Behaglich wohnen Die Tipps einer Wohnpsychologin für ein gemütliches Zuhause

, aktualisiert am 02.10.2023 - 22:18 Uhr
Weiche Materialien und sanfte Farben vermitteln Ruhe und schaffen Behaglichkeit. Hier ein Wohnbeispiel von Muuto aus Dänemark. Foto: Hersteller / Muuto

Machen Möbel aus Glas unglücklich und stumpfe Winkel gute Laune? Die Wohnpsychologin Melanie Fritze erklärt, wie sich das Zuhause behaglich einrichten lässt und was das Leben von Höhlenmenschen damit zu tun hat.

Bauen/Wohnen/Architektur : Nicole Golombek (golo)

Das ist ja gemütlich – mit diesem Lob, das so nicht jeder teilt, wird eine gelungene Einrichtung bekundet. Was Gemütlichkeit ist, seit wann sie den Menschen wichtig ist und wie sie sich im eigenen Zuhause schaffen lässt, sagt die auf Architektur und Wohnen spezialisierte Diplompsychologin Melanie Fritze im Interview.

 

Frau Fritze, seit wann macht es sich die Menschheit gemütlich?

Früher hatte unsere Behausung vorwiegend die Funktion, uns vor Witterung und Gefahren zu schützen. Heutzutage hat unser Zuhause viel mehr als nur eine Schutzfunktion.

Welche?

Das Zuhause ist ein wichtiger Rückzugsort, der uns Erholung und Regenerationsmöglichkeiten geben soll. Daher ist es wichtig, dass wir uns auch wohl und behaglich darin fühlen.

Melanie Fritze ist Wohnpsychologin und weiß, wann sich Menschen in Räumen wohl oder unwohl fühlen. Foto: Fritze

Und was ist Behaglichkeit?

Wie behaglich ein Mensch sich in einem Raum fühlt, ist eine subjektive Wahrnehmung. Einige Faktoren sind personenbezogen wie zum Beispiel die Bekleidung – bin ich zu warm oder zu kalt angezogen, sinkt die Behaglichkeit – oder die individuelle körperliche und geistige Verfassung einer Person. Des Weiteren gibt es allgemeine Raumeinflüsse wie schlechte Akustik, eine hohe Geräuschkulisse, unangenehme Gerüche.

Wie schafft man ein behagliches Zuhause?

Behaglichkeit ist das Ergebnis angenehmer Wahrnehmungen. Bei der Planung und Gestaltung unseres Wohnumfeldes sollten wir daher behaglichkeitsfördernde Faktoren integrieren und negative Reize vermeiden. Damit wir uns in einem Raum behaglich fühlen können, ist es wichtig, dass die Räume unseres Zuhauses Geborgenheit vermitteln.

Haben Sie Beispiele?

Licht und Wärme. Ausreichend Tageslicht in Räumen zu haben ist wichtig für das Gefühl von Behaglichkeit, sonst fühlt man sich schnell beengt und eingegrenzt. Bei künstlichem Licht ist warmweißes Licht behaglichkeitsfördernd – mit am besten verschiedenen Lichtquellen mit indirektem Licht. Strahlungswärme von der Sonne oder auch ein Kamin, eine Fußbodenheizung oder eine Wandheizung tragen wesentlich zum Empfinden von Behaglichkeit bei.

Wie sieht es mit Farben aus? Tapeten und farbig gestrichene Wände liegen ja im Trend.

Sehr bunte und sehr schrille Farben wirken aktivierend und können schnell zu Reizüberflutung und zu Stress führen. Daher vermitteln eher warme Farben Behaglichkeit, denn sie bewirken Entspannung und Lebendigkeit gleichzeitig.

Gibt es auch wissenschaftliche Kriterien für Behaglichkeit?

Stumpfe Winkel zwischen 90 und 180 Grad werden von uns Menschen als angenehmer erlebt als spitze Winkel.

Warum das denn?

Stumpfe Winkel werden eher als eine Umschließung oder unbewusst als eine Höhle empfunden. Der Mensch fühlt sich beschützt und kann damit die unbewussten Alarmreaktionen abschalten und sich besser entspannen. Räume, die durch zu große Glasflächen sehr offen wirken, vermitteln keine Behaglichkeit und Geborgenheit, weil die dazu notwendige Umschließung fehlt.

Gibt es bei der Wahl der Möbel etwas zu beachten?

In Studien wurde herausgefunden, dass Holz stressmindernd wirkt. Der Geruch von Holz wirkt sich wohltuend auf das autonome Nervensystem aus, selbst wenn er nicht mehr bewusst wahrnehmbar ist. Alle natürlichen Materialien fördern Behaglichkeit. Ebenso sollte man auf warme und weiche Oberflächen achten. Die kalte und glatte Glasplatte fühlt sich weitaus weniger behaglich an als die strukturierte warme Holzoberfläche. Der kalte und glatte Lederbezug auf dem Sofa ist weniger behaglich als das Samtsofa. Oberflächen geben unbewusst die Sicherheit, sich nicht zu verletzen. Unbewusst begleitet uns eine gewisse Vorsicht, wenn wir harte oder spitze Materialien um uns haben. Überhaupt sind Sicherheitsgefühle wichtig.

Wie schafft man solche Sicherheits- und Kontrollgefühle?

Weil wir nicht sehen können, was hinter uns passiert, wählen wir gerne Sitzplätze mit dem Schutz im Rücken. Der Sitzplatz mit einer Wand im Rücken bei gleichzeitigem Blick nach draußen oder in den Raum bietet mehr Schutz als ein Sitzplatz frei im Raum stehend. Damit Behaglichkeit entstehen kann, ist es wichtig, dass wir uns sicher fühlen. Und damit wir uns sicher fühlen, brauchen wir das Gefühl der Sicherheit und Kontrolle. Zum Beispiel, indem wir unsere Umgebung überblicken können. Erst dann können wir unser unbewusstes Alarmsystem ausschalten und uns entspannen.

Info

Zur Person
Die Hamburger Diplompsychologin Melanie Fritze (50) hat sich auf Architektur- und Wohnpsychologie spezialisiert. Sie arbeitet mit den Schwerpunkten Wohnen, Arbeiten und Hausbau.

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