Behindertenzentrum Stuttgart Aus der Watte ausgepackt

Von Julia Schuster 

Das, was Serdar Aydin macht, wird immer mehr zum normalen Job. Seit sieben Jahren vermittelt das Behindertenzentrum Stuttgart betriebsintegrierte Arbeitsplätze an beeinträchtigte Menschen. Bis 2020 will die Einrichtung die Zahl der Stellen verdoppeln

Serdar Aydin (links) bearbeitet mit  dem Lagerleiter Ali Kedal einen Auftrag. Foto: Julia Schuster
Serdar Aydin (links) bearbeitet mit dem Lagerleiter Ali Kedal einen Auftrag. Foto: Julia Schuster

Filder - Jeden Werktag verbringt Serdar Aydin aus Plieningen zwischen meterhohen Regalen mit bunten Kabeln, verschiedenen Steckverbindungen und Schrauben. Der 36-Jährige arbeitet als Lagerist bei der Schützinger GmbH im Industriegebiet Fasanenhof. Sein Arbeitstag ist strikt getaktet: 8 Uhr Arbeitsbeginn, 16 Uhr Arbeitsende. Bis zum Schluss müssen Aufträge angenommen, Steckverbindungen aus den Regalen gesucht und Einzelteile verpackt werden.

Spontan auftretende Krampfanfälle

Vor sieben Monaten war Aydin dieser Arbeitsalltag noch völlig fremd: Seit Jahren arbeitet er in den Werkstätten des Behindertenzentrums Stuttgart (BHZ). Aydin hat Epilepsie, eine Krankheit, bei der es immer wieder zu spontan auftretenden Krampfanfällen kommen kann. Seinen vorherigen Beruf als Maler musste er deshalb aufgeben. Nun kehrt er durch das Projekt „betriebsintegriertes Arbeiten“ (BiA) ins Berufsleben zurück.

BiA ist ein Projekt des BHZ, das Arbeitsstellen an beeinträchtigte Personen vermittelt. Seit 2009 versucht die Einrichtung, Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung einen Berufseinstieg zu ermöglichen. Dazu arbeiten bei BiA Behinderte in kooperativen Unternehmen. Nach und nach sollen sie vollständig in die Arbeitsaufgaben integriert werden. Ein sogenannter Jobcoach des BHZ unterstützt die Unternehmen dabei. Auf diesem Weg arbeiten mittlerweile 45 der insgesamt 360 BHZ-Beschäftigten betriebsintegriert.

Mit dem Job hat es recht spontan geklappt

Um die Menschen, die an dem Projekt teilnehmen können und wollen, an entsprechende Stellen zu vermitteln, nimmt der Jobcoach Helmut Klement zunächst Kontakt mit den Unternehmen auf. Kommt eine Zusammenarbeit infrage, vermittelt der BHZ-Beschäftigte die Stelle und begleitet die neuen Mitarbeiter während ihres Arbeitsalltags. „Jede Stelle ist für mich wie ein Puzzle. Ich kenne die Person und fange dann an zu bauen“, sagt der Sindelfinger. Auch Aydins Stelle war anfangs ein Puzzleteil. Durch Zufall begegnete Klement auf dem Weg zur Arbeit dem Geschäftsführer Bernhard Schützinger. Die beiden kamen ins Gespräch; Schützinger zeigte sich an einer Kooperation interessiert. „Das war total spontan – normalerweise lerne ich erst die Person kennen“, sagt Klement.

Klement betreut zwar die BiA-Beschäftigten wöchentlich, aber ohne Unterstützung aus dem Unternehmen geht es nicht. Jeder BiA-Beschäftigte bekommt deshalb einen Paten zur Seite gestellt. Ali Kedal ist Lagerleiter bei der Schützinger GmbH. Er lernte Aydin ein, ist sein Ansprechpartner vor Ort. „Meine Aufgabe ist es, mir Zeit für die eingeschränkte Person zu nehmen. Ich gebe ihr dann die Arbeit wie jedem anderen auch“, sagt Kedal. In dem BiA-Projekt sieht er eine Win-Win-Situation. „Der Beschäftigte profitiert, die Firma profitiert, und ich profitiere – es ist schön, dass sich das so ergeben hat“, sagt Kedal. Aber nicht alle Arbeitskollegen waren von Anfang an von dem Projekt begeistert. Sie waren zuerst skeptisch. Es gab viel Diskussionsbedarf. „Jetzt freuen sie sich, wenn Herr Aydin kommt“, sagt Kedal.

In großen Schritten zur Vollkraft

In der Werkstatt des BHZ sind die Menschen mit Beeinträchtigung eingliedriges Arbeiten gewöhnt: Sie verpacken beispielsweise immer dieselben Einzelteile. In der Schützinger GmbH ist das anders: Aydin betreut einen Kunden aus England. Auf einmal muss er nicht nur einen Arbeitsschritt können, sondern alle. Er bearbeitet den Auftrag, etikettiert, verpackt Kabel und kommissioniert.

„Es ist ein ganz anderes Gefühl als im BHZ – man arbeitet mehr, muss zuverlässiger sein“, sagt Aydin. Am Anfang fiel ihm das schwer. „Aber jetzt habe ich mich daran gewöhnt“, sagt Aydin. Das Ziel seines Lagerleiters Kedal ist es, ihn vollständig in die Arbeitsschritte zu integrieren. Jeden Tag fordert er von Aydin ein bisschen mehr. „Bald sprechen wir nicht mehr von einer eingeschränkten Person, sondern von einer Vollkraft – und er bewegt sich in großen Schritten dahin“, sagt Kedal über seinen Lehrling.

Nicht jeder Behinderte ist für eine BiA-Stelle geeignet. „Menschen mit Behinderung sind gewohnt, hilfsbedürftig zu sein. An einem BiA wechselt der Schwerpunkt aber von der Betreuung zur Dienstleistung“, sagt der Jobcoach Klement. Manch einer fühlt sich überfordert, kommt mit der Situation nicht zurecht. Darüber hinaus benutzt Klement auch oft den Begriff „in Watte gepackt“. Menschen passen sich der Werkstattumgebung des BHZ an. Außerhalb der lockeren Werkstattatmosphäre gelten aber strengere Regeln.

Ein gesellschaftliches Umdenken ist nötig

Aydin wollte die Arbeitsstelle unbedingt. „Ich will etwas anderes ausprobieren und mehr erreichen“, sagt Aydin. Für Klement war das die Initialzündung: „Viele sehen einen riesigen Berg und fangen gar nicht an, ihn zu erklimmen. Es ist super bequem in der Watte.“

Seit 2009 ist es erst fünf BHZ-Beschäftigten gelungen, eine Regelanstellung auf einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz zu erhalten. „Das ist wenig. Es ist aber auch eine Abbildung unseres Systems“, sagt Klement. Viele Unternehmen würden lieber eine Ausgleichsabgabe bezahlen, als jemanden mit Behinderung einzustellen.

„Wir nehmen Inklusion sehr ernst“, sagt Klement. Das BHZ hat sich deshalb bis 2020 das Ziel gesetzt, 25 Prozent der Werkstattbeschäftigten auf BiA-Stellen zu verteilen. Das wären 90 BiA-Stellen, doppelt so viele wie momentan. „Ich halte das für ein sportliches Ziel – aber es muss ein gesellschaftliches Umdenken stattfinden“, sagt Klement.

Aydins Vertrag läuft noch bis September. Geht alles gut, wird er verlängert. Dann hätte er den Sprung zurück ins Arbeitsleben geschafft.

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