Amputation nach Blutvergiftung Fünffacher Vater verliert Beine – im „zweiten Leben“ ist nichts mehr wie es war

Alessandro Luciano kann mittlerweile dank seiner Prothesen sogar wieder die Treppe nutzen. Foto: Paasch/KI/Midjourney/Montage: Ruckaberle

Alessandro Luciano verliert nach einer Blutvergiftung beide Beine – und fast sein Leben. Wie sich der fünffache Familienvater aus Stuttgart zurückkämpft, macht Mut.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Bettina Hartmann (ina)

Alessandro Luciano schwitzt. Fünf Stufen hat er bereits geschafft, langsam, eine nach der anderen, stets mit der Gefahr verbunden, dass er stürzt und sich verletzt. Insgesamt sind es 89 Stufen, die hoch in die Eigentumswohnung der Familie im Stuttgarter Westen führen. Selbst für Gesunde ist der Weg in den fünften Stock nicht ohne. Doch auf zwei Beinprothesen wird das Ganze zum Kraftakt.

 

Seine Frau Iljhama Luciano, 37, ruft ihm zu, er solle bitte aufpassen. Alessandro Luciano ist ohnehin hoch konzentriert. Er möchte sich selbst, seiner Familie und dem Besuch von der Presse zeigen, was er kann – was er nun, 15 Monate nach dem Schicksalsschlag, endlich wieder kann. Dem jungen Mann, Ende November wird er 36, wurden beide Beine unterhalb des Knies amputiert. Dazu vier Finger der rechten sowie der halbe Mittelfinger der linken Hand. Auch hier wurden ihm inzwischen Prothesen angepasst. „Ein Segen“, wie Luciano sagt. „Mobil zu sein bedeutet Lebensqualität – und Würde.“

Luciano entwickelt eine schwere Sepsis

Begonnen haben die tragischen Ereignisse im August 2024 – vermeintlich harmlos. „Wir hatten in unserem Italien-Urlaub einen wunderschönen Vormittag am Strand“, erzählt der Stuttgarter. Nach dem Essen wird ihm plötzlich unwohl: „Ich habe mich hingelegt, Fieber bekommen, abends Schüttelfrost.“ Seine Frau Iljhama, gelernte Krankenpflegerin, vermutet eine Erkältung oder Grippe. Dann verschlechtert sich der Zustand des fünffachen Familienvaters rasant. Am Morgen sei er platt gewesen, habe sich so krank wie nie gefühlt, erinnert sich Luciano. „Und ich hatte seltsame schwarze Flecken an den Händen.“

Alessandro Luciano mit seiner Frau Iljhama. Foto: privat

Der zunächst gerufene Arzt vermutet eine Allergie, zuckt mit den Schultern. Iljhama Luciano sagte jedoch bestimmt: Ihr Mann muss ins Krankenhaus. Sofort. Das rettet ihm das Leben. Wie sich später herausstellt, hat er sich mit Meningokokken vom Typ B angesteckt und eine schwere Sepsis entwickelt, auch als Blutvergiftung bekannt. Seine Schmerzen werden immer schlimmer, die Füße brennen wie Feuer: „Ich halte viel aus“, betont Luciano. „Aber das war unerträglich – und irgendwann war ich weg, quasi komatös.“

Meningokokken können Blutvergiftung auslösen

„Die Ärzte haben die Zusammenhänge zuerst nicht gesehen“, sagt Iljhama Luciano. Sie selbst auch nicht. „Aber über die Gefährlichkeit einer derartigen Infektion sollte jeder Bescheid wissen.“ Meningokokken sind Bakterien, die vor allem den Nasen-Rachen-Raum besiedeln und etwa beim Husten oder Niesen durch Tröpfcheninfektion übertragen werden. In Deutschland und Europa sind schwere Erkrankungen sehr selten. Doch durchdringen die Bakterien die Schleimhäute und gelangen in den Blutkreislauf, drohen Hirnhautentzündung und Sepsis. Eine schnelle Behandlung mit passenden Antibiotika entscheidet über Leben und Tod. Als die Diagnose kommt, ist Iljhama Luciano der Ernst der Lage bewusst: „Ich war verzweifelt.“

„Ich kann mich vage an den Schockraum in Lecce erinnern“, erzählt Alessandro Luciano derweil. An Schläuche, Infusionen, Monitore. An Albträume. Eines Morgens wacht er auf, die Sonne scheint durchs Fenster: „Die Luft hat geglitzert, das sah wie Feenstaub aus.“ Luciano, gläubiger Katholik, deutet es als Zeichen. Die Ärzte sprechen von einem „zweiten Leben“, das ihm geschenkt worden sei – und trotzdem ist seitdem nichts mehr wie es war.

Wie kommt man mit so einem Schicksal klar?

Zwar ist er außer Lebensgefahr, per Flugzeug geht es zurück nach Hause. Im Tübinger Uniklinikum erfolgt dann die weitere Behandlung, über Monate, verbunden mit Hoffnung. Doch durch die massiven Blutgerinnungs- und Durchblutungsstörungen waren Gliedmaße abgestorben, die Füße und Finger schwarz. „Ich habe mich wie ein Zombie gefühlt.“ Irgendwann habe er es in gewisser Weise sogar als Erleichterung empfunden, dass die „tonnenschweren Klötze weg mussten“.

Wie kommt man damit klar, wenn plötzlich Teile des Körpers fehlen? Wenn man nicht mehr gehen und kaum noch greifen kann? Wenn der erlernte Beruf, Luciano ist Elektriker, wegbricht? Wenn man auf andere angewiesen ist? Das sei ein harter Schlag gewesen. Aber aufgeben? Im Krankenhaus, ja, da habe es kurz eine Phase gegeben, wo er den Lebensmut verloren hatte. „Ich dachte, ich bin lieber tot als behindert“. Doch schnell sei ihm klar geworden, dass es gar keine andere Möglichkeit gibt: „Ich wollte und musste kämpfen, für meine Frau, für meine Kinder.“ Und behindert fühle er sich nun eigentlich gar nicht.

Auch der Glaube – er Katholik, sie Muslima – gibt Kraft

Heute redet er entspannt über sein Schicksal, hat es akzeptiert, macht mitunter sogar Witze: „Ein bisschen sehe ich mit den Prothesen wie ein Cyborg aus“, sagt Alessandro Luciano und lacht: „Damals jedoch war ich voller Angst.“ Geholfen habe ihm, dass er sich auf die folgenschweren Operationen einstellen konnte: „Anders als Unfallopfer hatte ich Zeit, mich zu informieren, etwa über Hilfsmittel.“ Das habe Perspektive gegeben. Auch der Glaube gebe Kraft. Seine Frau ist Muslima, er Katholik – beide Religionen haben im Familienleben gleichberechtigt ihren Platz.

Nun müsse er eben alles neu lernen, wie ein Kind, sagt Luciano. „Das sehe ich als Challenge.“ Seine To-do-Liste sei eh noch lang. Eines Tages wieder Fahrrad zu fahren – das wär’s. Auch das Autofahren fehlt ihm, gibt er zu: „Jetzt ist der Rollstuhl mein Auto. Er gibt mir Freiheiten.“ Denn ständig auf den Prothesen unterwegs zu sein, vor allem bei längeren Distanzen, ist zu anstrengend.

Unterstützt wird er beim Heilungsprozess, den die ganze Familie mit psychologischer Unterstützung durchläuft, von seiner Frau. „Sie ist ein Engel“, sagt Alessandro Luciano und blickt zu seiner Partnerin, die ihn liebevoll anschaut. „Wir haben uns mit 14 kennengelernt, waren sofort ein Herz und eine Seele“, fügt sie hinzu. Gemeinsam haben sich die beiden ihr Leben aufgebaut, sind jung Eltern geworden, haben sich ihre Wohnung im Westen mit Unterstützung der Eltern erarbeitet und mit viel Herzblut umgebaut. Doch die Wohnsituation ist belastend. Ein Umzug kommt nicht infrage: „Wir sind im Westen fest verwurzelt. Und zu siebt würden wir doch ohnehin keine bezahlbare Wohnung finden“, ist sich Iljhama Luciano sicher.

GoFundMe für Außenlift im Stuttgarter Westen

Was also tun? Ein Treppenlift ist aus baurechtlichen Gründen nicht möglich. Ein Außenaufzug kostet allerdings etwa 150 000 Euro. Alleine ist das nicht stemmbar. Die Lucianos sammeln daher Spenden – über die Nachbarn und online auf der Plattform Gofundme. „Da kam schon einiges zusammen. Es reicht aber noch nicht“, so Iljhama Luciano. Immerhin: Einen Architekten für das Bauprojekt hat die Familie bereits gefunden.

Nun schauen die Kinder, vier Mädchen und ein Junge im Alter von 7 bis 14 Jahren, nach und nach aus ihren Zimmern. Die Kleineren setzen sich bei Papa auf den Schoß. Die Größeren spielen mit den beiden Katzen, die seit wenigen Wochen zur Familie gehören. „In gewisser Weise sind das unsere Therapietiere“, so Iljhama Luciano. Dass man sich um sie kümmern müsse, schweiße zusammen. Im September waren Eltern und Kinder gemeinsam auf dem Volksfest – „das war so schön. Dass solche Unternehmungen möglich sind, macht uns Mut.“

Spendenkampagne

Kontakt
Wer helfen und spenden möchte, findet weitere Informationen unter www.gofundme.com/f/hoffnung-fur-unsere-familie-ein-aussenaufzug-fur-ein-selbst im Internet.

 

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