Begehrtes Industriegebiet in Stuttgart Daimler begeistert sich für Vaihingen

Von Josef Schunder 

Was ein Andrang! Im Gewerbegebiet Möhringen/Vaihingen wird eine neue Entwicklungsstufe gezündet – wie zuvor der Allianz-Konzern hat jetzt die Daimler AG angekündigt, dass sie hier 4000 Arbeitsplätze einrichten will. Aber: Deshalb wächst auch die Sorge vor mehr Verkehr.

Visionen: So könnte der Daimler-Komplex ausschauen Foto: Daimler
Visionen: So könnte der Daimler-Komplex ausschauen Foto: Daimler

Stuttgart - Der Daimler-Konzern will am Wallgraben in Stuttgart-Vaihingen 4000 bis 4200 Arbeitsplätze konzentrieren, die bisher auf den Großraum Stuttgart verteilt sind. Und er versteht dies auch als „weiteres Bekenntnis zum Standort Stuttgart“. Mit dieser Botschaft hat Hugo Daiber, Geschäftsführer der Daimler Real Estate GmbH, am Dienstag erstmals bekannt gemacht, was Daimler am bisherigen Sitz der Buchgroßhandlung KNV beabsichtigt. Dass sich die Daimler AG dort in das Gewerbegebiet Möhringen/Vaihingen, auch Synergiepark genannt, eingekauft hat, war schon einige Zeit bekannt. Nur nicht die Pläne, die auch von den Daimler-Vorstandsmitgliedern Bodo Uebber („eine zukunftsweisende Investition“) und Wilfried Porth als bedeutsam eingestuft werden. Daimler hat auch noch eine Option für Restflächen von KNV jenseits der Straße Am Wallgraben, will sie möglicherweise aber doch nicht ziehen.

Noch wisse man nicht genau, welche Abteilungen im Neubauquartier einziehen werden, sagte Daiber. Auch nicht, wie viele bisher in Stuttgart angesiedelte Arbeitsplätze dorthin verlagert werden und wie viele aus der Region. Oder ob dort sogar zusätzliche Mitarbeiter einziehen. Noch kenne man die Entwicklung der Mitarbeiterzahl in den nächsten Jahren gar nicht genau. Aber Handlungsbedarf sieht man schon länger.

15 000 Büroarbeitsplätze gibt’s bei Daimler in der Region

Außerhalb der Daimler-Werke Untertürkheim und Sindelfingen unterhalte Daimler rund 15 000 Büroarbeitsplätze, verstreut auf unterschiedlichste und manchmal „miserable“ Standorte. Es sei ein Auftrag des Vorstandes, der weiteren Zersiedlung dieser Büroarbeitsplätze Einhalt zu gebieten und eine Konzentration zu versuchen – aber nur an einem Standort mit gutem Anschluss an den öffentlichen Nahverkehr und auf einer Fläche, wo man ohne Änderung des Bebauungsplans auskomme.

Letzten Sommer, „als andere im Urlaub waren“, hat der Konzern das Gelände nach einem Hinweis der städtischen Wirtschaftsförderung gekauft. „Idealer kann ein Standort nicht sein“, sagte Daiber. Die neue Stadtbahnlinie U 12, die am Freitag eröffnet wird, ist vor der Tür des künftigen Neubaus. Weitere Stadtbahnlinien verkehren in der Nähe, die S-Bahn im Bahnhof Vaihingen, der Regionalhalt der Bahn werden soll.

 

Das Gewerbegebiet Möhringen/Vaihingen und aktuelle Projekte im Überblick, für eine größere Darstellung bitte auf die Karte klicken. Foto: © 2015 Stadtmessungsamt Stuttgart   Bearbeitung: Lange

In aller Stille hat der Konzern bereits ein architektonisches Gutachterverfahren über die Bühne gebracht. Ergebnis: Das Büro Ortner & Ortner (Wien/Berlin) soll „ein Stück Stadt“ bauen, ein offenes „Quartier mit urbaner Mitte“. In einer Tiefgarage und auf einem Gelände jenseits der Schockenriedstraße will man 2600 Stellplätze errichten. Man wolle aber nicht nur Teil des Verkehrsproblems sein, sagte Daiber, sondern auch Teil der Lösung und deswegen „die Mobilität von Unternehmen und Mitarbeitern neu denken“ – und zwar unter Einsatz der car2go-Leihautos, der Mobilitätsapp Moovel, von Fahrradabstellplätzen, Ladeeinrichtungen für Elektroautos und autonomem Fahren, also selbstfahrenden Autos.

Möglichst noch in diesem Jahr soll mit dem Bau begonnen werden

Möglichst schon Ende 2016 will Daimler das Gelände altlastenfrei übernommen haben und mit dem Bauen beginnen. Die Fertigstellung ist für 2019 vorgesehen. Die Kosten nannte Daiber nicht, es gehe aber um einen dreistelligen Millionenbetrag.

Im Rathaus kommt das Projekt gut an. Städtebaubürgermeister Peter Pätzold (Grüne) sprach am Dienstag im Ausschuss für Umwelt und Technik von einer „Aufwertung“, aber auch einer zusätzlichen Herausforderung bei der Verkehrsbewältigung. Die Stadträte lobten, dass nicht eine Trutzburg hinter Zäunen wie im Sternhäule in Möhringen entstehe. Die geplante Fassade solle man noch optimieren, außerdem einem der größten Verkehrsengpässe in Stuttgart vorbeugen, hieß es. Beim Versprechen, Mobilität neu zu denken, müsse nachgelegt werden.

Das Daimler-Projekt ist Teil großer Veränderungen im Gewerbegebiet. Statt jetzt rund 22 000 Arbeitsplätze könnte es in einigen Jahren weit über 30 000 geben.

Beim Bahnhof ist ein Mobilitätszentrum vorgesehen

Inzwischen hat die Stadt das sogenannte Aurelis-Gelände beim Bahnhof Vaihingen gekauft, dem Vernehmen nach für 6,5 Millionen Euro. Nur ein Teil davon soll begrünt werden zum Ausgleich für das Vorhaben des Allianz-Konzerns, seine Sportflächen und vielleicht auch Nachbargrundstücke der Stadt mit Arbeitsplätzen für 4000 Mitarbeiter zu bebauen, die bisher in der Innenstadt tätig sind. Am Nordende des Aurelis-Geländes stellen sich mehrere Fraktionen und die Bauverwaltung neuerdings Gewerbe und/oder Sonderwohnformen wie Studentenwohnungen vor. Die nördliche Unterquerung unter den Bahngleisen wird verlängert, bei der vorhandenen durchgehenden Unterquerung im südlichen Bereich der Eingang verbessert. Dort sind Gewerbe und ein Mobilitätszentrum vorgesehen. Auf dem Gelände der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) kann sich die Wirtschaftsförderung Bebauung vorstellen, die SSB im Moment nicht.

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