Fürs Fasten ist es nie zu spät, weiß der Experte. Foto: KI/Midjourney/Sebastian Ruckaberle
An Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit. Warum temporärer Verzicht gesund ist, erklärt Andreas Michalsen, Bestseller-Autor und Chefarzt am Immanuel Krankenhaus in Berlin.
An Aschermittwoch beginnt traditionell die christliche Fastenzeit. Viele verzichten auf Dinge wie Zucker, Alkohol oder das Smartphone, andere fasten aus gesundheitlichen Gründen. Der Fastenexperte Andreas Michalsen ist Internist, Bestseller-Autor und Chefarzt der Abteilung Naturheilkunde am Immanuel Krankenhaus in Berlin. Er erklärt, welche Effekte temporärer Nahrungsverzicht auf Körper und Geist haben.
Herr Professor Michalsen, die Fastenzeit ist mit Verzicht verbunden. Verstehen Sie, wenn manche sagen: Was soll das, ich will auf nichts verzichten?
Ja, sicher. Verzicht ist im ersten Moment nicht gerade mit Vergnügen verbunden. Man muss sich stattdessen disziplinieren. Und das macht doch keinen Spaß, denken viele. Wirklich verzichten können wir ohnehin kaum noch. Wir leben in einer Überflussgesellschaft – und es gilt: Wir sind nur dann glücklich, wenn wir zu jeder Zeit das bekommen, was wir wollen. In Wahrheit ist es aber so: Überwindet man sich dazu, bekommt man am Ende viel zurück. Man spürt, dass Verzicht gut tut, dass es sich lohnt.
Auf was verzichtet man in der Fastenzeit am besten?
Das kann jeder individuell festlegen. Heutzutage fokussieren sich die Menschen vor allem auf zwei Bereiche: auf das digitale Detox, also das temporäre Haushalten mit oder gar den Verzicht auf Smartphones, Tablets, Computer oder soziale Medien. Und auf die Ernährung, etwa auf den Verzicht auf Genussmittel wie Zucker, Alkohol, Junk Food.
Andreas Michalsen ist Mediziner – und gilt als einer der führenden Fastenexperten Deutschlands. Foto: Immanuel Albertinen Diakonie/Brigitta Brandt
Wie macht man es richtig?
Eine der gängigsten Varianten ist das Heilfasten – und hier die von Otto Buchinger in den frühen 20er Jahren entwickelte Methode: Man nimmt über einen begrenzten Zeitraum keine feste Nahrung zu sich, nur Wasser, Tee, Gemüsebrühe und geringe Mengen von Obst- oder Gemüsesäften. Das hat ganz starke Effekte. Ähnliches gilt für das so genannte Scheinfasten, das ich für alltagstauglicher halte. Hier reduziert man die Nahrungsaufnahme nicht ganz, aber deutlich – und zwar verteilt auf drei kleine Mahlzeiten mit insgesamt etwa 700 Kalorien täglich. Das ist für viele einfacher zu bewältigen.
Apropos quälen. Beim Fasten sei zunächst das Abführen wichtig, ist oft zu lesen, etwa mit extrem bitter schmeckendem Glaubersalz und mit Einläufen.
Das gilt inzwischen nicht mehr als Grundbedingung des Fastens. Man kann abführen, muss aber nicht. Vielleicht ist für manche das Abführen psychisch wichtig, weil sie so die Vorstellung haben, dass alles raus ist. Der Fasteneffekt auf den Körper bleibt aber mit oder ohne gleich.
Und der wäre?
Zunächst einmal wirken das Heilfasten und auch das Scheinfasten stark entzündungshemmend. Bei von Rheuma, Darmentzündungen oder Arthrose Betroffenen reduzieren sich Schwellungen und Schmerzen schon nach kurzer Zeit. Auch bei Bluthochdruck oder Diabetes zeigen sich rasch Verbesserungen. Hier kann Fasten sogar heilen. Nicht umsonst wird etwa Bluthochdruck bei etwa 90 Prozent der Patienten als „essentielle Hypertonie“ bezeichnet. Das heißt, es gibt dafür gar keine organische Ursache, sondern das Leiden ist allein durch die Lebensführung verursacht. Zudem hat das Fasten präventive Wirkung. Für den Körper ist es wie ein Reset, ein Neustart.
Wie kommt das?
Durch das Fasten gibt man dem Körper Zeit, den Reparaturmodus in den Zellen in Gang zu setzen. Es ist eine Art Frühjahrsputz für den Körper – und eine körperliche Verjüngung der Zellen. Natürlich sieht man nach einer Fastenkur nicht zehn Jahre jünger aus. Man reduziert aber wie gesagt Entzündungsprozesse, die maßgeblich für das Altern verantwortlich sind. Zudem wird unter anderem der Stoffwechsel angekurbelt, beschädigte Zellbestandteile werden abgebaut, und die Fettverbrennung kommt in Schwung.
Beim Fasten geht es zwar nicht hauptsächlich darum, dennoch: Man nimmt somit auch ab?
Durchaus, vor allem adipöse Menschen verlieren Gewicht. Bei vielen verändert sich der Geruchs- und Geschmackssinn. Man entwickelt zudem Achtsamkeit dafür, was der Körper wirklich braucht. Dadurch fällt eine Umstellung der Ernährung leichter. Fasten ist somit ein guter Einstieg in eine grundsätzlich gesündere Ernährung, in ein gesünderes Leben.
Da zeigen sich biochemische Veränderungen. So steht zum Beispiel mehr Serotonin zur Verfügung, das als Glückshormon bekannt ist. Veränderungen im Stoffwechsel sorgen dafür, dass sich die Stimmung beim Fasten eher verbessert, dass man sich wacher und aktiver fühlt. Fasten hat außerdem dadurch eine psychologische Wirkung, weil sich die Selbstwirksamkeit erhöht. Man merkt, wow, ich schaffe das ja. Das funktioniert. Man ist also zu recht stolz auf sich.
Darf jeder fasten?
Schwangere, Stillende, Kinder und Jugendliche sollten grundsätzlich nicht fasten. Wer aus medizinischen Gründen fastet, also etwa Diabetiker oder Rheumatiker, sollte ärztlich ein wenig betreut werden. Denn viele Medikamente wirken anders, wenn man weniger Nahrung zu sich nimmt. Auch Menschen, die eine Essstörung wie Bulimie oder Magersucht haben oder hatten, sollten aufs Fasten verzichten. Ansonsten gilt: Wer halbwegs gesund ist, kann alleine Heilfasten und noch leichter Scheinfasten.
Gibt es eine Altersbegrenzung?
Eigentlich nicht. Allerdings sind die Prozesse im hohen Alter langsamer und eingeschränkter. Während mit 60 die Wahrscheinlichkeit, dass ich 100 Prozent Wirkung erziele, noch hoch ist, sinkt sie mit 80. Nutzlos ist das Ganze aber dennoch nicht. Anders gesagt: Es ist nie zu spät zum Fasten.
Kann man währenddessen arbeiten?
Es geht schon, aber das muss jeder für sich entscheiden. Am besten informiert man so oder so Familie, Freunde und Kollegen darüber. So wissen sie, dass man nicht in einer „normalen“ Situation ist. Grundsätzlich empfiehlt es sich, das Fasten gut zu planen.
Eine gründliche Planung ist wie gesagt wichtig – und die Frage: Passt es derzeit wirklich in meinen Kalender. Als Tipp: Meiner Meinung nach fängt man am besten donnerstags oder freitags mit der Entlastung an. So hat man das Wochenende für die ersten beiden Fastentage, die in aller Regel die schwersten sind. Danach fällt es den meisten leicht. Und alles, was man für die Fastentage braucht, kauft man am besten bereits vor dem Start.
Was empfehlen Sie für die Zeit nach dem Fasten?
Es ist der ideale Zeitpunkt, sich eine optimal gesunde Ernährung anzugewöhnen, sprich: pflanzenbetont und vollwertig zu essen. Die Hauptmahlzeit sollte in unseren Breitengraden ohnehin entweder das Frühstück oder das Mittagessen sein. Spätes und üppiges Abendessen ist nicht zu empfehlen. So kann man auch das als gesund geltende Zeitfenster 14:10 einhalten, also über einen Zeitraum von 10 Stunden Nahrung zu sich nehmen – und anschließend 14 Stunden pausieren, also Intervall-fasten.
Zur Person
Beruf Andreas Michalsen ist seit 2009 Chefarzt der Abteilung Naturheilkunde im Immanuel Krankenhaus in Berlin und zudem Lehrstuhlinhaber für klinische Naturheilkunde an der Charité. Als Facharzt für Innere Medizin promovierte er im Bereich Kardiologie. Er bildete sich zudem unter anderem im Bereich Naturheilverfahren fort. Zu seinen Fachgebieten gehören neben Fasten- und Ernährungsmedizin auch Akupunktur und Mind-Body-Medizin. Er ist Autor zahlreicher Bücher, darunter „Heilen mit der Kraft der Natur“ und „Mit Ernährung heilen“.
Privates Geboren und aufgewachsen ist Andreas Michalsen, Jahrgang 1961, im oberschwäbischen Bad Waldsee. Sein Vater war Kneipparzt. Durch sein Elternhaus kam er daher früh mit Naturheilverfahren in Berührung.
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