Behinderte Kinder in Baden-Württemberg Inklusion kommt nur langsam voran

Inklusion wird politisch groß geschrieben, doch bei der Umsetzung hakt es. Foto: dpa

Mit der Inklusion in Baden-Württemberg geht es langsamer voran, als in den vergangenen Jahren. Eltern behinderter Kinder machen die Landesregierung dafür verantwortlich.

Stuttgart - Die Anzahl der behinderten Kinder, die gemeinsam mit Nichtbehinderten unterrichtet werden, steigt – allerdings nur noch halb so stark wie vor einigen Jahren. Im vergangenen Schuljahr besuchten in Baden-Württemberg 8624 Kinder ein inklusives Bildungsangebot, das sind 678 mehr als im Schuljahr 2016/17. Seit Sommer 2015 können Eltern im Südwesten wählen, ob ihr behindertes Kind im Rahmen der Inklusion eine allgemeine Schule oder eine Sonderschule besuchen soll, die jetzt Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ) heißt. Das löste zunächst eine starke Nachfrage aus. Für das Schuljahr 2015/16 verzeichnet der neue Inklusionsbericht des Kultusministeriums 6453 Inklusionskinder, ein Jahr später waren es rund 1300 mehr, nämlich 7946.

 

„Der Aufwuchs an inklusiven Bildungsangeboten scheint sich zu verlangsamen“, heißt es im Bericht des Ministeriums an den Landtag. Gleichzeitig hält Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) in einer Mitteilung fest, „immer mehr Schulen öffnen sich für inklusive Bildungsangebote“.

Eltern befürchten „Verwässerung“ des Inklusionsbegriffs

Das sehen Eltern behinderter Kinder, die sich in der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) „Gemeinsam leben, gemeinsam lernen“ zusammengeschlossen haben, ganz anders. „Viele Schulen wehren sich weiter mit Händen und Füßen gegen Inklusion“, widerspricht Kirsten Jakob, die Vorsitzende der LAG, dem Inklusionsbericht. Sie seien „allenfalls bereit, ausgelagerte Sonderschulklassen zu beherbergen oder einmal im Jahr mit einer Gruppe von behinderten Schülern zu paddeln oder wandern zu gehen“, bemängelt Jakob. „Soweit waren wir schon vor 20 Jahren.“

Die LAG-Vorsitzende macht dafür die Landesregierung verantwortlich. Die grün-schwarze Regierung hat die Schwerpunkte nach Auffassung des Vereins verlagert. Jetzt gehe die Tendenz wieder hin zu mehr so genannten kooperativen Organisationsformen zwischen SBBZ und allgemeiner Schule, meint die LAG. Inklusion werde nicht mehr wirklich eingefordert, der Begriff verwässert. Bei den Kooperationen bleiben Schüler mit Behinderungen Schüler von Sonderschulen. Es gibt gemeinsame Unterrichtsangebote in bestimmten Fächern und Aktivitäten nach dem Vorbild der bisherigen Außenklassen von Sonderschulen. Der Inklusionsbericht bezeichnet diese Kooperationen als „eine bewährte Möglichkeit des gemeinsamen Lernens“. Sie sollten „weiter stabilisiert und ausgebaut werden“. Auch in der Beratung der Eltern müsse dieses Angebot als eine Möglichkeit der schulischen Bildung dargestellt werden.

Bekenntnis zu den Sonderschulen

Die Inklusion, die Außenklassen und die SBBZ stünden jedoch ausdrücklich nicht in Konkurrenz zueinander, sondern gleichberechtigt nebeneinander, sagt eine Sprecherin Eisenmanns auf Anfrage. Einige Sonderschulen hatten um ihre Zukunft gefürchtet, weil sie im Zuge der Inklusion viele Schüler verloren hatten. Im Integrationsbericht gibt es ein klares Plädoyer für die SBBZ. „Die bestehende Angebotsstruktur soll gesichert, aber nicht über den Bedarf hinaus ausgeweitet werden“, heißt es. SBBZ müssten zumutbar erreichbar sein, die Angebote in den Regionen verfügbar bleiben. Es könne auch von der Mindestschülerzahl abgewichen werden.

Als Kernproblem für die stockende Inklusion sieht der Bericht den Mangel an Sonderpädagogen. Kultusministerin Eisenmann verweist darauf, dass die Studienplätze für Sonderpädagogen erhöht wurden und ein Aufbaustudium für Hauptschullehrer geschaffen wurde. Doch die Ausbildung braucht Zeit. „Dennoch bleibt der Fachkräftemangel für die nächsten Jahre eine Herausforderung“, sagte Eisenmann unserer Zeitung. „Zumal wir nicht nur die Inklusion sondern auch die SBBZ weiter stärken wollen.“

Arbeitsgemeinschaft sieht die ganze Schule in der Pflicht

Kirsten Ehrhardt, ebenfalls im Vorstand der LAG, hält die Bedeutung der Sonderpädagogen für überschätzt. „Das Kultusministerium legt den Fokus viel zu stark auf die Sonderpädagogen, die es richten sollen, das ist ein Irrweg.“ Inklusion bezeichnet Ehrhardt als „das Thema einer ganzen Schule“. Kultusministerin Eisenmann dagegen setzt auf die sonderpädagogischen Experten. Sie sagte unserer Zeitung: „Die Inklusion braucht die Erfahrung, die Fachlichkeit und auch das Netzwerk der Sonderpädagogik. Bei der Inklusion geht es um das Miteinander und nicht um Konkurrenz.“

Die LAG wünscht sich mehr konzeptionelle Unterstützung für allgemeine Schulen und ein besseres Qualitätsmanagement für inklusiven Unterricht. „Wenn Kinder mit Behinderung die meiste Zeit in einem extra Raum sitzen und spezielle Aufgaben lösen, hat das mit Inklusion nur wenig zu tun“, beschreibt Kirsten Ehrhardt den vielerorts nicht unüblichen Status quo.

Susanne Eisenmann sieht die Inklusion vier Jahre nach ihrer Verankerung im Schulgesetz dagegen „auf einem guten Weg, wohlwissend, dass es weiterhin viel zu tun gibt.“ Verstärkt werden sollen etwa die Fortbildungen der Lehrer in der Diagnostik und Hilfestellungen für den Übergang behinderter Schüler in den Beruf.

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