Begräbnis der Queen Ein Trauerfall als Staatstheater

Pompöses Begräbnis: der Sarg auf dem Weg zur Begräbnisstätte Foto: Imago//Stephen Lock

Der Abschied von Queen Elizabeth II. war ein Staatsbegräbnis, wie es noch nie eines gab. Die britische Monarchie lebt von Tradition und Ritualen. Oder ginge es auch ein bisschen moderner?

Kultur: Tim Schleider (schl)

Was sich am Montag in London ereignet hat und was Millionen von Fernsehzuschauern miterlebt haben, das Staatsbegräbnis für Königin Elizabeth II., hat die Welt so noch nie gesehen – und wird es wohl auch so nie wiedersehen. Eine bis ins kleinste Detail genau geplante Trauerzeremonie vor den Augen einer globalen Öffentlichkeit; dazu vor Ort in Westminster Abbey eine Versammlung an Monarchen, Präsidenten, Regierungschefs aus allen fünf Erdteilen – all dies war nicht nur historisch einmalig. Es war vor allem auch eine überwältigende Inszenierung. Ein Stück Staatstheater.

 

Das ist ohne jede Ironie oder gar Häme formuliert; es ist schlichte Beschreibung. Seit der allerersten Mitteilung des Buckingham-Palastes am Mittag des 8. September 2022 mit dem Inhalt, der Queen sei nicht wohl und stehe deshalb nun ganz in der Obhut ihrer Ärzte, hat ein Zeremoniell begonnen, das in jedem kleinen Punkt, jeder Einzelheit geplant und genau bedacht war.

Kein familiärer Trauerfall

Nur für sehr wenige Minuten war der Tod von Elizabeth Windsor das, was er für Milliarden anderer Menschen gewesen wäre, ein familiärer Trauerfall. Vielmehr musste dem gesamten britischen Staat mit ihrem Tod ein Zeitenwechsel gelingen: vom alten Souverän zum neuen Souverän. Und da dieser britische Staat keine geschriebene Verfassung kennt, musste er den Wechsel in aller Öffentlichkeit im wahrsten Sinne des Wortes darstellen, vorführen – durch Zeremonien, Musik, Aufmärsche, Kostüme, Verlautbarungen, Fahnen, Zeichen, Gesänge, Gebete. Die elf Tage zwischen dem Tod der Queen am 8. September und dem Staatsbegräbnis am 19. September waren ein einziges großes Ritual, ein politisches Gesamtkunstwerk. Erst in dem Augenblick, da ihr Sarg auf Schloss Windsor an der Seite ihres Ehemannes Philip tatsächlich beerdigt wurde, durfte sie wieder wenigstens für diesen Moment Elizabeth Windsor sein.

Die Macht kommt aus der britischen Monarchie

Nur gut, dass das Volk bei diesem Ritual mitgespielt hat. Gut, dass der offenbar überwiegende Teil der Briten vom Tod ihrer Queen wirklich erschüttert war. Gut, dass viele Briten jedweder Herkunft und jedweden Alters sich kilometerlangen Warteschlangen anschlossen, um für Sekunden einen Blick auf den sorgsam geschmückten Sarg der Königin werfen zu können. Gut, dass im Lauf der Tage wirklich Hunderttausende die verschiedenen Prozessionen säumten.

Für wen das gut war? Vor allem für all jene Instanzen in Politik und Gesellschaft Großbritanniens, deren Machtanspruch sich bis heute formal allein speist aus der royalen Souveränität – angefangen bei der Premierministerin, die zwar vielleicht eine Mehrheit der Abgeordneten im Unterhaus hinter sich hat, offiziell ins Amt aber erst durch ein kurzes Hinknien vor Elizabeth II. kam.

Das royale Staatstheater funktioniert

Man stelle sich vor, dieses große Ritual, dieses royale Staatstheater hätte ohne nennenswert großes Publikum stattgefunden – so, wie hierzulande manche katholischen Messen vor immer kleineren Gemeinden stattfinden, weil vielen Katholiken der Glaube an die Integrität des geistlichen Spitzenpersonals verloren gegangen ist. Dann hätte das Vereinigte Königreich ein Problem gehabt, ein Verfassungsproblem, das die Gegner der Monarchie dort zwar herbeisehnen, das zu lösen aber weitaus komplizierter und folgenreicher wäre, als sich diese vorzustellen vermögen. Denn die Staatsform der Republik allein ist bekanntlich noch kein sicherer Garant für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

Nun hat das britisch-royale Staatstheater aber funktioniert, es hat den Wechsel zum neuen König ermöglicht. Alle Premierminister, Minister, Abgeordneten, Richter, Polizisten, Schiffskapitäne, Postbeamten sind befugt, weiter ihre Arbeit zu verrichten – und so lautet die spannende Frage, wie ernst Charles III. es meint mit seinen Andeutungen, er wolle die britische Monarchie irgendwie modernisieren, zeitgemäßer gestalten.

Natürlich kann man Traditionen überdenken, auf diese oder jene Uniform verzichten, auf diesen oder jenen Tusch zum Einzug. Auf das Ritual als Ritual aber wird der König nicht verzichten können, denn die Monarchie ist per se Ritual, jedenfalls die britische (und vielleicht noch die japanische).

Die Monarchie muss weitermachen

Auch das Detail der britischen Thronfolge ist übrigens Teil des Rituals. Deswegen konnte die Queen nie an Rücktritt denken, deswegen kann Charles seine Krone nicht einfach an seinen Sohn William delegieren. In Schweden, Dänemark, den Niederlanden ist so ein Schritt möglich; in Spanien wurde er praktiziert, als das öffentliche Ansehen von Juan Carlos zerstört war. Aber das sind alles Länder, die von ihren Verfassungen her kein passender Vergleich zu Großbritannien sind; sie sind keine Souveräne. Hier wird der alte König tot sein müssen, bevor der nächste an seine Stelle treten kann. So wie es auch im Vatikan mit dem Papst gedacht war, bevor Benedikt mit seinem profanen Rücktritt 2013 dem Amt viel von seiner Aura und Autorität geraubt hat.

Die britische Monarchie muss vielleicht nicht weitermachen wie bisher. Aber weitermachen muss sie. Wie weit Charles Traditionen ändern kann, ohne seine Aura als Souverän anzugreifen, wird sich weisen; womöglich schon bei der nun anstehenden Krönungszeremonie. Seine Mutter war es, die 1953 gegen großen Widerstand der Traditionalisten eine TV-Liveübertragung der Feier durchsetzte. Es war ihr Durchbruch in der Hauptrolle des royalen Staatstheaters. Seitdem war sie The Queen.

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