Behinderte Eltern Die machen das schon

Von Elisabeth Hussendörfer 

Anna und Tom sind geistig behindert und haben zwei Kinder. Dass Henry, zwei Jahre alt, bei ihnen bleiben kann, ist einem engagierten Angebot zu verdanken: dem Wohnhaus Tandem in Hamburg.

Anfangs wirkte Tom eher teilnahmslos, aber heute ist er für den zweijährigen Henry ein liebevoller Vater. Foto: Knop
Anfangs wirkte Tom eher teilnahmslos, aber heute ist er für den zweijährigen Henry ein liebevoller Vater. Foto: Knop

Hamburg - Sie haben sich im Bus kennengelernt. „Ich fand sie gut“, sagt Tom*, 24. „Jeden Morgen waren wir unterwegs zur Behindertenwerkstatt“, erzählt Anna*, 25. Sie hätte da eine Ausbildung gemacht. „Ich hab am liebsten gekocht. Tom mochte es eher, mit Holz und Metall zu arbeiten.“

Anna wirkt nicht behindert, nicht auf den ersten Blick. Sie hat sich Strategien zurechtgelegt. Spricht Satzenden mit, wenn das Gesagte vorhersehbar ist. Hat aber Probleme, Zusammenhänge herzustellen oder zukunftsorientiert zu denken. Von „Menschen mit kognitiven Einschränkungen“ sprechen die, die mit Tom und Anna zu tun haben. Die Ursachen? Eine schlecht durchblutete Plazenta in der Schwangerschaft, eine Kinderkrankheit, zu wenig Sauerstoff bei der Geburt. Der Mensch hat dann später Probleme im Alltag.

Irgendwann, sagt Anna, sei es passiert. Ihre Regel blieb aus. Ihre Augen haben plötzlich einen glänzenden Film, so, als müsse sie weinen, wenn sie an ihr erstes Baby denkt: „Patrick kam weg, da war er vier Monate alt.“ Patricks Haut war anspruchsvoll, musste viel gecremt werden. Anna fand das anstrengend. Tom findet: „Die anderen Mütter in der Wohngruppe waren alle nicht geistig behindert, das war unfair.“ Die Betreuer hätten so getan, als könnte sie das alles genauso. „Hier, im Tandem, ist es besser“, sagt Anna, die nur elf Monate nach Patrick einen zweiten Sohn zur Welt gebracht hat: Henry.

Wenn sie nicht mehr weiter weiß, greift Anna zum Telefon

Anna, Tom und Henry sind eine von insgesamt elf Familien, die im „Wohnhaus Tandem“ untergebracht sind, ein Angebot der „alsterdorf assistenz ost gGmbH“ „Auch hier komm ich immer wieder an Grenzen“, gibt Anna zu. Auch Henry war immer mal wieder wund und die 25-Jährige so mit den Nerven am Ende, dass sie am liebsten weggerannt wäre. Aber im Tandem braucht sie nur zum Hörer zu greifen und im Bereitschaftszimmer einen Stock tiefer anzurufen und zu sagen: „Ich kann nicht mehr.“ Oder „Ich brauch da einen Rat.“ Ein elfköpfiges Team aus Pädagogen und Sozialarbeitern arbeitet in der Einrichtung. Jede Mutter und jeder Vater hat einen persönlichen „Assistenten“, der täglich in festgelegten Bereichen wie Haushalt, Spielen, Freizeitgestaltung hilft. Ein weiterer Mitarbeiter ist expliziert für das Kind da, soll aber nicht in die Elternrolle rutschen. Die sogenannte Kinderförderung ist daher auf zwei Stunden pro Woche begrenzt und findet auf Spielplätzen oder beim Legobauen statt. Im Anschluss wird der kindliche Entwicklungsstand dokumentiert.

Fünfzehn Jahre alt ist das Tandem und in der Form bundesweit einzigartig. Sieben weitere stationäre Häuser gebe es, sagt Einrichtungsleiterin Elfie Ruzanska, „nirgends sonst aber werden ganze Familien aufgenommen“. Dass ihr Haus noch immer als ungewöhnlich gelte, zeige, wie schwierig es für unsere Gesellschaft sei, mit dem Thema Behinderung und Elternschaft umzugehen. Fassungslos ist die 60-Jährige, wenn sie daran denkt, dass die beeinträchtigten Mädchen und Frauen in Deutschland noch bis vor gut zwanzig Jahren, konkret bis zur Änderung des Betreuungsgesetzes 1992, zwangssterilisiert wurden.

Die Pädagogin ist sich sicher, dass viele immer noch denken: Es ist besser, wenn „solche Leute“ keine Kinder kriegen. „Aber dass jemand nicht gut mit Geld umgehen kann oder Schwierigkeiten hat, sich zu organisieren, heißt doch nicht, dass sein Herz nicht bereit ist, alles zu geben für ein Kind.“

Antje Engel hilft und kontrolliert Anna und Henry. Foto: Knop

Man muss nur im ersten Stock des Wohnhauses ab der Treppe nach rechts gehen, und es wird klar, was sie meint. Der zweijährige Henry quietscht, hüpft ausgelassen zwischen jeder Menge blinkendem Plastikspielzeug. Er fällt der Mama in die Arme. Krabbelt dem Papa auf den Bauch. Robbt sich wieder hoch, rennt wieder zur Mama. Die greift jetzt einen Ball, schaut das Kind an, fragt: „Magst du?“ Sozialpädagogin Antje Engel, Annas Assistentin , hält sich im Hintergrund. Die „Spielzeit“, wie sie nennt, was da gerade läuft, findet täglich statt. „Toll, wie du mit deinem Kind sprichst“, wird Anna von Antje Engel gelobt, während Mutter und Kind das Zimmer in ein Fußballfeld verwandeln. Henry ist ein Wirbelwind, der ganze kleine Körper ist Kommunikation. „Eine Zeit lang war es schwierig, sind die Eltern nicht auf seine Signale eingegangen“, sagt Engel. Zu viele Angebote, ein Spielzeug hier, ein Spielzeug da, kein wirkliches Sicheinlassen. „Rechtzeitig eingreifen, die Eltern anleiten – das ist entscheidend, um Entwicklungsverzögerungen zu vermeiden“, sagt Antje Engel.

Auch wenn Paare wie Tom und Anna wohl nie komplett alleine leben und den Alltag als Familie bewerkstelligen werden können: die stationäre Unterbringung wie im Tandem ist nur ein Übergang. Ambulante Wohnformen, wo nur an manchen Tagen jemand kommt und guckt, werden angestrebt. „Dieses Haus ist ein Übungsfeld“, sagt Antje Engel. Und bringt nun hinter sich, was immer ein wenig heikel ist: die Wohnungskontrolle. Heikel deshalb , weil es bei sogenannten Hilfeplangesprächen mit dem Jugendamt regelmäßig Updates gibt: Was läuft schon gut, wo gibt es noch Unterstützungsbedarf? Dann wird entschieden: Kann die Hilfe so weiterlaufen? Elfie Ruzanska mag nicht drumrum reden: „Es gab schon Familien, da wurden Eltern und Kinder getrennt, auch bei uns.“

„Das geht so nicht, das weißt du“, sagt Antje Engel jetzt und deutet auf das Kabel eines Rasierapparats, das im Bad zu Boden hängt. Alle elektrischen Geräte außer Reichweite des Kindes, so lautet eine Regel. Eine andere: Keine Tüten auf dem Boden! Müll sortieren! Oder auch: Kühlschrank regelmäßig ausmisten! Antje Engel schaut sich die Haltbarkeitsdaten mehrerer Milchprodukte an. Die Familien bekommen Haushaltsgeld, dürfen selbst entscheiden, was gegessen wird. Jeden Abend Frittiertes – über so was aber wird gesprochen. Nicht mit erhobenem Zeigefinger zwar, aber kritisch. Bei Antje Engel fällt auf, wie oft sie Anna lobt, ihr wie beiläufig die Hand auf den Rücken legt, um zu signalisieren: Du machst das schon.