Abschlussbericht Erneuerbare nicht an Beinahe-Blackout schuld
Ein zu hoher Stromfluss vom Südwesten Europas nach Kontinentaleuropa hat im Januar das Stromnetz fast zusammenbrechen lassen. Erneuerbare waren daran nicht schuld.
Ein zu hoher Stromfluss vom Südwesten Europas nach Kontinentaleuropa hat im Januar das Stromnetz fast zusammenbrechen lassen. Erneuerbare waren daran nicht schuld.
Stuttgart - Der Beinahe-Blackout vom 8. Januar dieses Jahres ist nicht auf den hohen Anteil erneuerbarer Energien im Netz oder auf eine nicht angemessene Stromerzeugung zurückzuführen. Zu diesem Ergebnis kommt der Abschlussbericht des Verbands der europäischen Netzbetreiber Entso-E und der Agentur für die Zusammenarbeit der Energieregulierungsbehörden (Acer), der am späten Donnerstagnachmittag veröffentlicht worden ist. Die genaue Analyse habe vielmehr ergeben, dass ein großer Lastfluss aus Europas Südosten in den Nordwesten zu einer Überlastung im nordkroatischen Umspannwerk Ernestinovo führte. Grund dafür war unter anderem, dass es in Südosteuropa warm war und im Nordwesten relativ kalt. Das – und das orthodoxe Weihnachtsfest am 6. und 7. Januar – hatte auf der Balkanhalbinsel eine relativ niedrigen Nachfrage zu Folge, während im kalten Norden die Nachfrage relativ hoch war. Hinzu kamen außergewöhnlich hohe lokale Stromflüsse.
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In dem Bericht ist davon die Rede, dass wegen des hohen Lastflusses von der Anlage mehrfach Alarm ausgelöst wurde, das Personal des Umspannwerks die Situation dennoch als stabil einschätzte. Als nach 14 Uhr ein permanenter Alarm anschlug, kamen Überlegungen für Abhilfemaßnahmen zu spät. Der so genannte Sammelschienenkuppler in Ernestinovo schaltete sich um 14:04:25 ab, um eine Netzüberlastung zu vermeiden. Das verursachte einen Dominoeffekt, der schließlich kurz darauf zu einer Trennung des südöstlichen Netzgebietes vom restlichen Kontinentaleuropa führte.
Als Konsequenz aus dem Vorfall, bei dem Kontinentaleuropa nur knapp einem Blackout entgangen ist, schlägt das Expertengremium von Entso-E und Acer nun 22 Maßnahmen vor, um derartiges künftig zu verhindern. Dazu gehören zum Beispiel angepasste Betriebssicherheitsberechnungen, eine tiefer gehende Analyse zur künftigen Stützung der Netzfrequenz sowie ein weiterer Ausbau der Kommunikation und Koordination zwischen den Übertragungsnetzbetreibern.
Frank Reyer vom deutschen Übertragungsnetzbetreiber Amprion, der das Expertengremium von Entso-E und Acer leitete, geht davon aus, dass Lastflüsse quer durch Europa künftig weiter zunehmen werden. „Dies erfordert, dass stets eine ausreichende Sicherheitsmarge gegenüber Störungen und Fehlern vorhanden sein muss und dem Netzbetrieb ausreichende Maßnahmen für eine sichere Systemführung zur Verfügung stehen.“ Die Gewährleistung der Netzstabilität sei für die Energiewende in Europa von zentraler Bedeutung. Amprion, einer der vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber, koordiniert in Kontinentaleuropa gemeinsam mit den Kollegen von Swissgrid das Vorgehen bei derartigen Vorfällen.
Dies ist Teil eines Warnsystems, das nach der letzten Netzauftrennung im Jahr 2006 installiert wurde. Damals wurden zeitweilig zwei Hochspannungsleitungen in Norddeutschland abgeschaltet, damit sie das Kreuzfahrtschiff Norwegian Pearl auf der Ems gefahrlos passieren konnte – das Schiff sollte von der Werft in Papenburg in die Nordsee überführt werden. Da es dabei Abweichungen vom ursprünglichen Plan gab, fiel in Teilen von Deutschland, Frankreich, Belgien, Italien, Österreich und Spanien teilweise bis zu 120 Minuten der Strom aus. In der Aufarbeitung dieses Großereignisses installierten Europas Übertragungsnetzbetreiber neue Sicherheitsmechanismen und Informationssysteme.
Diese Vorsichtsmaßnahmen haben Europa am 8. Januar 2021 vor einem Stromausfall bewahrt. Nach einer guten Stunde waren die beiden Netzteile wieder zusammengeschaltet. Nennenswerte Stromausfälle gab es nicht. In Deutschland kam lediglich konventionelle Regelenergie zum Einsatz. Das ist immer dann der Fall, wenn Erzeugung und Verbrauch sich im Stromnetz nicht die Waage halten. Also beispielsweise, wenn bei plötzlichen Windflauten Windenergie fehlt oder unvorhergesehen große Verbraucher ausfallen. Der Einsatz von Regelenergie gehört entsprechend zum Alltag.
Im zentraleuropäischen Verbundnetz sind in insgesamt fünf sogenannten Synchrongebieten die Übertragungsnetze von insgesamt 34 Ländern zusammengeschaltet. Das größte Gebiet davon ist das kontinentaleuropäische Verbundnetz, das von Portugal im Westen bis Polen im Osten, sowie von Dänemark im Norden bis zur Türkei im Süden reicht. Der Verbund ist eines der größten Netzgebiete der Welt und dient insbesondere dem überregionalen Austausch größerer Energiemengen.