Begabtenförderung am Sindelfinger Stiftsgymnasium Wie erkennt man Hochbegabte?

Am Sindelfinger Stiftsgymnasium gibt es eine Beratungsstelle für Hochbegabung. Foto: Bischof/Archiv

Hoher IQ, aber schlechte Noten: Das Stiftsgymnasium kennt sich aus mit hochbegabten Kindern – und kümmert sich besonders um sie.

Böblingen: Melissa Schaich (mel)

Es gibt viele Formen von Hochbegabung und viele Formen, wie sie sich äußert. Am Sindelfinger Stiftsgymnasium gibt es für diese Schüler eine besondere Förderung. Sanne Mäusling erklärt, wie sie aussieht – und was das für Lehrer bedeutet.

 

Wie gestaltet sich die Begabtenförderung am Stiftsgymnasium?

Bei uns gibt es keinen klassischen Hochbegabten-Zug. Stattdessen findet bei uns eine systematische Begabtenförderung statt, die beispielsweise im Stifts-plus-Profil sichtbar wird. Allerdings brauchen unsere Schülerinnen und Schüler keinen offiziellen Test, um in die Stifts-plus-Klassen zu kommen. In Vorgesprächen für die Viertklässler nimmt sich die Schulleiterin Nadine Kußler Zeit, um mit Eltern und Kind die Motivation und Eignung für die Aufnahme in eine solche Klasse zu prüfen und jeden Anwärter und jede Anwärterin persönlich kennenzulernen. Daneben bieten wir die Teilnahme an Wettbewerben, Akademien, Mint-EC Angeboten, Begabten-AGs und die Möglichkeit, ein Frühstudium zu absolvieren.

Expertin für Hochbegabte: Sanne Mäusling

Wie unterscheidet sich der Stundenplan eines begabten Kindes von dem eines regulären Schülers?

Für die begabten Kinder läuft der Unterricht etwas anders ab: Der Lernstoff wird zum Teil in einigen Kernfächern einem höheren Tempo vermittelt. Dafür entsteht dann Freiraum für andere Projekte, in denen die Schülerinnen und Schüler ihr Wissen vertiefen können. Wir versuchen den Unterricht in den Begabtenklassen nach dem Motto „Die Antwort auf Vielfalt ist Vielfalt“ zu gestalten. Das heißt, wir bedienen das ganze Spektrum: Wir haben Kinder, die mit Schulbegleitern in den Unterricht kommen, wir haben aber auch Kinder, die nur in einem Fach sehr begabt sind. Wenn möglich und gewünscht, schließen wir sogenannte Lernverträge ab. Manche Schüler gehen dann beispielsweise freitags nicht zum regulären Fachunterricht, sondern absolvieren in dieser Zeit von zu Hause aus ihr Frühstudium. Dann gibt es natürlich auch noch Kinder, die eine Klasse überspringen.

Wie können Lehrende hochbegabte oder begabte Schülerinnen und Schüler identifizieren?

Das zeigt sich oft an Verhaltensweisen wie wissbegierigem Nachfragen, dem Entwickeln von altersuntypischen Lösungsstrategien, Expertenwissen über den Stoff hinaus, aber manchmal auch schlichtweg in Arbeitsverweigerung. Wir versuchen das Kollegium fortlaufend zu aktuellen Themen der Begabtenförderung zu schulen und so im Einzelfall besser agieren zu können.

Hat der Lehrermangel Auswirkungen auf die Begabtenförderung?

Es geht immer um den Einzelfall – und der Einzelfall kostet Zeit. Der Lehrermangel macht das enorm schwierig. Wir haben den Anspruch, das ganze Spektrum abzudecken: Wir wollen fördern und fordern. Unser Kollegium hat aber wirklich tolle Ansätze und zeigt immer wieder den Willen, mehr Einsatz zu zeigen, damit die besten Entscheidungen für die Kinder getroffen werden. Begabung ist ein sensibles Thema. Erstens spielt die Außenwahrnehmung eine große Rolle. Wenn man sagt, dass ein Kind begabt oder hochbegabt ist, dann ist die gesellschaftliche Antwort oft skeptisch bis abwertend. Und zweitens: Die meisten fordern als Beweis einen Test. Beides bringt Eltern und Kinder oft in eine Rechtfertigungshaltung. Man muss sich immer bewusst machen, dass es ein ganzes Spektrum an Hochbegabung gibt: Die einen sind nur in Mathematik begabt, die anderen haben einen hohen IQ, schreiben aber trotzdem nur Vierer, und die anderen sind die klassischen Hochleister. Die Kopplung mit ADHS oder Asperger macht die Situation oftmals noch komplexer.

Gefragte Stelle

Förderung
Im Jahr 1999 startete am Sindelfinger Stiftsgymnasium die erste AG für begabte und hochbegabte Kinder. Seither wurde das Angebot stetig ausgebaut. Mittlerweile können rund 210 Schüler an dem Angebot teilnehmen. Eine Warteliste gibt es nicht.

Expertin
Sanne Mäusling war fünf Jahre am Landesgymnasium für Hochbegabte in Schwäbisch Gmünd tätig und ist nun in Sindelfingen für die Beratungsstelle für Hochbegabung zuständig.

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