Begeisternde Atmosphäre in Paris So verzückt ist die Stadt der Liebe von den Olympischen Spielen

Glänzende Olympia-Atmosphäre: Fans in der Fechthalle. Foto: Imago//Koji Aoki

Lange Schlangen vor den Arenen, super Stimmung auf den Tribünen: Fans aus der ganzen Welt feiern in Paris ein Sportfest der Superlative. Die Athleten sind von der Olympia-Stimmung total beeindruckt.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Wer vor zwölf Jahren in London war, wird diesen Sommer nie vergessen. Die Olympischen Spiele zogen die Welt in ihren Bann, auch wegen ihrer sensationellen Stimmung. Insgesamt strömten damals 8,2 Millionen Fans in die Arenen, fast alle Stadien und Hallen waren zu sämtlichen Terminen ausverkauft. Für nicht wenige Wettbewerbe, erinnern sich Beobachter, gab es nicht mal mehr auf dem Schwarzmarkt Tickets. Jetzt in Paris? Könnte alles noch viel verrückter werden.

 

Normalerweise ist es problemlos möglich, Zuschauer bei Rennen im Wildwasser-Slalom einzeln per Handschlag zu begrüßen. Am Sonntagnachmittag aber bildet sich vor dem Einlass ins Stade Nautique, das nicht mitten in Paris, sondern weit draußen im Osten der Stadt in Vaires-sur-Marne liegt, eine fast einen Kilometer lange Schlange. Rund 15 000 Zuschauer sorgen zwei Stunden später bei der Kajak-Entscheidung der Frauen trotz großer Hitze für Gänsehaut-Atmosphäre. Ricarda Funk, 2021 bei den trost- und zuschauerlosen Corona-Spielen in Tokio Olympiasiegerin geworden, verpatzt den Finallauf, es fließen Tränen. Doch als sie über das Publikum spricht, glänzen ihre Augen aus einem anderen Grund. „Ich habe so lange trainiert, für diesen einen Moment vor dieser Tribüne“, sagt sie, „da oben am Start zu stehen, war überwältigend. Ich habe nur gedacht: Wie geil ist das denn? Dieses Erlebnis hat sich ganz tief in mein Herz eingegraben.“

Auch der Nürtinger Dang Qiu ist begeistert

Szenenwechsel. Das Tischtennis-Turnier findet in der Süd Paris Arena statt, sie ist Teil der Paris Expo Porte de Versailles – einem der größten und meistbesuchten Ausstellungs- und Kongresszentren Europas. Dang Qiu bestreitet seine ersten Olympischen Spiele und ist nicht nur von deren Größe fasziniert. „Die Stimmung ist unfassbar schön. Die Zuschauer haben Bock auf Olympia, Bock auf Sport. Es ist tierisch geil“, sagt der Mann, der in Nürtingen aufgewachsen ist und jetzt für Borussia Düsseldorf spielt, „die Zuschauer zelebrieren hier alles: Sie feiern die Gewinner, aber auch die Verlierer, und sie honorieren die Leistung. Man spürt den olympischen Gedanken dahinter. Das ist etwas Einmaliges.“

Neben der Tischtennis-Halle steht die Arena der Volleyballer. Es ist der Morgen nach der Eröffnungsfeier, das deutsche Team musste früh aufstehen. Anpfiff gegen Japan ist um 9 Uhr, doch nicht nur die Akteure haben sich den Wecker gestellt – sondern auch 10 500 (!) Zuschauer. Sogar dieses Frühstücks-Event ist ausverkauft. Nach erfolgreichen Blocks, die vor allem den deutschen Abwehrhünen Tobias Krick (2,13 Meter) und Anton Brehme (2,06 Meter) gelingen, schreien die Fans „Monster, Monster, Monsterblock“ und bewegen sich rhythmisch hin und her. So sehr, dass die Stahlrohrtribüne leicht ins Schwingen gerät und sich auf der Pressetribüne der eine oder andere Journalist ängstlich an seinem Stuhl festhält.

Magische Stimmung

Die Schwimm-Wettbewerbe gehen in der Arena La Defense über die Bühne, in der normalerweise Weltstars wie Taylor Swift auftreten. Derzeit sorgen schon morgens um 10 Uhr bei den Vorläufen rund 17 000 Fans für die Musik – nachdem sie mehr als eine Stunde in der Schlange gestanden hatten. In der Halle brodelt es, bei den Rennen kann man vor lauter Lärm sein eigenes Wort nicht verstehen. Am zweiten Abend gelingt es Tony Estanguet trotzdem irgendwann, sich Gehör zu verschaffen. Angesprochen auf die unglaubliche Euphorie auf den Tribünen sagt der Olympia-Organisationschef: „C’est magique!“

In der Tat hat es etwas Magisches, was die Fans an den ersten drei Tagen der Olympischen Spiele zelebriert haben. Nicht nur am Wildwasserkanal, beim Tischtennis, Volleyball oder Schwimmen. Sondern in allen Wettkämpfenstätten – die Auswahl ließe sich beliebig erweitern, um jede Sportart. Schön daran ist, dass nicht nur französische Athletinnen und Athleten angefeuert und unterstützt werden, was natürlich auch damit zu tun hat, dass Fans aus aller Welt nach Paris gereist sind. Wobei die Franzosen, so viel Nationalstolz sei den Gastgebern gestattet, am ersten Wochenende einen ganz besonderen Moment kreiert haben. Als das Rugby-Team am späten Samstagabend Gold holt, verbreitet sich diese Nachricht auch an den anderen Wettkampforten. Ohne dass diese Choreografie vorgegeben worden wäre, stimmen die Fans beim Tennis, Handball und Schwimmen spontan ihren Lieblingsruf an: „Allez les Bleus!“

Die Grande Nation feiert großartige Spiele

Knapp neun Millionen Eintrittskarten wurden für Paris 2024 verkauft – und schon jetzt lässt sich sagen: Die Stadt der Liebe ist völlig verzückt von ihren Spielen. Sie berauscht sich an sich selbst. Zwischen Eiffelturm und Grand Palais, zwischen Place de la Concorde und Schloss Versailles herrscht eine riesige Begeisterung, angesichts derer die Probleme der ersten Tage (Athleten beklagten sich über das Essen im Olympischen Dorf und Schwierigkeiten beim Transport) wie Marginalien erscheinen. Es sieht alles danach aus, als würde die Grande Nation großartige Spiele feiern. „Wir hatten etwas Außergewöhnliches erwartet, aber nicht in diesem Ausmaß“, sagt die französische Radsportlerin Audrey Cordon-Ragot, Neunte im Zeitfahren. Auch sie ist überwältigt von der speziellen Stimmung in der französischen Hauptstadt. „Ich dachte die ganze Zeit nur: Wow, was ist hier los?“

Dabei ist die Antwort so einfach: Es sind Olympische Spiele im Herzen des sportbegeisterten Europas. So wie damals in London. Vielleicht wird es diesmal sogar noch ein bisschen schöner.

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