Begegnungsraum Stuttgart „Zusammen lachen ist das Beste!“
Der Begegnungsraum Stuttgart ist Treff- und Ankerpunkt für Menschen mit und ohne Fluchtgeschichte, für Locals, Newcomer und alle, die sich engagieren wollen. Wir waren zu Besuch.
Der Begegnungsraum Stuttgart ist Treff- und Ankerpunkt für Menschen mit und ohne Fluchtgeschichte, für Locals, Newcomer und alle, die sich engagieren wollen. Wir waren zu Besuch.
Stuttgart - Ein quaderförmiger, fast unscheinbarer Holzpavillon steht seit 2017 in der Breitscheidstraße 2F auf dem Campus der Uni Stuttgart gegenüber des Sprachzentrums. Gemütlich ist es dort. Draußen eine Bank zum Verweilen mit mehreren großen Sitzkissen, drinnen Holztische und -stühle, Spiele und sonstiges kreative Utensil.
Hier findet sich ein Ort zum Ausprobieren und um sich zu entwickeln. Hervorgegangen aus einem Projekt von Architekturstudierenden 2015, im Zuge der damaligen Zuwanderungsdebatte, ist der Begegnungsraum ein Treff- und Ankerpunkt für Menschen mit und ohne Fluchtgeschichte, für Locals und Newcomer und für Leute, die sich engagieren wollen. Der Raum, der im Open-Space-Format gedacht ist, befindet sich in direkter Nachbarschaft der dortigen Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete und ist einer von fünf Wilkommensräumen in der Region.
Seither sind hier jede Menge Ideen und Projekte entstanden. Adelheid Schulz, die eigentlich aus der Darstellenden Kunst kommt, ist dort seit 2018 Koordinatorin und unter anderem für Formate und Kuration zuständig. Im Gespräch und Mayha Suaysom, die die Presse und Öffentlichkeitsarbeit verantwortet, erzählen sie, weshalb es wichtig ist, dass die Dinge aus sich selbst heraus entstehen, davon, was sie besonders stolz macht und was sie sich für die Zukunft des Begegnungsraums wünschen.
Bunt und vielseitig für alle Generationen
Das Angebot im Begegnungsraum ist weitgefächert: Sprachkurse, Chai-Café und Spieleabende wechseln sich mit Yoga, Kleidertauschbörsen und regelmäßigen Festen ab. Programme für Kinder ergänzen sich mit speziell für Frauen ausgerichteten Angeboten. Bunt und vielseitig soll es sein, offen und plural, für alle Generationen, verschiedene Kulturen, und Leute, die einfach Lust draufhaben. Das ist nicht eben wenig verlangt. Nur eines darf es nicht sein: paternalistisch. „Nicht immer ist den Leuten klar, was wir hier machen“, erzählt Schulz, „uns ist wichtig, dass wir hier einen Ort für eine offene Gesellschaft schaffen und erhalten“, sagt sie, „einen Ort, an den alle kommen können.“
Vor allem gehe es um die Begegnung auf Augenhöhe, ohne Anpassungsdruck und Hierarchien und Menschen, die sich engagieren wollen, sollten gut andocken können. Vertrauen zu schaffen, trotz aller Unterschiedlichkeit, das sei etwas sehr Wichtiges im Begegnungsraum. Peer-Groups, wie die afghanische Community oder die westafrikanische Community finden hier ebenso ihren Raum, wie etwa das ukrainische Welcome-Center, das zu Beginn des Ukraine-Kriegs Veranstaltungen angeboten hat. „Die Hochschule für Kunst und Gestaltung hatte hier schon Projekte, ebenso wie Stipendiat:innen der Akademie Schloss Solitude“, erzählt Schulz.
Gutes Konfliktmanagement ist ein Muss
Wo so viele Menschen zusammenkommen, gibt es natürlich auch Reibereien. Und natürlich müsse man lernen, damit umzugehen. Auch das sei eine Aufgabe des Begegnungsraums und hätte sich in den Jahren weiterentwickelt. Beispielsweise arbeiten sie dafür mit dem Büro für diskriminierungskritische Arbeit Stuttgart zusammen. Bürokratische Hürden und die Sprache seien für Neuankömmlinge oft das Schwerste und benötigen viel Zeit. Unterschiedliche Religionen und Kulturen prallen hier aufeinander, und dann gilt es zu entwirren. „Und manchmal würden ganz erstaunliche Dinge passieren“, sagt Schulz.
Bei einer Aktionswoche saßen eine Frau aus Kamerun und eine Frau aus Syrien zusammen und tauschten sich über ihre Erfahrungen mit der Religion in ihren jeweiligen Heimatländern aus. Das sei schon sehr beeindruckend gewesen. „Am besten ist es, wenn man zusammen lacht“, sagt Suaysom, die in Bangkok aufgewachsen ist, die man von ihren Artwalks, dem Illu-Mayha, oder der Schreibbude kennt, und die viel Erfahrung mit interkultureller Arbeit hat. Wenn es auch schwierig sei und viele Barrieren aufeinandertreffen, und es dennoch gelinge zu Lachen, hätten man schon viel gewonnen, sagt sie.
Am beliebtesten ist die Chai-Zeit
Drei Säulen haben sich im Begegnungsraum etabliert: Zwischen Wohnzimmerkonzept, kreativen Formaten und Initiativen und engagierte Einzelpersonen, die sich mit Ideen und Lust einbringen. Sehr beliebt sei die Chai-Zeit, erzählen die beiden. „Hier kommen die unterschiedlichsten Leute und Generationen zusammen“. Chai-Zeit heißt: Reden, Spielen und eben Chai-Trinken. „Dafür würden die Leute auch von weiter weg kommen,“ sagt Schulz. So käme ein Mann, der seit den Anfängen dabei ist, regelmäßig zum Schach spielen vorbei, obwohl er schon längere Zeit in Sindelfingen lebt. Mal kam ein syrischer Autor zu einer Lesung vorbei und dann wieder eine Künstlergruppe, die den Abend mitgestaltet. Alle Angebote sind niedrigschwellig.
Und wohin geht die Reise?
Damit alles gut läuft, brauche man viel Leidenschaft, erzählen die beiden. Ein Team aus Ehrenamtlichen betreue mittlerweile die Chai-Zeit. Natürlich könne immer nur so viel herauskommen, wie auch hineingegeben wird. Und die Kapazitäten dafür seien begrenzt. Auch sei die Fluktuation der Beteiligten größer geworden, was es manchmal komplizierter macht. Studierende der Uni, die sich im Begegnungsraum engagieren, sind manchmal nur für ein Semester da, weil sie dann wieder weiterziehen. Bürokratie gibt es nicht nur für Neuankömmlinge, sondern auch für die Macher:innen – auch das koste Nerven. Nichtsdestotrotz gibt es im Begegnungsraum sehr viele Leute, die mit Enthusiasmus und Herzblut daran arbeiten, dass es ein Ort des Ankommens, Verweilens und der Vertrauensbildung ist und bleibt. Als nächstes steht am 27. Juli das diesjährige Sommerfest an, bei dem es für Alt und Jung ein buntes Angebot geben wird und unter anderem das Ensemble „Komisches Habibi“ zu Gast ist. Wir dürfen uns auf einen tollen Nachmittag freuen.
Begegnungsraum Stuttgart, Breitscheidstr. 2F, Stuttgart-Mitte. Mo-Do: verschiedene Angebote. Sommerfest: 27.7., 15-20 Uhr