Behörden in Shopping-Mall? Bürgeramt kommt nicht ins Leo-Center

Dieser Stand im Leo-Center ist Deko. Und daran wird sich erst einmal nichts ändern. Foto: Simon Granville

Das emotionale Finale einer umstrittenen Idee: der Leonberger Gemeinderat lehnt auch einen Umzug der Stadtbücherei ins ehemalige Karstadt-Untergeschoss ab.

Leonberg: Thomas K. Slotwinski (slo)

Ist man dieser Tage im Leo-Center unterwegs, so fällt auf Höhe des Eiscafés Stefanello der Blick auf eine bistroartige Theke, die so manchen Genuss verspricht. Doch bei näherem Hinsehen wird klar: Die freundliche Perspektive ist Dekoration. Eine grafisch gestaltete Wand, dort, wo einst der Eingang von Karstadt im Erdgeschoss war.

 

Daran wird sich erst einmal nichts ändern. Denn die Option, im Untergeschoss des ehemaligen Warenhauses, das im August seine Pforten für immer geschlossen hat, das Bürgeramt und die Hauptstelle der Leonberger Stadtbücherei anzusiedeln, ist seit dem späten Dienstagabend vom Tisch. Mit klarer Mehrheit hat der Gemeinderat einen Einzug in das Einkaufszentrum abgelehnt.

Kann sich der Oberbürgermeister am Ende doch durchsetzen? Diese Frage waberte rund um den dritten Advent durch die politisch interessierten Kreise, nachdem es einige Tage zuvor im städtischen Finanzausschuss ein Patt gegeben hatte. Das Fachgremium sollte darüber befinden, ob Martin Georg Cohns Plan umgesetzt wird, das von Personal- und Raumnot geplagte Bürgeramt in das leere Karstadt-Untergeschoss zu verlegen. Weil da so viel Platz ist, wollte der OB die Stadtbibliothek ebenfalls dort unterbringen. Außerdem könnten noch andere Interessenten einziehen. Im Gespräch waren die Postbank, womöglich eine Drogerie-Kette, die bisher nicht in Leonberg vertreten ist.

Zu teuer, kein Eigentum, zu dunkel, zu groß, lauteten die Einwände

Im Sommergespräch mit unserer Zeitung platzierte der Sozialdemokrat erstmals das Thema und erntete im Gemeinderat allenfalls zurückhaltende Reaktionen. Zu teuer, kein Eigentum, zu dunkel, zu groß: So lauteten die wesentlichen Einwände. Cohn ließ sich nicht beeindrucken und vereinbarte mit der Centerbetreibergesellschaft ECE offenbar Sonderkonditionen. In den entscheidenden Sitzungen des Finanzausschusses und des Gemeinderates nannte er einen Mietpreis von 12,50 Euro inklusive Nebenkosten pro Quadratmeter. Die sonst für Mieter üblichen Umlagen fürs Parkhaus und gemeinsame Aktionen fielen weg.

Mit dem Rückenwind des nicht unbedingt zu erwartenden Abstimmungspatts im Finanzausschuss legte sich Cohn im Gemeinderat jetzt richtig ins Zeug. Der Publikumsbereich des Bürgeramtes im Alten Rathaus entspreche weder dem Datenschutz, noch der Arbeitssicherheit. Im Untergeschoss des Leo-Centers werde man raumhohe Fenster für mehr Tageslicht einbauen. Mehr noch: „Unsere Mitarbeiter können gemeinsam mit einem Innenarchitekten an der Gestaltung ihrer Arbeitsplätze mitwirken. Wir wollen keinen Keller-Charakter“, bekräftigte Cohn.

Bürgeramt und Bibliothek könnten im Juli 2026 im Leo-Center öffnen

Argumente, die bei den Grünen verfingen. Birgit Widmaier lobte den vergleichsweisen kurzfristigen Zeitrahmen: Bürgeramt und Bibliothek könnten im Juli 2026 im Leo-Center öffnen. Während der zehnjährigen Mietdauer könne man in Ruhe nach Alternativen schauen. Auch dass ECE einen Außenzugang und die neuen Fenster bezahlen wolle, gefiel der Grünen. Entscheidend sei aber der im Vergleich zu anderen Optionen frühe Zeitpunkt: „Wir sind in der Verantwortung, kurzfristige Lösungen zu finden.“

„Wir müssen etwas Neues wagen“, meinte der FDP-Fraktionschef Horst Nebenführ. „Die Zeit ist reif, zumal das Bürgeramt am Marktplatz unterirdisch klein ist.“ Christa Weiß (SPD) machte sich gar Sorgen um das komplette Einkaufszentrum: „Ich möchte nicht erleben, dass wir das Leo-Center verlieren.“ Mit einem Einzug des Bürgeramtes könne man zur Absicherung beitragen.

SPD: Kostenprognose „nicht ganz seriös“

Eine differenzierte Analyse gab ihr Fraktionskollege Ottmar Pfitzenmaier ab. Die städtischen Dienststellen würden die Frequenz im Leo-Center erhöhen, die Bücherei könne mit mehr Zuspruch rechnen. Würden aber die Öffnungszeiten denen des Leo-Centers angepasst, so würde das dauerhafte zusätzliche Personalkosten in sechsstelliger Höhe bedeuten. Zudem sei mit technischen Aufwendungen in siebenstelliger Höhe zu rechnen. Die optimistisch gehaltene Kostenprognose der Stadt bezeichnete der SPD-Fraktionschef als „nicht ganz seriös“.

Ähnlich sahen es Oliver Zander und Axel Röckle, die Fraktionsvorsitzenden von CDU und den Freien Wählern. Beide fragten nach der Mehrwertsteuer, die die Stadt zu zahlen habe , die aber in den bisherigen Berechnungen nicht auftauchen würde. Zander erwartet weitere Kosten von rund 95 000 Euro. Cohn meinte, dass man die Mehrwertsteuer „an Untermieter weitergeben könnte.“

Der Oberbürgermeister zeit sich enttäuscht

Unabhängig davon bezweifelte Axel Röckle, dass im Untergeschoss eine Tageslicht-Atmosphäre zu erzeugen sei. „Da müssten sich die Leute schon auf den Boden legen, um den Himmel zu sehen“, meinte der Fraktionschef der Freien Wähler. „Ich kann mich nicht damit anfreunden, die Mitarbeiter und die Kunden in den Keller zu verbannen.“

Frank Albrecht (SALZ) meinte, dass es nicht Aufgabe der Stadt sei, die Wirtschaft im Leo-Center zu stärken. Eine Kommune könne lediglich Rahmenbedingungen setzen.

Der Oberbürgermeister machte aus seiner Enttäuschung über die Ablehnung des Projektes keinen Hehl, bestritt aber, dass es eine „Herzensangelegenheit“ von ihm sei, die Oliver Zander Cohn attestierte: „Es ist mein Job, auf eine Chance hinzuweisen. Die wurde jetzt nicht genutzt.“

Unzufrieden äußerte sich auch die AfD: „Der Beschluss, Bürgeramt und Stadtbücherei zeitlich befristet nicht im Leo-Center unterzubringen, ist kontraproduktiv und zukunftsschädlich“, erklärte Thomas Hartung. „ Damit ist keins der Probleme gelöst.“

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