Albert J. Ebinger hat 26 Jahre lang das bhz Stuttgart geleitet – in dieser Zeit hat sich die Hilfe für Menschen mit Behinderungen grundlegend geändert, und zwar oft zum Positiven. Dennoch hat er zum Abschied einige Wünsche an die Stadt und die Gesellschaft.

Stuttgart - Er geht mit Wehmut, blickt aber zufrieden auf seine Zeit als Geschäftsführer der Behinderteneinrichtung bhz Stuttgart zurück: Albert J. Ebinger hat große Veränderungen erlebt – und viele mit seinem Elan selbst mit angestoßen.

Herr Ebinger, Sie gehen sehr spielerisch mit den Menschen mit Behinderung um und doch zugleich sehr respektvoll. War es leicht für Sie, sich diese Haltung anzueignen?
Ich musste es auch lernen. Ich war früher als Wirtschaftsingenieur einige Jahre lang in Westafrika als Entwicklungshelfer tätig in der Entwicklung von Solaranlagen. Dort habe ich gemerkt, dass es mir recht leicht fällt, Zugang zu Menschen zu erhalten. Ein Freund meinte dann tatsächlich, ich müsse unbedingt im sozialen Bereich arbeiten. So kam ich zum bhz. Nach sechs Wochen war hier der Knoten geplatzt.
Hat diese Offenheit etwas mit Ihrem christlichen Weltbild zu tun?
Das schwingt sicher mit, aber eine christliche Einstellung kann man auch beim Daimler leben. Nein, der direkte Kontakt zu den Menschen hat mir gefallen. Ich bin überzeugt: Wenn man in der Behindertenhilfe etwas erreichen will, dann sollte man die Menschen wirklich gern haben.
In Ihrem Leitbild steht der Satz: „Wir sind überzeugt, dass Gott jeden Menschen als unverwechselbare und einmalige Persönlichkeit gewollt und erschaffen hat und liebt.“
Der Satz klingt harmlos, aber wenn Sie ihn wirklich in der Tiefe ausloten, hat er große soziale Sprengkraft: Egal ob Mann oder Frau, schwarz oder weiß, behindert oder nicht behindert – jeder verdient den gleichen Respekt. Das ist sehr politisch; man muss nur auf die Flüchtlingsdebatte schauen.
Sie waren mehr als 26 Jahren beim bhz. Hat sich in dieser Zeit in Stuttgart etwas grundlegend zum Besseren verändert für Menschen mit Behinderung?
Unbedingt. Das Grundverständnis der Behindertenhilfe in den 1980er Jahren war noch Bewahrung und Schutz. Viele Betreuer lebten noch in dem Grundgedanken: Ich weiß, was für dich gut ist. Schon 2002 hatten wir die Vision formuliert, dass niemand in unserer Stadtgesellschaft ausgegrenzt werden darf. Die Wende kam dann mit der UN-Behindertenrechtskonvention 2006. Ich will damit aber nicht sagen, dass die UN von uns abgeschrieben hat (lacht). Seither sind richtig große Schritte getan worden.
Wie sehen diese Schritte aus?
Heute gilt das Ziel eines selbstbestimmten Lebens, und die Betreuer sollten sich als Assistenten verstehen. Ich habe vor einigen Jahren unter großen Mühen den Kiliman­dscharo bestiegen, und das fällt mir in diesem Zusammenhang ein. Unsere Guides sagten uns immer, wenn wir nicht weiter wollten oder konnten: „Du hast einen Traum, deshalb bist du hergekommen. Wir helfen dir dabei.“ Wir müssen deshalb auch die Menschen mit Behinderungen fragen: Was ist euer Wunsch, was wollt ihr erreichen? Und wir helfen euch dabei.
Das ist die Grundhaltung – hat sich auch im Konkreten etwas verändert?
Ja, viele Firmen und die IHK haben Inklusionsbeiräte geschaffen. Die Wohnformen sind vielfältig geworden. Aber ich muss betonen: Es ist noch ein weiter Weg zu gehen. Wir haben es noch nicht geschafft.
Was muss noch passieren?
Ein Thema derzeit sind für uns Inklusionsbegleiter. Wenn jemand zu einer Politik- oder Kulturveranstaltung gehen will, dann braucht er Hilfe. Da gibt es noch einen großen Bedarf. Eine erkennbare Lücke gibt es auch bei der begleiteten ­Elternschaft. Heute entscheiden sich immer mehr Frauen mit Behinderung bewusst für eine Elternschaft. Beim bhz sind es mittlerweile vier Frauen. Es bräuchte ein eigenes Angebot. Daneben ist leichte Sprache ein wichtiges Thema. Wir haben etwa ein Projekt mit dem Diakonie-Klinikum umgesetzt, bei dem Ärzte und Pflegerinnen sensibilisiert werden für die Bedürfnisse für Menschen mit Behinderung. Jetzt nehmen sich alle mehr Zeit und erklären besser.
Zentral für die Inklusion ist das Wohnen – die Menschen sollen mittendrin in der Stadt leben können. Sind Sie vorangekommen?
Ja, die Stadt Stuttgart verteilt Bonuspunkte an Baugemeinschaften, die eine inklusive Wohnung planen. Dafür danke ich der Stadt. Solche Projekte sind deshalb für die Bauherrn interessant, und wir erhalten mehr Angebote als wir benötigen. Aber wir haben nach wie vor einen großen Bedarf für Menschen, die rund um die Uhr Unterstützung benötigen. Wir bräuchten 20 Wohnplätze innerhalb eines größeren Bauprojekts oder Quartiers, damit auch diese Menschen integriert sind. Aber da tun wir uns schwer, einen Bauträger zu finden für solche Objekte. Es wäre mein Wunsch, dass die Stadt für solche Vorhaben ebenfalls einen Bonus gibt. Das ist eine rein politische Entscheidung.
Wie weit ist die Inklusion beim Thema Arbeit gediehen?
Mittlerweile sind von unseren 400 Beschäftigten 50 direkt in Unternehmen eingesetzt. Das wollen wir weiter ausbauen. Es gibt noch ein großes Potenzial.
Trumpf engagiert sich in herausragender Weise für das bhz; welche Firmen noch?
Dazu gehört die Firma Gross in Leinfelden-Echterdingen. Dort sind wir mit einer ganzen Gruppe in der Verpackung tätig. 16 Firmen haben einzelne Plätze eingerichtet.
Die einfachen Arbeiten in der Industrie sind aber komplett weggefallen. Wie schwierig ist es heute, geeignete Arbeit zu finden?
Es ist nicht einfacher geworden. Die Grundhaltung ist offen, aber durch Automatisierung und Globalisierung sind viele Tätigkeiten verloren gegangen.
Sie blicken insgesamt auf eine gute Zeit ­zurück. Oder wo sehen Sie Probleme?
Die Ökonomisierung der sozialen Arbeit ist immens geworden. Das ist einerseits gut, dass man im Wettbewerb steht und wirtschaftlich arbeiten muss. Aber man muss schon aufpassen, dass der Druck auf die Einrichtungen nicht zu groß wird. Denn am Personal sparen ist nicht förderlich.
Es gab auch immer wieder Klagen darüber, dass Projekte langwierig und mühselig sind.
Die zunehmende Regulierung ist ein Pro­blem für uns, und nicht nur für uns. Das betrifft den Brandschutz, die Heimbauverordnung, Qualitätsnormen oder die Personalverordnung. All das ist wichtig, aber ich frage mich schon, ob alles nicht ein wenig des Guten zu viel ist. Ein Beispiel: Bei einem Bauprojekt in Birkach mussten wir für einen normalen Garten eine Habitatpotenzialanalyse erstellen lassen. Ich wusste zuerst gar nicht, was das ist. Wir beauftragten ein Büro damit. Heraus kam, dass ein Obstbaum, den wir fällen mussten, ein Astloch hatte, in dem vielleicht mal ein Vogel nisten könnte. So erhielten wir die Auflage, einen Nistkasten aufzuhängen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin für den Naturschutz, und der Garten wird das schönste Vogelhaus Stuttgarts bekommen. Aber ist das noch verhältnismäßig?
Das alles gehört für Sie bald der Vergangenheit an. Haben Sie schon eine Idee, wie Sie sich auf Ihren Ruhestand einstimmen?
Grundsätzlich freue ich mich über neue Freiheiten und Möglichkeiten und bin gespannt und offen für Neues. Konkret plane ich im Mai oder Juni eine Fernwanderung von zu Hause über die Alpen an die Adria. Ich will bewusst weggehen und Abstand gewinnen. Aber ich mache keinen Pilgerweg und wandere nicht in Askese. Nein, ich will es genießen, vom ersten Tag an.

Biografie
: Albert J. Ebinger (Jg. 1952) ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Der gelernte Wirtschaftsingenieur und Arbeitspädagoge wandert besonders gern – sein höchster je erreichter Punkt war vor wenigen Jahren der Kilimandscharo mit 5895 Metern. Seit 1991 war er Geschäftsführer und Vorstandsmitglied im bhz Stuttgart e. V. Im März übernimmt Irene Kolb-Specht die Leitung. Sie stand etwa zehn Jahre lang der Behindertenhilfe und Psychiatrie im Diakonischen Werk Württemberg vor.

bhz
Sutttgart: Das bhz ist eher ein kleiner Träger der Behindertenhilfe, aber ein besonders innovativer. Rund 400 Menschen mit Behinderung arbeiten in den zwölf Arbeitsfeldern des Vereins. Etwa 150 leben in den Wohnungen des bhz.

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