Ulrike Shigjeqi kämpft seit mehr als zwei Jahren darum, dass ihr Mann Naim aus dem Kosovo zu ihr ziehen darf. Doch die Behörden glauben ihr nicht, dass die Beziehung ernst gemeint ist.

Region: Verena Mayer (ena)

Pleidelsheim - Die Sonne strahlt dem Paar ins Gesicht. Der Mann auf dem Foto kneift die Augen zusammen und lächelt. Vor ihm steht seine Frau, er umarmt sie. Sie lacht. So glücklich wie auf dem Foto sah sie schon lange nicht mehr aus. Das Bild ist 14 Monate alt. Fast genau so lange hat die Frau ihren Mann nicht mehr gesehen. Der Tag am Meer war einer der letzten, den Ulrike und Naim Shigjeqi gemeinsam verbracht haben. Ein paar Tage später, am 23. September 2012, haben sie sich am Flughafen in Pristina voneinander verabschiedet. Sie flog zurück nach Deutschland, er blieb im Kosovo.

Gemeinsame Tage statt eines gemeinsamen Lebens. Naim und Deutschland trennen nicht nur 1600 Kilometer, sondern auch ein Blatt Papier. Darauf steht: „Die Botschaft bedauert, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihrem Antrag auf Erteilung eines Visums nicht entsprochen werden kann.“ Das Sofa, auf dem Ulrike Shigjeqi in ihrer kleinen Wohnung in Pleidelsheim sitzt, wirkt, als könnte es seine Besitzerin jeden Moment verschlucken, den Ordner auf ihrem Schoß kann sie schwer halten. Ihre Ehe beschäftigt inzwischen das Landratsamt in Ludwigsburg, das Auswärtige Amt in Berlin und das Verwaltungsgericht in der Hauptstadt. Alle schreiben in ihren Briefen, Stellungnahmen und Urteilen das Gleiche: Naim Shigjeqi darf nicht nach Deutschland kommen, weil die Behörden überzeugt sind, dass seine Ehe mit Ulrike Shigjeqi eine Scheinehe ist.

Für Ulrike Shigjeqi ist ihre Ehe bis jetzt vor allem eins: ein Albtraum. Sie hat Briefe an alle möglichen Adressen geschrieben und vor Gericht gesprochen. Auch sie sagt immer wieder das Gleiche: Es sei nicht wahr, dass Naim und sie nur zum Schein geheiratet haben. Sie zeigt Fotos, die ihre Verbundenheit beweisen sollen. Dennoch wird der Ordner mit den ablehnenden Bescheiden immer schwerer. Ulrike Shigjeqis Stimme klingt wie betäubt. „Ich kämpfe und kämpfe, aber keiner glaubt mir.“

Ulrike und Naim lernen sich vor viereinhalb Jahren bei einem Fußballspiel in Bietigheim-Bissingen kennen. Es muss im Sommer des Jahres 2009 gewesen sein, kurz nach Michael Jacksons Tod. Ulrike erinnert sich deshalb daran, weil auf den T-Shirts einiger Spieler das Gesicht des Superstars abgebildet war. Naim ist zu Besuch bei seinem Bruder in Bruchsal. Er spricht damals zwar kein Wort Deutsch, aber er schafft es, sich mit Ulrike auf einen Kaffee zu verabreden. Das Date dauert nicht lange. Die beiden können sich nicht verständigen. Einige Wochen später bekommt sie eine Mail von ihm aus dem Kosovo. Dann noch eine und noch eine. Bei den Übersetzungen hilft ihm sein Bruder oder das Internet. Als Naim beginnt, Deutsch zu lernen, können Ulrike und Naim auch über Skype kommunizieren. Die junge Frau mag Naims ruhige Art, ihr gefällt, dass er Ziele hat. Er will raus aus der Armut, Geld verdienen, heiraten.

Zur Hochzeit nach Prizren

Am 23. Juni 2011 heiratet er Ulrike. Oder ist es sie, die Naim heiratet?

Als Ulrike im Juni 2011 für die Hochzeit nach Prizren reist, sind seit dem letzten (und ersten) Treffen mit Naim zwei Jahre vergangen. Ihre Freunde sind skeptisch: Sie kennt diesen Mann doch kaum. Die Mutter warnt: wahrscheinlich will der Ausländer sie nur ausnutzen. Doch Ulrike hat keine Zweifel. Sie hat Vertrauen. Naim hat ihr gesagt, dass ein Kosovare eine Frau heiraten muss, um mit ihr zusammen sein zu können. Und: dass er mit ihr zusammen sein will. Ulrike ist sicher, dass sie den Schwarzmalern daheim zeigen wird, dass ihr Mann ein guter Mensch ist.

Am 15. September 2011 wird die Ehe der Shigjeqis auf die Probe gestellt. Der Mann muss um 14 Uhr in die deutsche Botschaft in Pristina kommen, wo er sein Visum beantragt hat, die Frau zur Dienststelle für Ausländerangelegenheiten in Stuttgart. Fragestunde. Die Behörden wollen rausfinden, wie echt diese Ehe ist. Fallen die Antworten der Shigjeqis auf die 50 identischen Fragen übereinstimmend und glaubwürdig aus, darf Naim zu seiner Frau ziehen.

Wann haben Sie Ihren Partner kennengelernt?

Antwort Ulrike Shigjeqi: im Sommer 2009.

Antwort Naim Shigjeqi: im Januar 2010.

Wann haben Sie beschlossen zu heiraten?

Sie: Anfang 2011.

Er: im Mai 2011.

Gab es ein Hochzeitsfest?

Er: Am Abend, mit circa 15 Personen.

Sie: Ein Mittagessen mit den Trauzeugen und     dem Bruder meines Mannes.

Wie oft chatten Sie miteinander?

Sie: drei bis vier Mal pro Woche.

Er: täglich.

Haben Sie über einen eventuellen Kinder-     wunsch nachgedacht?

Die Frau sagt: Nein.

Der Mann: Ja.

Nach der Auswertung urteilt das Auswärtige Amt: „Die widersprüchlichen Angaben legen die Vermutung nahe, dass die Vereinbarung zur Eheschließung über Dritte und nur als Rechtsgeschäft geschlossen wurde.“ Das heißt: Naim Shigjeqi darf nicht nach Deutschland.

Ulrike Shigjeqi steckt all ihre Liebe in das Album, in dem sie die Fotos von sich und Naim aufbewahrt. Die 28-Jährige verziert die Seiten mit gemalten Girlanden, Schmetterlingen und Herzchen, schreibt Kalenderweisheiten neben die Fotos. „Solange Liebe Brücken bauen kann, gibt es Hoffnung.“ Ulrike Shigjeqi sagt, dass es sie schmerze, durch die Vergangenheit zu blättern. Aber weil es schöne Erinnerungen seien, tue ihr das Schwelgen darin schon auch gut.

„Unsere Ehe ist ernst gemeint“

Die Fotos zeigen Ulrike und den ein Jahr älteren Naim auf dem Standesamt in Prizren. Wie die beiden in dem kleinen Zimmer vor einem großen Schreibtisch sitzen. Wie sie das erste Mal mit ihrem neuen Nachnamen unterschreibt. Die Bilder führen sie zurück in das Restaurant, wo die kleine Festgruppe am Mittag Cevapcici mit Pommes gegessen hat. Und ins Freibad, wo Ulrike den Nachmittag verbrachte, während ihr Mann seinen Deutschkurs besuchte. Auf den Fotos vom Abend sind Naim und seine Kumpels beim Fußballspielen zu sehen. „Ich fand diesen Tag sehr schön“, sagt Ulrike Shigjeqi, die auch die Rechnung für ihren Trauring ins Album geklebt hat: 73 Euro. Das Geld dafür hat sich Naim von seinem Bruder in Deutschland geliehen, der einen guten Job hat und auch für Ulrikes Flug und das Essen für alle nach dem Termin auf dem Standesamt aufgekommen ist.

Die alleinstehende Ehefrau hat das Album dem Verwaltungsrichter in Berlin gezeigt, wo der Fall inzwischen gelandet ist. Sie hat ihn angefleht, ihr zu glauben, dass sie und Naim kein Scheinehepaar sind. Sie hat dabei geweint.

Ulrike Shigjeqi sagt, sie sei bei der Befragung schrecklich aufgeregt gewesen. Die Widersprüche, die die Behörden entdeckt hätten, seien keine Widersprüche, sondern Missverständnisse: Ihr Mann hat recht, wenn er sagt, die Entscheidung zu heiraten, fiel im Mai 2011. Als sie den Zeitpunkt dafür auf Anfang 2011 datierte, meinte sie damit ihre erste Unterhaltung über die Ehe im Allgemeinen. Richtig ist auch, dass sie mit ihrem Mann nur drei bis vier Mal pro Woche chattet. Versuchen würden sie es allerdings täglich. Wegen der häufigen Stromausfälle im Kosovo klappt dies aber nicht immer. Und die Frage nach dem Kinderwunsch hat sie deshalb verneint, weil sie mit ihrem Mann damals noch nicht darüber gesprochen hatte. Das heißt nicht, dass sie keine Kinder will. „Unsere Ehe ist ernst gemeint“, versichert die Frau.

Doch der Richter bleibt skeptisch. Es gibt so viel mehr Ungereimtheiten. Warum sagt der Mann, seine Frau sei Linkshänderin, obwohl sie mit rechts schreibt? Warum weiß er nicht, dass sie gerne reitet? Ist es nicht ungewöhnlich, dass der Ehemann seine Ehefrau am Tag nach der Hochzeit nicht zu einem mehrtägigen Ausflug ans Meer begleitet? Sollte sie nicht die Namen all seiner fünf Geschwister kennen? Für die verschiedenen Angaben zum Zeitpunkt des Kennenlernens und zum Hochzeitsfest hat auch Ulrike Shigjeqi keine Erklärung. Der Richter urteilt: „Die nach alledem vorhandene mangelnde wechselseitige Vertrautheit der Ehegatten lässt erwarten, dass nicht beide Eheleute das Führen einer ehelichen Lebensgemeinschaft beabsichtigen, so dass keine nach dem Grundgesetz schützenswerte Ehe vorliegt.“ Es bleibt also dabei: Naim darf nicht nach Deutschland.

Seit Juli hat sie nichts mehr von ihm gehört

Von der Wand neben Ulrike Shigjeqis Esstisch strahlt überlebensgroß DJ Bobo von einem Poster, der Sänger, dessen Lieder sie so mag: „I believe my dream can be reality, I believe my time on earth is destiny. Ohhhh, I believe. Now we are strong enough. Ohhhh, I believe we are strong enough.“ Auf dem Tisch vor dem Sofa liegt ein Bollywoodfilm: „Liebe für die Ewigkeit“. An der Wand dahinter ranken sich Papierblumen und Kerzenhalter. Ulrike Shigjeqi wollte auch Fotos von sich und Naim aufhängen. Aber diesen Anblick hat sie dann doch nicht ertragen. Noch schmerzhafter ist, dass sie ihren Mann seit Juli auch nicht mehr gehört hat. Keine Gespräche am Telefon oder übers Internet. Auch keine Mails, keine Nachrichten auf Facebook, keine SMS. Er meldet sich nicht und reagiert auch nicht auf ihre Nachrichten. Im Oktober hatte Ulrike Shigjeqi einen Nervenzusammenbruch.

Naim tue es wohl unerträglich weh zu erleben, wie sie unter der Situation leide, sagt ihr Schwager, um sie zu trösten. Naims Bruder hilft der Zeitarbeiterin auch beim Bezahlen der Anwaltsrechnungen. Und er bestärkte sie damals, die zweite Reise in den Kosovo zu unternehmen. Die, bei der vor 14 Monaten unter anderen das Foto am Meer entstand, auf dem Naim und Ulrike glücklich aussehen. „Der Zusammenhalt in der Familie ist sehr stark“, sagt Ulrike Shigjeqi.

Kann sie nachvollziehen, dass die Behörden ihre Ehe skeptisch beurteilen? – Nein! Wenn Naim keine ernsten Absichten hätte, hätte er wohl kaum so häufig mit ihr telefoniert und zu den Geburtstagen SMS geschickt.

Ist es nicht bezeichnend, dass Naim sich nicht mehr bei ihr meldet? – Nein! Wenn ihr Mann wirklich nichts mehr von ihr wissen wollte, hätte er sich längst scheiden lassen.

Ist es ihr nicht ein Bedürfnis, ihren Mann öfter zu besuchen, wenn er schon nicht zu ihr darf? – Doch! Aber weil sie längere Zeit arbeitslos war, sei Urlaub nicht möglich gewesen. Auch Naim verdiene als Getränkeausfahrer kaum Geld. Selbst, als sie im letzten Jahr dort war, habe er es sich nicht leisten können, nicht zu arbeiten.

Könnte notfalls nicht sie in den Kosovo ziehen? – Ja! Würde Naim sagen: „Komm!“, würde sie sofort kommen. „Aber das wird er niemals sagen. Das Leben im Kosovo ist zu perspektivlos.“

Der Rechtsanwalt hat Berufung gegen das Urteil des Berliner Verwaltungsgerichts eingelegt. Falls er damit keinen Erfolg hat, weiß Ulrike Shigjeqi nicht, was sie tun soll. Sie könnte ihre Ehe in Gedanken leben und versuchen, ihren Mann so oft wie möglich zu besuchen. Oder sie könnte sich scheiden lassen.

Aber an ein weiteres Scheitern will sie jetzt noch nicht denken. Lieber denkt sie an das Zitat, das sie entdeckt und in ihr Ehealbum geklebt hat: „Ein Tropfen Liebe ist mehr als ein Ozean an Willen und Verstand.“