Begrenztes Tiktok-Verbot Tiktok entgeht locker Tiranas Bannstrahl
Neun Monate nach Albaniens auf ein Jahr befristetem Verbot von TikTok bleibt dessen Sinn umstritten – auch weil es leicht umgangen werden kann.
Neun Monate nach Albaniens auf ein Jahr befristetem Verbot von TikTok bleibt dessen Sinn umstritten – auch weil es leicht umgangen werden kann.
Kurz vor Weihnachten sprach Albaniens mächtigster Mann ein Machtwort. TikTok sei der „Schläger in der Nachbarschaft“ wetterte Premier Edi Rama. „Entweder schützt TikTok Albaniens Kinder. Oder Albanien wird seine Kinder vor TikTok schützen.“
Ob wegen gewaltverherrlichender Videoclips, die Sorge um die Sicherheit der Nutzer-Daten oder der Furcht vor durch den TikTok-Logarithmus manipulierte Wahlen: Trotz seines weltweiten Siegeszuges ist das populäre Kurzvideoportal grenzüberschreitend nicht nur bei Jugend- und Datenschützern umstritten. Aus Sicherheitsgründen haben Länder wie Frankreich, Großbritannien oder Kanada ihren Staatsdienern die App auf ihren Diensttelefonen untersagt. Jugendschutzgründe führen Staaten wie Afghanistan, Indien, Iran, Nepal oder Somalia für das generelle Verbot von TikTok ins Feld.
Albanien ist das erste Land in Europa, das TikTok zeitlich aus seinen Webwelten zu verbannen versucht. Doch neun Monate nach Verhängung des TikTok-Verbots bleibt dessen Sinn umstritten – auch weil es von den Nutzern der Plattform ohne viel Mühe umgangen werden kann.
Ende 2024 zählte die TikTok-App 1,53 Millionen Nutzer in dem 2,4 Millionen-Einwohner-Land. Drei Monate nach dem Verbot war die Anzahl der Postings auf der albanischen TikTok-Plattform laut Medienberichten im Juni hingegen nur um 3,3 Prozent gesunken. Der Grund: Mit Hilfe von VPN-Verbindungen, die den Standort der Nutzer verschlüsseln, lässt sich Tiktok auch in Albanien problemlos weiter nutzen.
Die Regierung schweigt sich zum Erfolg ihres TikTok-Banns aus: Auch der angekündigten Entwicklung von „Filtern“ und Regeln, mit denen die Nutzung von TikTok und anderen Plattformen jugendsicherer gemacht werden sollten, hat Tirana noch keine Taten folgen lassen. Kritiker des albanischen Banns argwöhnen denn auch, dass dieser weniger von der angeführten Sorge um den Jugendschutz als politisch motiviert gewesen sei.
Der Tod eines von einem Mitschüler niedergestochenen 14-Jährigen hatte Ende 2024 Albaniens Debatte über die Webgewalt ausgelöst. Allerdings waren weder das Opfer noch der Täter Tiktok-Nutzer. Der Schülertod sei keineswegs der Grund für den TikTok-Bann, versicherte damals Rama: 90 Prozent der Eltern und Lehrern hätten sich dafür ausgesprochen.
Doch laut Ansicht seiner Kritiker wollte Medienregulator Rama mit dem zwei Monate vor den im Mai angesetzten Parlamentswahlen verhängten TikTok-Verbot vor allem unliebsame Überraschungen wie bei Rumäniens turbulenter Präsidentenkür vermeiden: Am 24. November 2024 hatte der prorussische Außenseiter Calin Georgescu im Karpatenstaat den ersten Wahlgang mit Hilfe einer vermutlich aus dem Ausland koordinierten TikTok-Kampagne gewonnen.
Wegen der TikTok-Manipulationen und falschen Angaben zur Finanzierung seines Wahlkampfs war der Urnengang hernach von Rumäniens Verfassungsgericht annulliert worden. In Albanien war der TikTok-Unsicherheitsfaktor bei der Parlamentswahl am 11. Mai hingegen ausgeschaltet: Die Sozialisten (PS) von Premier Rama triumphierten mit dem Versprechen eines baldigen EU-Beitritts mit 52 Prozent problemlos.
Viel Interesse hat Ramas neue Regierung seit dem Urnengang an der TikTok-Debatte nicht mehr gezeigt. Doch spätestens nach Ablauf des Verbots im März 2026 wird Tirana Bilanz ziehen und über dessen Verlängerung entscheiden müssen. Die bisherigen Erfahrungen scheinen eher gegen ein Verbot der Plattform und für effektivere Regeln für die auf ihr verbreiteten Inhalte zu sprechen.
Gegenüber dem Webportal „cna.al“ erklärt der IT-Experte Tomi Kallanxhi, dass das Beispiel Albanien zeige: Der Versuch, den Zugang zu bestimmten Plattformen einzuschränken, sei im digitalen Zeitalter zum Scheitern verurteilt: „TikTok ersetzt bei der Generation Z zunehmend Youtube, weil es nahezu perfekt die Vorlieben jeden Nutzers versteht.“ Für ihn sei dieses Phänomen kein Grund zur Sorge, sondern ein Vorteil: „Statt auf Verbote zu setzen, die nicht funktionieren, sollte man zu verstehen versuchen, wohin die Aufmerksamkeit der jungen Generation geht und wie sich diese in Richtung von qualitativen Inhalten lenken lässt.“