„Seit Beginn des Jahres ist ein deutlicher Anstieg der Keuchhustenfälle zu verzeichnen, seit Jahresbeginn wurden 1054 Fälle gemeldet, Stand 8. August“, sagt Anna Leher, Leiterin des Gesundheitsamts in Böblingen. Betroffen seien insbesondere Kinder im Kindergartenalter und Jugendliche. „In den Jahren vor der Pandemie, zum Beispiel 2016 und 2017, erhielten wir im Gesundheitsamt unter 100 Keuchhustenmeldungen im gesamten Jahr. Aktuell sind es rund 60 pro Woche“, so Leher. Auch wenn man die Zahlen vom Vorjahreszeitraum heranzieht, ist die Tendenz deutlich. „Derzeit liegen die Fallzahlen landesweit beim nahezu 20-fachen“, sagt die promovierte Zahnärztin.
Verschiedene Gründe werden vermutet
Warum so viele Kinder und Jugendliche derzeit mit Keuchhusten zu kämpfen haben, dafür zieht Leher mehrere Faktoren in Betracht: „Dies ist derzeit nicht abschließend geklärt – vermutet wird ein Zusammenspiel mehrerer Gründe. Diskutiert werden unter anderem die Kontaktreduktionen, Hygienemaßnahmen sowie das Tragen von Masken in der Pandemie.“ Dadurch gingen die Infektionszahlen stark zurück. „Diese Infektionen werden nun ‚nachgeholt’“, so Leher. Zudem vermuten Fachleute, dass die Entwicklung sogenannter „Immun escapes“ – das sind Mechanismen, mit denen Erreger möglicherweise der Immunabwehr entgehen können, nicht erfolgte Impfungen oder fehlende Auffrischungen – für den Anstieg ebenfalls mitverantwortlich sein könnten. Auch empfindlichere und breiter eingesetzte Nachweismethoden könnten Gründe sein.
Da Keuchhusten eine hochinfektiöse Atemwegserkrankung ist und in Kindergärten und Schulen viele Menschen beisammen sind, hat das Bakterium dort leichtes Spiel. Eine Impfung ist daher erfahrungsgemäß die beste Krankheitsprophylaxe, betont Susanne Weis, Kinderärztin in der Praxis am Seecarré in Böblingen: „Wir orientieren uns an der Empfehlung der STIKO. Diese besagt, dass Kinder dreimal im ersten Lebensjahr geimpft werden sollten. Auch schwangeren Frauen im letzten Trimester wird inzwischen eine Pertussisimpfung empfohlen.“
Kinderärztin beschreibt typische Symptomatik
Zuletzt kam es nur gelegentlich zu bestätigten Keuchhustenfällen in der Praxis, erzählt Susanne Weis. Wenn, dann seien dies eher Kinder im Schulalter gewesen. Der Verdacht auf die Erkrankung ist in jüngster Zeit allerdings öfter im Raum gestanden. „Die typischen Symptome sind anfallsartiges, sogenanntes stakkatoartiges Husten und ein Einziehen der Luft. Manchmal erleiden Kinder einen solchen Hustenanfall, dass sie erbrechen müssen“, erläutert die Kinderärztin. Sind Neugeborene betroffen, die noch nicht geimpft sind oder deren Pieks noch nicht lange zurückliegt, besteht das größte Risiko. In solche Fällen können die Symptome auch schwerwiegender werden: „Wenn Atempausen eintreten und es zu einem Sauerstoffmangel kommt, müssen die Kinder in einer Klinik mit Sauerstoff behandelt werden.“
Grundsätzlich werde bei Verdacht ein Abstrich der Nase und des Rachens genommen – ähnlich eines Coronatests. Mithilfe eines PCR-Tests steht das Ergebnis nach kurzer Zeit fest. „Bei einem positiven Ergebnis werden für circa fünf Tage Antibiotika verabreicht. Die Patienten müssen sich isolieren. Nach wenigen Tagen sind sie nicht mehr ansteckend“, erläutert Susanne Weis.
Keuchhusten muss ans Gesundheitsamt gemeldet werden
Bestätigt sich der Keuchhustenverdacht, muss die Ärztin den Befund an das Gesundheitsamt melden. „Keuchhusten ist eine meldepflichtige Erkrankung. Wir als Gesundheitsamt haben unter anderem die Aufgabe, die Weiterverbreitung der Erkrankung zu verhindern sowie die Daten an das Landesgesundheitsamt zu übermitteln“, erklärt die Amtsleiterin. Im Nachgang werden weitere Gespräche mit den Betroffenen geführt. Auch Kitas und Schulen werden informiert.
Dass die Behörde nach bestätigten Fällen den spezifischen Impfstoff erfragt, hat manche Eltern beunruhigt. „Alle Impfstoffe, die die STIKO empfehlen, sind zugelassen und gleich wirksam“, erklärt Kinderärztin Susanne Weis. Anna Leher stellt klar: „Die Nachfragen des Gesundheitsamts nach dem Namen des Impfstoffes und dem Zeitpunkt der Verabreichung sind bei Erkrankungen, die durch eine Impfung verhindert werden können, üblich. Das RKI erhält so die Möglichkeit, Impfdaten auszuwerten. In der aktuellen Situation dient die Frage nach Impfungen auch der Suche nach den Ursachen der Keuchhustenwelle.“
Keuchhusten – eine Krankheit auf dem Vormarsch
Erreger
Keuchhusten wird durch das Bakterium Bordetella Pertussis ausgelöst. Übertragen wird die Krankheit durch eine Tröpfcheninfektion.
Impfung
Säuglingen werden zum vollen Immunschutz drei Impfungen im ersten Lebensjahr empfohlen. Nach der dritten Impfung besteht ein Schutz von über 90 Prozent. Noch vor 100 Jahren sind jährlich Tausende von Säuglinge an der Infektionskrankheit gestorben. Eine Impfung gab es damals noch nicht.
Risikogruppen
Säuglinge ohne oder mit noch geringen Impfschutz sind besonders gefährdet, darüber hinaus auch junge und ältere Menschen mit entsprechenden Vorerkrankungen.
Impfdurchbruch
Impfungen können eine Ansteckung nicht zu 100 Prozent verhindern. Das Ansteckungsrisiko und die Schwere der Erkrankungen sind nach einer Immunisierung aber deutlich reduziert.