Seine schmalen Bücher über das Unglücklichsein oder die Liebe verkaufen sich blendend. Wilhelm Schmid, der Philosoph, hält Popularität nicht für einen Makel. Im Gegenteil. Die StZ-Autorin Dorothee Schöpfer ist dem Bestsellerautor in Stuttgart begegnet.
Stuttgart - Er kann nicht anders. Als Philosoph sei es nun mal sein Job, alles zu durchdenken, sagt Wilhelm Schmid mit einem Augenzwinkern. Die Kunst des Lebens genauso wie die Beschaffenheit der Crema auf dem Espresso. Diese da in der Tasse vor ihm auf dem Tisch des Bäckereicafés in der Stuttgarter Innenstadt sei zu hell und deshalb nicht stabil genug, erläutert er. Der Kurzvortrag über die Kunst der richtigen Kaffeezubereitung illustriert ganz gut, dass der Philosophieprofessor auch mit den praktischen Dingen des Lebens per Du ist.
Wilhelm Schmid, groß gewachsen und ein heiterer Gesprächspartner in weißem Hemd und rötlich karierten Sakko, gibt nicht viel Persönliches in seinen Büchern preis. Dass er allerdings eine Schwäche für Espresso hat, ist seinen Lesern bekannt. Und davon gibt es viele. Rund 700 000 Bücher hat Schmid verkauft, das jüngste „Gelassenheit. Was wir gewinnen, wenn wir älter werden“ steht seit Wochen ganz oben auf den Bestsellerlisten. Es geht in dem schmalen, kleinformatigen Band um die Stärkung der Hinnahmefähigkeit, die gute Macht von Gewohnheiten, um Berührung, Liebe und Freundschaft. Das Buch liest sich leicht, die Sätze sind kurz und prägnant, weder Fußnoten noch Querverweise stören den Lesefluss und alles ist sehr einleuchtend. Es gibt Kritiker, die wittern hinter dieser Einfachheit Banalität. „Ich will die Menschen erreichen. Den Vorwurf, zu populär, zu einfach zu sein, den gibt es für mich nicht“, hält Schmid dagegen. Die kleinen Bände, die sich so gut verkaufen, gibt es zum Glück, das laut Schmid überschätzt wird, genauso wie zur Liebe. Auch eine Ermutigung zum Unglücklichsein hat er verfasst und darin gute Argumente gegen den Zwang zum positiven Denken versammelt.
Seit einem Hörsturz ist der Sonntag frei
Ein Griesgram ist Schmid deshalb keineswegs. Vielmehr ein humorvoller Redner, der einen direkten Draht zu seinem Publikum spannt. Bis zu 80-mal im Jahr ist er auf Vortragsreise. Immer wieder auch im Hospitalhof in Stuttgart: Dort hat er am Vorabend über die Zumutungen des Alters parliert und sein Publikum belehrt und amüsiert. Denken und Schreiben ist eine einsame Arbeit. Vielleicht ist Schmid auch deshalb der Kontakt mit seinen Lesern so wichtig. Sechs Tage in der Woche sitzt er an seinen Manuskripten. Seit einem Hörsturz ist der Sonntag frei. Seit neustem hat Schmid das Twittern für sich entdeckt und schwärmt über den Reichtum, der in der vorgegebenen Knappheit steckt. Der Zwang zur Kürze, zur Verdichtung ist ihm Herausforderung und Vergnügen zugleich. Noch eine Möglichkeit, mit der Öffentlichkeit in Kontakt zu treten.
Viele Jahre lang war Schmid regelmäßig als philosophischer Seelsorger in einem Schweizer Krankenhaus tätig. Dort hat er gelernt, den Patienten, aber auch den Mitarbeitern gut zuzuhören. „Die Lösung von Problemen liegt im Menschen selbst. Ich habe nie Ratschläge gegeben, höchstens Anregungen,“ sagt er. Ist er heute als Bestsellerautor eine Art Seelentröster der Nation geworden? Jeden Tag erreichen ihn Mails mit Fragen. „Ich stelle mich als Reflexionspartner zur Verfügung. Mit dem Titel Seelsorger oder Seelentröster habe ich kein Problem.“ Schmid hat eine große Leserschaft, aber berühmt ist er nicht. Ab und zu sieht man ihn in Talkshows in den dritten Programmen, im Nachtcafé bei Wieland Backes war er schon oft zu Gast. „Aber ich muss nicht dauernd im Fernsehen sein. Im Schatten lebt es sich leichter“, findet Schmid.