Noch heute, fast ein Jahr später, bleibt die Frage nach dem Warum. Nach wie vor ermittelt die Staatsanwaltschaft Koblenz, wie es zur Tragödie kommen konnte – und wer verantwortlich ist. Bei zwei Dingen aber sind sich zumindest Wissenschaftler sicher. Erstens: Wegen des Klimawandels wird es solche Extremwetterereignisse künftig häufiger geben. Zweitens: Menschen mit Behinderung sind von dessen negativen Auswirkungen besonders stark betroffen – etwa, weil sie bei Naturkatastrophen oder Extremwetterlagen oft Hilfe und mehr Zeit brauchen, um gerettet zu werden. Zudem würden sie ohnehin in vieler Hinsicht ausgegrenzt. Festgehalten hat das auch der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen in einem Bericht vom April 2020.
Behindertenrechte finden öffentlich wenig Beachtung
Die Ökologin Sasha Kosanic von der John- Moores-Universität in Liverpool kennt die Problematik. Die Wissenschaftlerin mit Zerebralparese – einer spastischen Störung des Nerven- und Muskelsystems – machte 2019 im Zuge eines Forschungsprojekts in Konstanz auf die Rechte von Menschen mit Behinderung im Zusammenhang mit dem Klimawandel aufmerksam. Sie weist darauf hin, dass Menschen mit Behinderung größtenteils von der internationalen Debatte zum Klimawandel ausgeschlossen werden – in der Politik wie auch in der Wissenschaft.
Die Wucht einer Katastrophe wie im Ahrtal trifft die verwundbare Gruppe der Menschen mit Behinderung besonders stark. Mehr als 180 Tote gab es in Deutschland damals, viele zerstörte Existenzen, Schäden in Milliardenhöhe. Das Extremwetterereignis hat Spuren hinterlassen. Allen voran im Ahrtal, wo noch heute das Haus der Lebenshilfe steht. Die Benachteiligung behinderter Menschen, so Kosanic, beginne aber lange vor einer Katastrophe. „Viele Menschen mit Behinderung haben keinen gleichberechtigten Zugang zu Wissen und Bildung, verstehen also vielleicht nicht, wie ernst der Klimawandel ist.“ Informationen sowie die Berichterstattung bei Extremwetter seien zudem oft nicht barrierefrei.
Denn Barrierefreiheit bedeutet nicht nur, dass Gebäude oder Verkehrsmittel für jeden ohne fremde Hilfe zugänglich sind. Es geht auch um leicht zugängliche Informationsangebote. Neben Gebärdendolmetschern und Untertiteln im Fernsehen etwa müssten auch Webseiten in einfacher Sprache verfügbar und so gestaltet sein, dass sich Sehbehinderte diese mit Vorleseprogrammen ausgeben lassen können.
„Bei der Informationsbeschaffung gibt es durchaus ein Problem , vor allem für Menschen mit Lernschwäche und für taube Menschen“, sagt Jürgen Dusel, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung. Die Angebote für Sehbehinderte und solche der öffentlichen Hand hätten sich während der Pandemie aber etwas verbessert. Webseiten, Apps und elektronische Verwaltungsabläufe von öffentlichen Stellen müssten generell per Gesetz barrierefrei sein. Trotzdem sei noch Luft nach oben. Aber auch bei privaten Anbietern gebe es Bewegung.
Katastrophenwarnungen sind nur teilweise barrierefrei
Kosanic hat mit Arbeit gezeigt, dass Menschen mit Behinderung vor einer Katastrophe schlechter gewarnt werden. Denn einem Gehörlosen nützen Warnsirenen nichts. Und die Aufforderung „Bringen sie sich in Sicherheit“ kann einem Rollstuhlfahrer geradezu zynisch erscheinen.
Heute weiß man, dass der Deutsche Wetterdienst bereits Tage vor der Flutkatastrophe im vergangenen Jahr vor dem Hochwasser warnte. Was aber taten Behörden und Medien? In Sinzig jedenfalls kommen die Warnungen zu spät – obwohl bereits Stunden vorher ganze Ortschaften in der Nähe geflutet werden. Die einzige Nachtwache, die in jenen dramatischen Stunden im Haus der Lebenshilfe Dienst hat, kann so nur noch einen Teil der Bewohner in den ersten Stock retten. Dort harren sie gemeinsam aus, bis am nächsten Morgen endlich Hilfe kommt.
Katastrophenschutz ist Ländersache
So etwas soll sich nicht wiederholen, doch Katastrophenschutz ist Ländersache. In Baden-Württemberg setze man auf einen Warn-Mix, sagt ein Sprecher des Innenministeriums auf Nachfrage unserer Zeitung. Heißt: Sirenen, Lautsprecher- und Radiodurchsagen, im Fernsehen etwa Texteinblendungen, dazu Warn-Apps wie NINA. Letztere wurde kritisiert, mitunter, weil sie für Gehörlose oder Sehbehinderte schwer nutzbar sei. Der Sprecher verweist darauf, dass Warnungen per Push-Benachrichtigung sichtbar und auch vorlesbar sind. Außerdem sei die App zudem in einfacher Sprache verfügbar. Wer sie nicht nutze, könne auf die Webseite www.warnung.bund.de zurückgreifen, ein hinsichtlich der Barrierefreiheit optimiertes Warnportal.
Was aber geschieht, wenn zu spät gewarnt wird und die Katastrophe über die Menschen hereinbricht? Für Behinderte sehe es dann mitunter schlecht aus, sagt Ökologin Kosanic. Oft seien weder die Evakuierung noch Unterbringung in Notunterkünften barrierefrei, wie Hurrikan Katrina 2005 in den USA gezeigt habe. Damals hatten einige Busse, mit denen die Menschen in Sicherheit gebracht wurden, keine Rollstuhlrampen. Auch wussten Verantwortliche nicht, wie sie Menschen mit Behinderung überhaupt evakuieren sollen. Notunterkünfte waren zum Teil nicht barrierefrei, Betten und Toiletten nicht für alle zugänglich.
Mit Blick auf das Ahrtal sieht auch der Behindertenbeauftragte Dusel Nachholbedarf. Es brauche in solchen Fällen zum Beispiel eine bessere Vernetzung, etwa zwischen kommunalen Behindertenbeauftragten und Hilfskräften, gleichzeitig müssten jene im Umgang mit behinderten Menschen geschult werden. Denn schließlich handle es sich um eine heterogene Gruppe mit sehr unterschiedlichen Beeinträchtigungen und Bedürfnissen. „Und viele von ihnen leben nicht in Einrichtungen wie dem Haus der Lebenshilfe“, so Dusel.
Ein Appell zum Zuhören – und Handeln
Die Zeit drängt. Der Klimawandel habe viele Gesichter, so Sasha Kosanic, genauso wie die Gruppe von Menschen mit Behinderung. Die Forscherin appelliert an die Verantwortlichen: „Wir müssen verstehen, wie Menschen mit ihren jeweiligen Beeinträchtigungen in verschiedenen Ländern von den unterschiedlichen Folgen des Klimawandels betroffen sind und dann handeln.“ Man könne nicht warten, bis es zu spät sei.
Und ein erster Schritt sei, den vielfältig beeinträchtigten und vom Klimawandel stark betroffenen Menschen zuzuhören und sie in politische Entscheidungen stärker einzubinden. Auf die Frage, warum man die Belange der Thema Menschen mit Behinderung im Klimawandel öffentlich kaum thematisiert werden, hat Dusel eine klare Antwort: „Weil wir Inklusion immer nur verkürzt im Zusammenhang mit der Schule diskutieren.“ Allerdings müsse man verstehen, dass Inklusion mehr sei als das gemeinsame Lernen und letztlich kein Akt der Fürsorge, sondern ein Recht, das diese Menschen in jedem Lebensbereich haben.
Ein Recht auf Schutz, also auf eine rechtzeitige Katastrophenwarnung und auf ihre Rettung hätten auch die zwölf Bewohner in Sinzig gehabt. Genau wie viele andere in dieser katastrophalen Nacht im Juli 2021.