Behördenwillkür wird zu Tradition Darum gibt es den Kandelmarsch in Esslingen

, aktualisiert am 25.07.2025 - 15:52 Uhr
Mit dem Kandelmarsch feiern Absolventen der Hochschule Esslingen ihren Abschluss. Foto: Roberto Bulgrin/Roberto Bulgrin

Sie sagen der Hochschule auf besondere Weise „Lebewohl“: Esslinger Absolventinnen und Absolventen verabschieden ihre Studienzeit mit dem Kandelmarsch. Er geht auf Behördenwillkür und eine schelmische Reaktion darauf zurück.

Sie war die Frau Ingenieur. Die weibliche Endsilbe „in“ wurde damals noch nicht an Berufsbezeichnungen angehängt, sagt Hannelore Schmeiser. Sie ist die erste Frau, die an der Staatlichen Ingenieurschule, einer Vorgängerin der Hochschule Esslingen, ihren Abschluss gemacht hat. Das war 1964. Zum 60-jährigen Jubiläum hat sie sich 2024 mit einigen ihrer Kommilitonen von damals am Campus Stadtmitte zum Kandelmarsch getroffen, der traditionsreichen Abschlussfeier der Absolventen der Hochschule.

 

Sie war allein unter Männern. Natürlich musste sie sich durchboxen als einzige Frau, berichtet die 85-Jährige etwas verschämt. Sie sei aus einem technisch orientierten Elternhaus gekommen, habe sich für Naturwissenschaften interessiert und sich daher für das Fach Feinwerktechnik eingeschrieben. Diskriminierungen habe sie nie erfahren: „Wir saßen alle im gleichen Boot, wir mussten alle lernen und unsere Prüfungen schaffen“, sagt sie. In die Studentenverbindung Arminia wäre sie gerne eingetreten, da auch ihr Vater Mitglied gewesen war. Doch Frauen wurden damals laut Statuten nicht aufgenommen – ein Teil der älteren Herren sei dagegen gewesen. Das habe sie hingenommen. Ein Fass wollte sie deswegen nicht aufmachen, sagt die sympathische Seniorin. „Sie mag uns aber immer noch“, stellt einer ihrer ehemaligen Mitstudenten klar.

Disziplin durch leises Reden

Erinnerungen verbinden. Bevor der Kandelmarsch startet, versetzen sich die Jubilare 60 Jahre zurück in ihre Studienzeit. Da gab es „Bubi“, einen sehr jugendlich aussehenden Professor, der sich als einziger Dozent habe durchsetzen können. „Je lauter wir waren, desto leiser hat er gesprochen“, weiß Bert Gall noch. Er hat seinen Abschluss vor 56 Jahren gemacht und feiert mit den 60-jährigen Jubilaren mit. Und „Bubi“ habe seine Tafelaufschriebe immer sehr schnell wieder weggewischt. Wer sie also mitbekommen wollte, musste zackig mitschreiben und hatte zum Stören keine Zeit.

Die pädagogischen Tricks von anno dazumal funktionierten. Eine reine Streber-Muster-Truppe waren die Studierenden vor 60 Jahren allerdings nicht. Hans Stark berichtet von einer Klingel, die er über der Tafel angebracht hatte. Über eine Leitung hatte er sie mit einem Druckknopf unter seinem Pult verbunden. Wenn die Vorlesung zu lange dauerte, betätigte er die Glocke mit seinem Knie. Der gewünschte Effekt trat ein. Der Dozent bemühte sich künftig um ein besseres Timing. Eine reine Freude war das Studieren 1964 aber nicht. Die Anforderungen waren hoch, sagen die Jubilare. Doch das schwarze Brett sei voll mit Jobangeboten gewesen. 800 Mark betrug das Anfangsgehalt eines Ingenieurs. Viel Geld, wenn eine Brezel sechs und eine Kugel Eis zehn Pfennig kostet.

Eine lange Tradition

Dann werden die Jubilare in die Gegenwart zurückgeholt, in das Jahr 2024. Pferdekutschen, der Oldtimerbus, andere Gefährte und die Absolventen der Hochschule stellen sich am Campus Stadtmitte zum Kandelmarsch auf. Schließlich geht es um das Aufrechterhalten einer langen Tradition. Zum Ende des Wintersemesters 1922 hatten Studierende ihren Abschluss feucht-fröhlich gefeiert und auf einer Baustelle auf dem Zollberg eine 30-sprossige Leiter aufgetrieben.

Mit ihr gingen sie in Richtung Stadtmitte. Ein Ordnungshüter pfiff sie auf der Pliensaubrücke an, sie sollten gefälligst auf dem Trottoir gehen und nicht auf der Straße. Also wichen sie auf den Gehsteig aus. Wenig später kommandierte sie ein anderer Büttel nahe der Inneren Brücke wieder zurück auf die Straße.

In Reaktion auf diese Behördenwillkür gehen Esslinger Studierende seit 1922 zur Feier ihres Abschlusses mit Frack, Zylinder und Leitern beim Kandelmarsch mit einem Bein auf dem Gehweg und einem auf der Straße vom Campus Stadtmitte durch die Esslinger Innenstadt. 

Hinweis: Wir haben diesen zeitlosen Artikel aus dem Jahr 2024 wieder aufgefrischt.

Der Kandelmarsch in Esslingen

Abschluss
Mit dem Kandelmarsch feiern Studierende der Hochschule Esslingen ihren Abschluss. Auch Jubilare älterer Jahrgänge waren willkommen.

Organisation
 Auf die Beine gestellt wird der Kandelmarsch unter Mitwirkung der sechs Esslinger Studentenverbindungen von dem Verein Kandelmarsch, der am 18. Dezember 2017 gegründet wurde. Die Vorsitzenden der Verbindungen formieren den Vereinsbeirat und fungieren als Schnittstelle zu den Verbindungen. 

Tradition
Der Kandelmarsch ist laut Veranstalter ein Esslinger Alleinstellungsmerkmal und „eine deutschlandweit einmalige studentische Tradition“. 2022 wurden 100 Jahre Kandelmarsch mit einer großen Veranstaltung begangen.

Mehr unter: https://kandelmarsch.org/willkommen

 

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