In Krisengebieten werden nicht nur Menschen ermordet, sondern auch Denkmäler zerstört. Das hat in der Menschheitsgeschichte Methode.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Stuttgart - Papier brennt gut. Dafür bietet die Geschichte viele Beispiele. Und vielleicht wüssten wir viel mehr über die Antike, die athenische Demokratie oder Aristoteles’ Buch über die Komödie, wenn der Kalif Omar ibn al-Chattab im Jahre 642 nicht mit den Papyri der legendären Bibliothek von Alexandria seine Badewannen beheizt hätte. Warum ihm warmes Wasser wichtiger war als alte Handschriften, soll der islamische Eroberer in eine entwaffnende Erklärung gefasst haben: „Bücher, deren Inhalt mit dem Koran übereinstimmen, werden nicht benötigt, diejenigen, die dem Koran widersprechen, werden nicht gewünscht.“ Dieser Satz wird seitdem gerne als Präzedenzfall religiös motivierter Zerstörungswut in Anspruch genommen.

 

Die Ahnenreihe Omars reicht in unsere Tage über seinen talibanischer Namensvetter, der vor mehr als zehn Jahren die Buddha-Statuen im afghanischen Bamiyantal ihrer Nichtübereinstimmung mit dem Koran wegen sprengte, bis hin zu den Islamisten, die jetzt in der Wüstenstadt Timbuktu in Mali eine der kostbarsten mittelalterlichen Handschriftensammlungen abgefackelt haben sollen. Bis zu tausend Jahre alte Abhandlungen über Musik, Mathematik oder das genaue Aussehen der Sandalen des Propheten wurden ein Raub der Flammen. Oder auch nicht. Denn darüber gibt es widersprüchliche Angaben wie auch über die Geschichte des Kalifen in Alexandria.

Die Bibliothek von Kairo wurde verhökert

Seit je nämlich ist das kulturelle Erbe ein beliebtes Faustpfand im Widerstreit handfester politischer Interessen. So haben sich die dem Bibliothekszerstörer von Alexandria in den Mund gelegten Worte als eine Fälschung aus dem 12. Jahrhundert herausgestellt. Zur Finanzierung seines Kampfes gegen die christlichen Kreuzritter hatte Saladin die Bestände der Bibliothek von Kairo verhökert und brauchte für diese unpopuläre Aktion eine Rechtfertigung. Umso willkommener war ihm der Verweis auf eine allseits geschätzte Autorität, die im Umgang mit Bibliotheken noch viel rüder verfahren war als er, weshalb der Sultan seine Geschichtsschreiber anwies, dem verehrten Kalifen Omar die zitierten Worte unterzuschieben. Zweierlei wird hieran deutlich: erstens die Bedeutung von erhaltenen Quellen für die Ermittlung der historischen Wahrheit; zweitens die Involviertheit ausländischer Besatzungsmächte in das Werk der Zerstörung – ohne christliche Eroberer keine verscherbelte Bibliothek.

Letzteres gilt beileibe nicht nur für die erkalteten, malerischen Tiefenschichten der Historie. Frankreich etwa, das nun in Mali mannhaft Menschenrechte und Kulturerbe verteidigt, von eigenen ökonomischen Interessen diskret zu schweigen, erwog in Zeiten der KolonialverwaltungSyriens einmal, die gesamte Altstadt Aleppos abzureißen. Dieses Werk haben nun die Kontrahenten im gegenwärtig tobenden Bürgerkrieg erledigt und den zum Weltkulturerbe zählenden Souk in Schutt und Asche gelegt, um sich dieses Frevels dann gegenseitig bezichtigen zu können.

Vernichtung des kulturellen Gedächtnisses

Die islamistische ist nur eine Facette in dem symbolischen Krieg um kulturelle Zeichen und Bedeutungen, im Übrigen eine, die sich in der europäischen Geschichte der Bilderstürme trefflich spiegelt. Es mag zynisch erscheinen, sich um Artefakte zu sorgen, wo Menschen sterben. Und doch ist es töricht, die Bombe, die ein bewohntes Mietshaus zerstört, gegen jene auszuspielen, die ein Museum trifft. Denn beide sind nur zwei Seiten ein und desselben Bestrebens: den Gegner auszulöschen, physisch, aber auch durch die Vernichtung seines kulturellen Gedächtnisses. Bei der Sorge um das kulturelle Erbe geht es deshalb um weit mehr als die Erhaltung lohnender Reiseziele für spätere, ruhigere Zeiten.

Zwar wölbt sich mittlerweile in kühnem Schwung die berühmte Brücke im bosnischen Mostar wieder über die Fluten der Neretwa, doch zur Unheilsgeschichte vom Zusammenbruch Jugoslawiens gehört ihre Sprengung ebenso, wie es die Toten von Srebrenica tun. Alle Kriegsparteien des zerfallenden Staates zielten nicht nur auf die Brust der ehemaligen Nachbarn, sondern auch auf ihr ideelles Herz: Sakralbauten, Kultgegenstände und Monumente der jeweiligen Gegenseite gerieten ins Kreuzfeuer katholischer Kroaten ebenso wie orthodoxer Serben oder muslimischer Bosniaken. Wobei die klaffende Lücke im Stadtbild Mostars möglicherweise mehr historische Wahrhaftigkeit in sich schloss als die blasse Rekonstruktion, die heute wieder verbindet, was nicht mehr verbunden sein will.

Die Geschichte wird von Siegern geschrieben, das bleibt auch dann wahr, wenn sich darauf in Deutschland vornehmlich Unverbesserliche und Geschichtsklitterer berufen. Ohne trübes Wasser auf deren Mühlen leiten zu wollen, lässt sich nüchtern festhalten, dass der symbolische Überschuss des Angriffs auf Dresden nicht nur unendlich viele Menschenleben ausgelöscht hat, sondern zugleich die kulturellen Zeichen, die ihnen künftig Identität hätten verleihen können. Freilich: ein Land, das der Barbarei Tür und Tor öffnete, hat sich letztlich selbst um den Anspruch gebracht hat, sein Wesen weiterhin auf die gloriose Vergangenheit elbflorentinischer Preziosen zu gründen.

In der Geschichte waltete eine Dialektik, die sich von dem Begriff Weltkulturerbe nicht so einfach ruhigstellen lässt. Dieselben Bauten und Monumente, die davon künden, dass es Geschichte gegeben hat, werden von der Geschichte auch wieder kassiert. Wo im Namen der Menschheit die Dignität universaler Kulturleistungen beschworen wird, wittern jene Teile der Menschheit, die sich vom Lauf des Ganzen übergangen fühlen, eine Wiederkehr hegemonialer Bevormundung im Gewand des Denkmalschutzes. Und in der Tat wird in jenen Ländern am vernehmlichsten um den Verlust unwiederbringlicher Kunstschätze getrauert, deren Museen sich zu anderen, kolonialen Zeiten mit den autochthonen Kostbarkeiten ferner Länder gierig vollgesogen haben.