ Oder: „Wird man geweckt oder muss man selber Wecker stellen?“ Auch mit Kommentaren wie diesen ist das Internet gut gefüllt.

Von tiefschlafenden Zuschauern, die nach dem Film rausgetragen werden mussten, ist Marius Lochmann allerdings nichts bekannt. Nicht nicht nur bei den actionreichen Blockbustern. Auch ruhigere Streifen wie der neuverfilmte Klassiker „Tod auf dem Nil“ oder der Animationsfilm „Sing“ wurden nicht von Schnarchorgien gestört. Dergleichen, also Schnarchorgien, wüssten die Begleitpersonen zu verhindern, sagt Lochmann, der mit seiner neuen Erfindung „megazufrieden“ ist.

Begehrte Auszeichnung

Wirtschaftlich sei der Betrieb trotz eines Ticketpreises von 17 Euro zwar nicht. Doch der Saal sei „sehr, sehr gut ausgelastet“ und in den sozialen Netzwerken quasi permanent im Gespräch. Vor wenigen Tagen ist Lochmann vom Weltverband für Kinotechnik Lochmann mit dem Exzellenz-Preis ausgezeichnet worden. Für seine Kreativität, seinen überdurchschnittlichen Besucherfokus und seine kontinuierliche Bemühung einen herausragenden Erlebnisort für Kino zu schaffen. Na dann: Gute Nacht!