Begehrtes mobiles Parklet Per Handkarren in eine lebenswertere Stadt

Von Martin Haar 

Gastronomen und Händler reißen sich darum, dass Gerhard Wollnitz sein mobiles Parklet vor ihrem Laden abstellt. Der weiße Karren braucht keine Genehmigung, darf unentgeltlich parken und zieht Menschen in Scharen an.

Gerhard Wollnitz  mit seinem mobilen Parklet im Gerberviertel. Foto: Haar
Gerhard Wollnitz mit seinem mobilen Parklet im Gerberviertel. Foto: Haar

Stuttgart - Was wäre wenn, der gute alte Handkarren eine Renaissance erlebte? Ganz einfach: Dann gäbe es das kleine Parkraumwunder. Dann hätte am Gehwegrand kaum noch ein Auto Platz, weil überall Handkarren in der Größe eines Opel Corsa parkten.

Soweit die Utopie, die einem Automobilisten den kalten schweiß auf die Stirn treibt. Für Gerhard Wollnitz aber ein echtes Ziel darstellt: „Mein Kernanliegen ist, die Straßen wieder für die Kinder zu öffnen. Denn ihnen haben wir diesen Spielraum gestohlen.“ Aber auch Erwachsene würden von „einer schönen Stadt“ profitieren. Einer Innenstadt, in der das Auto nur eine Randerscheinung ist.

So ist es kein Wunder, dass Wollnitz sein Projekt inklusive Facebook-Seite „Das kleine Parkraumwunder“ nennt. Denn damit bremst er schon jetzt manche Autofahrer aus. Die mobile Sitzgelegenheit, auch Parklet genannt, schlüpft gewissermaßen durch die Straßenverkehrsordnung (StVO). Weil das Parklet Räder hat und wie ein Handkarren mit Muskelkraft von A nach B gezogen werden kann, darf es laut StVO auch auf öf­fentliche Flächen parken. Ganz ohne ­Gebühren. Für solche mobilen Gefährte am Straßenrand bräuchte es dann auch keinen Parklet-Grundsatzbeschluss des Gemeinderats.

Wegen dieses Schlupfloches in der StVO reiben sich die Geschäftsleute im Gerberviertel übrigens genüsslich die Hände. Denn dort, wo eigentlich ein kreatives Parklet hätte stehen sollen, steht nun seit Wochen das „Stuttgarter Safety-Car“ von Gerhard Wollnitz.

Händler ist begeistert vom Safety-Car

Hans Schneider und seine Frau Angela, Inhaber des Optikers Sichtbar in der Sophienstraße, fehlen heute noch die Worte, dass die Stadt das Parklet, das einen Publikums-Wettbewerb gewonnen hatte, am Gerberviertelfest und beim großen Picknicken nicht genehmigt hatte. „Nicht einmal für einen Tag“, sagt Hans Schneider, „es ist absurd.“

Nun stehen Schneider und seine Frau nicht gerade im Ruf, militante Feinde des Autos zu sein. Als Einzelhändler in der City sind sie sogar ein Stück weit auf den Individualverkehr und Kurzzeitparkplätze angewiesen. Aber die Erfahrungen mit dem Parklet vor seiner Ladentür haben seinen Horizont geweitet. „Für unseren Laden ist das Parklet und das bunte Leben, das sich dort abspielt reine Werbung“, sagt Hans Schneider, „Leute machten dort während der WM Public-Viewing, holen sich von im Espresso-Laden einen Kaffee oder lassen sich im Parklet nieder und haben eine gute Zeit. Ich finde es großartig.“

Offenbar erkennen Händler wie Schneider zunehmend, dass eine autofreie Innenstadt nicht gleichbedeutend mit dem sofortigen Ende ihres Geschäfts wäre. Schneider selbst beklagt eher den „Parksuchverkehr“ durch die Sophienstraße. Zudem stellt er fest: Auf den wenigen Parkplätzen stehen mehrheitlich Dauerparker. Alle Gewerbetreiben würden sich freuen, wenn ein Parklet den Straßenraum aufwertete.

Weil das 3,60 lange und 200 kg schwere Parklet, das etwa zehn Erwachsene fasst, für Gastronomen und Händler eine Magnetwirkung darstellt, hat das Ordnungsamt Wollnitz gebeten, es nicht mehr vor Cafés oder Läden aufzustellen. Auch findigen Gastronomen selbst, ist ein Riegel vorgeschoben: Wer gleichzeitig Besitzer eines Lokals und eines mobilen Parklets ist, darf es nicht vor seinem Etablissement parken. „Daher bekomme ich viele Anfragen von Gastronomen, ob ich mein Safety-Car nicht vor ihrem Lokal abstellen könnte“, sagt der schwäbische Tüftler.

Nur 1500 Euro Materialkosten

Dennoch hofft Wollnitz, dass immer mehr Stuttgarter selbst auf den Geschmack kommen. Wer sich einen begehbaren Handkarren aus Sperrholzplatten, Rädern und Fahrwerk basteln will, bekommt von ihm die Pläne. Die Materialkosten liegen bei etwa 1500 Euro. Während es in Stuttgart noch keine Nachahmer gibt, ist man in Köln bereits auf dem Weg. „Ich wundere mich“, sagt Wollnitz mit einem gehörigen Schuss Ironie, „dass ich von der Stadt Stuttgart noch keinen Dankesbrief dafür bekommen habe, dass ich zehn Quadratmeter freie Fläche gemacht habe.“

An Anerkennung indes fehlt es dem Stuttgarter Produkt- und Interieurdesigner nicht. Für sein Parklet hat er den Publikumspreis beim Social Design Award von Spiegel Wissen und Spiegel Online gewonnen. Das gibt ihm auch Schwung für sein nächstes Projekt: der mobile Fahrradabstellplatz. Wollnitz stellt sich darunter eine Art Parklet vor, auf dem fünf Fahrräder sicher abgestellt werden können. „Ich glaube, wenn es viele solcher Fahrrad-Anhänger gäbe, würde sich noch mehr Stuttgarter Pedelecs kaufen. Das wäre ein Konzept, das gut geeignet wäre, eine echte Verkehrswende einzuläuten.“

Sollten tatsächlich immer mehr Stuttgarter auf die Idee kommen, im sich Do-it-yourself-Verfahren ein mobiles Parklet oder einen Parklet-Rad-Parkplatz zu basteln, könnte es noch enger im städtischen Parkraum zugehen.

Was für manchen Autofahrer wie ein Albtraum klingt, ist für Gerhard Wollnitz’ eine schöne Vision. „Es wäre allerdings schön, wenn die Stadt Stuttgart von sich aus endlich aufwacht“, sagt er und steigt auf sein Rad. Er persönlich hat die Verkehrswende längst vollzogen.

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