Jonathan streicht mit seinen Händen über die Blätter einer Tomate, umfasst ein paar Schritte weiter den dicken Lauch einer Zwiebel und staunt, wie fest er sich anfühlt. Von Hochbeet zu Hochbeet führt der Neunjährige seinen Gast und zeigt ihm, was in ihrer Degerlocher Oase wächst: „Das hier ist Kohlrabi, hier sind Möhren, das hier ist Gurke, das Zucchini.“ Jonathan kennt sich bei den Gemüsesorten erstaunlich gut aus. „Ist ja prima“, sagt Jochen Grube. Er blickt sich um: „Das ist richtig schön hier bei euch.“
Der 78-Jährige ist zum ersten Mal auf dem Gartenstück der Stuttgarter Familie. Seit mehr als elf Jahren ist er mit ihnen als Leihopa verbunden. Aber so ruft ihn keiner der inzwischen drei Söhne der Familie. Sie sagen auch nicht Opa oder Jochen. Für die Jungen ist er der „Waldopa“. So hat Aron, der Älteste, Jochen Grube vor vielen Jahren getauft. Denn bevor Jochen Grube der Leihopa von Jonathan wurde, war er schon der von Aron. Und man kann sich denken, wo die beiden besonders viel Zeit verbracht haben.
Die eigenen Enkelkinder leben nicht in der Region
Auf dem Tisch im Garten stehen Wassermelone und Brezeln bereit. Aron und Jonathan schaukeln und klettern noch ein wenig, während Jochen Grube erzählt. Als sein Sohn und seine Tochter klein waren, sei er morgens um sieben Uhr aus dem Haus gegangen und abends um 19 Uhr von der Arbeit wiedergekommen – er habe also viel verpasst. Mit den eigenen Enkelkindern, den Kindern seines Sohnes, konnte er das nicht nachholen. Sie leben in München, das ist zu weit weg, um sie in ihrem Aufwachsen eng zu begleiten. Sein ältester Enkel sei sogar in Arons Alter, sagt Jochen Grube.
Als er sich bei der Stuttgarter Leihgroßelternvermittlung meldete, war er 66 Jahre alt. Er arbeitete noch in seinem eigenen Redaktions- und Übersetzungsbüro, aber es war klar, dass er bald in den Ruhestand gehen würde – und dann wollte er eine erfüllende Aufgabe haben. Bei der zweiten Familie passte es für beide Seiten. „Ich hatte sofort Vertrauen“, erinnert sich Arons und Jonathans Mutter Renate ans damalige Kennenlernen. Die Familie will nur mit den Vornamen erscheinen.
Es gibt Nachwuchssorgen und eine Warteliste
Auf die Leihgroßelternvermittlung im Treffpunkt 50 Plus am Rotebühlplatz war Renate gestoßen, weil sie nach einer Lösung gesucht hatte, wie sie trotz Baby an einer für ihre Forschung wichtigen Telefonkonferenz teilnehmen könnte. Diese fand einmal die Woche statt. Als Aron später in die Krippe kam, brauchte die Naturwissenschaftlerin jemanden, der ihn donnerstags abholt. Das war ihr Präsenztag bei ihrem damaligen Arbeitgeber in Heidelberg. Ihre Eltern oder die ihres Mannes hätte sie dafür nicht fragen können. Jochen Grube wiederum hat es gerne übernommen.
Leihopas sind zwar in der Minderheit, aber auch nicht so ungewöhnlich. 35 Prozent ihrer Ehrenamtlichen seien inzwischen Männer, berichtet Wolfgang Bohn. Er organisiert gemeinsam mit seiner Frau Heidemarie und weiteren Ehrenamtlichen seit 13 Jahren das Angebot. Das ist gerade nicht ganz einfach. Es gibt Nachwuchssorgen – bei den Ehrenamtlichen, nicht etwa bei den Familien. Anfragen kämen jede Menge rein. Sie hätten aktuell nur 17 Familien in der Vermittlung, vor der Pandemie hätten sie stets um die 50 Familien versorgen können, erzählt der 77-jährige Fellbacher. Da konnten sie aber auch noch auf mehr als 80 Ehrenamtliche zurückgreifen. Doch viele kehrten nach der Pandemie nicht zurück, andere hörten aus Altersgründen auf. Das Durchschnittsalter liege inzwischen bei mehr als 70 Jahren, sorgt sich Bohn.
Wickeln war nicht im Portfolio
„Ich finde die Verbindung der Generationen ganz wichtig“, sagt Heidemarie Bohn, die alle Heidi nennen. Sie sei selbst ohne Großeltern aufgewachsen. „Ich habe das immer sehr vermisst.“ Es gehe bei dem Angebot darum, eine Beziehung aufzubauen. Reine Hol- und Bringdienste zur Kita seien nicht vorgesehen, betont sie. Die meisten ihrer Ehrenamtlichen wollten sich um Kinder kümmern, die schon sprechen und laufen können. Eine ihrer Leihomas sei da anders – sie sei am liebsten für Babys da. Sogar Drillinge habe sie schon betreut. Gerade helfe sie einer Zwillingsfamilie und habe sogar noch ein weiteres Baby dazugenommen, weil ihr das Ehrenamt so viel Freude bereite. Das freut auch Heidi Bohn. Sie selbst hat neun Enkelkinder und ist deshalb nicht auch noch Leihoma.
Auch Aron war noch ein Baby, als Jochen Grube das erste Mal mit ihm im Kinderwagen loszog – mit frischer Windel und gefüttert hat ihn Renate übergeben. Dass Wickeln nicht im Portfolio sein würde, hatten sie besprochen. Weder die Eltern noch Jochen Grube hätten damals gedacht, dass die Verbindung tatsächlich so lange währen würde.
Der Bub teilt sein Vesper mit seinem Waldopa
Als Aron schon laufen konnte, ist Jochen Grube mit ihm viel in der Natur unterwegs gewesen. Sie haben an einem Teich in der Nähe seines Zuhauses Kaulquappen entdeckt und von Woche zu Woche beobachtet, wie diese zu Fröschen werden. Nicht vergessen wird er einen Nachmittag beim Haus des Waldes, als Aron noch im Kindergartenalter war. Der Kleine habe sich ausgetobt, dann auf eine Bank gesetzt und sein Vesper gegessen. Dann habe er aufgesehen und gesagt: „Wo ist denn dein Vesper?“ Er habe keines, habe er geantwortet. Da habe der Bub sein Brot durchgebrochen und ihm die Hälfte hingehalten: „Jetzt hast du ein Vesper.“ Solche Momente bleiben.
Renates Sohn Aron ist, das zeigt die Geschichte, eigentlich gut im Teilen. Aber als er irgendwann seinen Waldopa teilen sollte, da musste er doch schlucken. Das sei für ihn zunächst seltsam gewesen, erzählt seine Mutter, und Aron nickt. Jochen Grube hat damals in einer Übergangsphase etwas mit beiden Brüdern zusammen unternommen. Regelmäßig hat er sie zu Spielenachmittagen abgeholt – und oft gegen die Jungs beim Kartenspielen verloren. Er wohnt im sechsten Stock in Filderstadt-Plattenhardt. Auch aus dem Weg runter haben sie ein Spiel gemacht: Wer ist als Erster wieder unten – er mit dem Aufzug oder sie zu Fuß? Die Kinderbeine seien immer schneller gewesen.
Jochen Grube hört bald auf – aus Altersgründen
Inzwischen trifft sich Jochen Grube nur noch mit Jonathan allein. Die beiden lesen viel zusammen, weil Renate ihn darum gebeten hat. Auch mit Aron hatte er lesen geübt, als der in die Grundschule kam. Für sie sei das eine echte Entlastung, meint die 47-Jährige. Es sei schwierig, bei drei Kindern konzentriert für 30 Minuten das Lesen zu fördern, weil immer auch die zwei anderen Aufmerksamkeit wollten. Sie findet es schön, dass ihre Söhne über ihren Leihopa einen engen Bezug zur älteren Generation gewonnen haben. Irgendwann hätten sie die Betreuung gar nicht mehr gebraucht, „da haben wir wegen der Beziehung weitergemacht“, sagt sie.
Dennoch steht bald der Abschied an, spätestens, wenn Jonathan die Grundschule verlässt. Dann hört Jochen Grube auf, aus Altersgründen. Den dritten Sohn der Familie wird er nicht mehr betreuen. Man müsse noch die Chance haben, hinter dem Kind herzukommen, erklärt er, warum er sich auch nicht mehr vermitteln lässt. Er will die Jahre nicht missen. Es sei ein Glück, zwei so tolle Buben groß werden zu sehen. Ihm hat es gutgetan: „Man bleibt lockerer“, sagt der 78-Jährige.
Angebot besteht seit mehr als 30 Jahren
Geschichte
Seit 1990 werden in Stuttgart Leihgroßeltern vermittelt, gestartet war das Angebot von der „Arbeitsgemeinschaft Kinderbetreuung“, die sich später in „Leihgroßeltern Stuttgart“ umbenannte. Vor fünf Jahren war das Projekt gefährdet, die Evangelische Gesellschaft stieg deshalb 2020 als Träger ein und kooperiert mit dem Treffpunkt 50 Plus, der weiterhin die Räumlichkeiten stellt.
Ehrenamt
Wer selbst Leihoma oder -opa werden will, kann sich beim Büro der Leihgroßeltern unter Telefon 07 11/35 14 59 44 melden (dienstags von 10 bis 12 Uhr). Achtung: Im August ist das Büro geschlossen. Alternativ kann man auch bei der Evangelischen Gesellschaft anrufen unter Telefon 07 11/20 54-462.
Ehrenamt
Eine Stunde Betreuung durch eine Leihoma oder einen Leihopa kostet 8,50 Euro. Die Ehrenamtlichen erhalten eine Aufwandsentschädigung, außerdem werden darüber die Verwaltungsaufgaben und die Tätigkeit des ehrenamtlichen Organisationsteams finanziert. vv