Manche Eltern müssen sich wohl mit der Tatsache abfinden, dass Tiktok die eigenen Kinder manchmal besser versteht als die Erziehungsberechtigten selbst. Als registrierter Nutzer des chinesischen Kurzvideoportals muss man sich nur wenige Videos anschauen, bis die Anwendung erkennt, was einen interessiert und nur noch gezielt diese Inhalte anzeigt. Tiktok weiß, welches Spiel das Kind am liebsten zockt, von welchen Influencern es sich am häufigsten Videos anschaut, was es witzig findet und was nicht. Fast die Hälfte der Nutzer ist zwischen 16 und 24 Jahre alt.
Das Weiße Haus sieht Tiktok als Bedrohung
Zur Erziehungsarbeit von Eltern gehört, dem eigenen Kind ein verantwortungsvolles Nutzerverhalten im Internet beizubringen. Wenn man es nur den Kindern selbst und dem chinesischen Großkonzern überlässt, was ein heranwachsender Mensch konsumieren soll, dann darf man sich nicht wundern, wenn das hin und wieder aus den Fugen gerät. Das Weiße Haus hat Tiktok vor Kurzem sogar als eine Bedrohung für die nationale Sicherheit bezeichnet. Dabei ist die eigentliche Bedrohung nicht dann gegeben, wenn Kinder manchmal bei waghalsigen Challenges ihr Leben riskieren, um Aufmerksamkeit für ihre selbst produzierten Videos zu erhalten. Die App ist vielmehr ein Risiko, was die Datensicherheit angeht, und auf gefährliche Weise süchtig machend – für alle Altersklassen.
Es erscheint geradezu absurd, dass das Unternehmen nun erklärt hat, auch in die Erziehungsarbeit des Kindes einzugreifen und durch eine neue halbherzige Funktion eine Möglichkeit einzubauen, die Bildschirmzeit von Minderjährigen zu begrenzen. Da fragt man sich doch, ob diese Intervention nicht die Aufgabe der Eltern selbst hätte sein sollen. Wer bei der digitalen Erziehung des Kindes auf die Hilfe des Milliardenkonzerns gehofft hat, der nimmt die eigene Verantwortung nicht ernst genug. Man sollte auch nicht das Eigeninteresse des Unternehmens unterschätzen. Es reagiert mit dieser Maßnahme erst nach eine Reihe von Kontroversen auf Forderungen von Politikern auf der ganzen Welt. Das Interesse des Kindes sollte in der Hand der Eltern liegen.