Begegnung mit Ruth Ozeki „Ist Meditieren gut fürs Schreiben?“

Von Sacha Verna 

Der Tsunami im März 2011 hat das Leben und das Schreiben von Ruth Ozeki verändert. Jetzt erscheint ihr neuer Roman „Geschichte für einen Augenblick“. Die StZ-Autorin Sacha Verna ist der Schriftstellerin begegnet.

Ruth Ozeki lebt abwechselnd auf einer einsamen Insel und in New York. Foto: Verlag
Ruth Ozeki lebt abwechselnd auf einer einsamen Insel und in New York. Foto: Verlag

Stuttgart - Am 11. März 2011 saß Ruth Ozeki am Computer in ihrer New Yorker Wohnung und nahm die letzten Korrekturen an ihrem neuen Roman vor. Es war der Tag des Erdbebens und des Tsunamis in Japan, die zu einer Kernschmelze im Atomreaktor von Fukushima führten. Ruth Ozeki, Tochter einer Japanerin und eines Amerikaners, hat Verwandte und Freunde in Japan. Von ihnen wurde bei dem Unglück niemand verletzt. „Aber mir war klar, dass ich in einer anderen Welt lebte als noch tags zuvor“, sagt die 58-Jährige. Klar wurde ihr auch, dass der Roman, an dem sie gearbeitet hatte, in dieser veränderten Welt nicht mehr funktionierte.

Ruth Ozeki serviert Grüntee in handgefertigter Keramik. An der Decke ihrer winzigen Wohnung in Manhattans East Village dreht sich aus unerfindlichen Gründen ein altersschwacher Ventilator, während in einer Ecke ein Heizkörper aus dem vorletzten Jahrhundert in unregelmäßigen Abständen Klopfgeräusche von sich gibt. Auf einem Tischchen daneben steht der Computer, vor dem Ruth Ozeki die Wochen nach dem Erdbeben verbrachte, um ja keine Nachricht, keine Information aus und über Japan zu verpassen. „Ich erfinde Geschichten.“ Ruth Ozeki macht es sich auf der Couch bequem. „Doch dieses Ereignis war derart real und derart massiv, dass ich als Geschichtenerfinderin, als Schriftstellerin eine Möglichkeit finden musste, darauf zu reagieren.“ So entstand „Geschichte für einen Augenblick“. Und so wurde „Ruth“ zu einer Figur darin, Ruth Ozekis fiktive Doppelgängerin. Für einmal, so entschied Ruth Ozeki, wollte sie der Wirklichkeit auf diese Weise Einlass in ihr Erzähluniversum gewähren.

Angeschwemmt in einer Hello-Kitty-Lunchbox

Die Schriftstellerin Ruth und ihr Mann, der Landschaftskünstler Oliver, wohnen abwechselnd auf einer abgelegenen Insel an der Westküste Kanadas und in New York – wie Ruth Ozeki und ihr Mann Oliver Kellhammer. Ruth stößt auf einem Spaziergang am Inselstrand auf das Tagebuch eines japanischen Teenagers namens Nao, das in einer Hello-Kitty-Lunchbox angeschwemmt wurde und vielleicht Teil des Müllteppichs war, der als Folge des Tsunamis über den Pazifik treibt. Nao, die in Kalifornien aufwuchs und erst seit ein paar Jahren wieder in Tokio lebt, wird von ihren Mitschülern gequält. Ihr Vater ist arbeitslos und kriegt vor lauter Depressionen von Naos Verzweiflung kaum etwas mit. Nur Jiko, Naos Urgroßmutter, weiß, wie es um sie steht. Als 104-jährige buddhistische Nonne weiss Jiko freilich ohnehin mehr als die meisten Menschen. Es geht um Zen-Buddhismus und Zeit und um Familienbande, um Einsamkeit und Lebenswillen und um die Macht der Fantasie. Ruth dringt immer tiefer in Naos Geschichte ein, je länger sie liest. Ist Nao bei dem Erdbeben umgekommen?

„Wir sind Zeit-Wesen“, sagt Ruth Ozeki. Damit klingt sie ähnlich wie Nao, die sich auf der ersten Seite munter ihrer imaginären Leserin vorstellt: „Hallo! Ich heiße Nao, und ich bin Sein-Zeit, ich bin Sein und ich bin Zeit.“ Ruth Ozeki formuliert es ein wenig anders: „Unser Dasein hat zeitliche Grenzen.“ Diesem Bewusstsein sei „Geschichte für den Augenblick“ entwachsen. „Ereignisse wie das Erdbeben in Japan schneiden durch die Zeit wie ein Messer durch einen Kuchen. Dasselbe gilt für den Tod von Menschen, die einem nahestehen.“ Ruth Ozekis Mutter starb 2006 und war davor an Alzheimer erkrankt – wie Ruths Mutter Matsuko in dem Roman. „Geschichte für den Augenblick“ ist Matsuko gewidmet. „Meine Mutter fiel aus der Zeit. Zuerst, indem sie ihre Erinnerungen verlor. Dann, indem den Erinnerungen ihr Körper folgte.“ Nao hat vor, ihrem eigenen Aus-der-Zeit-Fallen nachzuhelfen. Doch bevor sie sich ins Jenseits befördert, will sie Jikos Lebensgeschichte aufschreiben. Und je länger sie sich damit beschäftigt, desto deutlicher erkennt sie die Bedeutung des Augenblicks. Denn das Erste, was Jiko ihrer Enkelin bei einem Besuch in ihrem Tempel beibringt, ist Zazen: Nichts zu tun, nichts zu denken, nur zu sein. Diese Mediationsübung ist der Kern des Zen-Buddhismus.