Beispiel Winterlingen Woran Windkraftprojekte scheitern

Windkraftanlagen in landschaftlich reizvollen Waldgebieten sind für viele Bürger ein Stein des Anstoßes. Foto: imago//Stefan Schurr

Nach jahrelanger Planung gibt RWE den Bau von sieben Windrädern auf der Zollernalb auf. Der Bürgermeister klagt: Die Kommunen werden im Stich gelassen.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau: Matthias Schmidt (mas)

Stuttgart - Jeder ist für die Energiewende. Aber nicht vor der eigenen Haustür.“ Ein Grundton in Moll schwingt mit, wenn Bürgermeister Michael Maier über das gescheiterte Projekt von Winterlingen spricht. 20 Jahre liegt der Grundsatzbeschluss pro Windkraft in der Zollernalb-Gemeinde mittlerweile zurück, seit acht Jahren ging es um eine konkrete Anlage mit sieben Windrädern. Teilweise war sie schon genehmigt. Projektbetreiber wechselten, Bürgerprotest formierte sich, Gutachten veralteten – jetzt ist der Ofen aus. Vergangene Woche hat der Energieversorger RWE aufgegeben und den Genehmigungsantrag zurückgezogen.

 

Landespolitiker haben sich nicht für das Projekt eingesetzt

Das grüne Projekt, das der parteilose Bürgermeister im Sinn des Klimaschutzes und auch mit Blick auf die Pachteinnahmen im Gemeindewald realisieren wollte, hätte mehr Unterstützung gut brauchen können, meint Maier. Aber außer dem Grünen-Bundestagsabgeordneten Chris Kühn aus dem benachbarten Wahlkreis Tübingen-Hechingen habe sich niemand vor Ort öffentlich für das Projekt starkgemacht. Landespolitiker hätten sich in Winterlingen, knapp 20 Kilometer von Winfried Kretschmanns Wohnort Sigmaringen-Laiz entfernt, nicht gezeigt, erinnert sich Maier. „Die Kommunen werden ein bisschen im Stich gelassen“, sagt der Bürgermeister.

RWE nennt als Ausstiegsgrund auch den Widerstand vor Ort

Eine Milliarde Euro will RWE in drei Jahren in deutsche Wind-und Solaranlagen stecken. Winterlingen war das einzige Windprojekt des Konzerns in Baden-Württemberg. Vorbei. Aber warum? Es gibt darauf keine einfache Antwort, nur einen Mix an Erklärungen, der je nach Interessenlage ausfällt. „Das Projekt ist in seiner ursprünglich geplanten Größe mit sieben Anlagen auf den dafür vorgesehenen Flächen unter Wahrung aller Umweltinteressen in absehbarer Zeit nicht zu verwirklichen“, teilt der Energiekonzern RWE mit. Und weiter: „Hinzu kommt ein großer Widerstand gegen Windkraft vor Ort.“ Beleg dafür: mehr als 3600 Einwendungen.

Auch fehlende Überfahrtsrechte hätten eine große Rolle gespielt, sagt Bürgermeister Maier. Um die 238,5 Meter hohen Windräder samt Rotoren zu den Standorten zu bringen, hätten private Grundstücke überquert werden müssen. „Es reicht einer, der nicht mitmacht, dann ist Feierabend“, sagt Maier.

Wichtigstes Motiv: der Schutz vor Infraschall

Herbert Bitsch, Steuerberater aus Winterlingen, ist ein Antreiber des Protests vor Ort. Seine Interpretation lautet: „Meines Erachtens hat es von Anfang an an der Wirtschaftlichkeit gefehlt, und dann wurden die Auswirkungen des Milan-Dichtezentrums im Hinblick auf den Artenschutz wohl unterschätzt.“ Bitsch macht kein Hehl aus seinen Motiven. Das erste und wichtigste sei die „Gesundheitsgefährdung durch Infraschall“, sagt er. „Ich habe unser Wohnhaus durch ein Sachverständigenbüro für Umweltmessungen begutachten lassen. Fazit: Mit einer Inbetriebnahme der geplanten Windkraftanlagen wären in Folge für die Anwohner irreversible gesundheitliche Beeinträchtigungen zu erwarten.“ Darüber hinaus hält er die deutsche Energiewende generell für untauglich. „Die USA, China, Russland, Indien und auch unsere europäischen Nachbarn wissen, dass die Klimaziele nicht mit noch mehr Sonnen- und Windenergie erreicht werden können, und setzen daher auch auf moderne Kraftwerke und die Kernenergie.“

Es ist teuer, Windräder im Wald zu bauen

Bitsch streitet gemeinsam mit Bürgern des Nachbarortes Bitz, die sich von den Windrädern besonders betroffen sehen. Auf ihrer Webseite hat die Bitzer Bürgerinitiative den ganzen Reigen der Argumente aufgelistet, der landauf, landab die Auseinandersetzungen über Windräder prägt: der Schutz von Landschaft, Vögeln, Fledermäusen und Insekten, Zweifel an der Windausbeute, Gefahren fürs Trinkwasser, Schallbelästigung, herabfallende Eisbrocken, optische „Bedrängung“.

Dokumentiert ist auch das bundesweite Netzwerk der Windkraftgegner. Auf das Bündnis „Vernunftkraft“ wird verlinkt und auf „Naturschutzinitiative e. V.“, einen Verband aus dem Westerwald, dessen Vorsitzender Harry Neumann mit Klagen schon ein Windprojekt auf dem Gebirgszug Länge bei Donaueschingen spektakulär gestoppt und ein Forschungsvorhaben bei Donzdorf verzögert hat. Auch in Winterlingen legte Neumann Widerspruch gegen eine Teilgenehmigung aktiv ein.

Projektentwickler stoßen auf mannigfache Probleme

Projektentwickler in Baden-Württemberg kämpfen aber auch mit anderen Faktoren. Bauen im Wald ist teuer, der Wind vielerorts mager. Dazu kommt die Bürokratie: Nicht selten würden, wie zu hören ist, Anträge in mehr als zehnfacher Ausfertigung gefordert, bis zu 30 Leitz-Ordner seien dann im Landratsamt abzuliefern. Allein die Dauer der Widerspruchsverfahren an überlasteten Gerichten bringe manches Projekt ins Wanken, da parallel etwa die Baukosten steigen. Dazu kommt die Komplexität der Artenschutz-Verordnungen.

Das Projekt an seinem Wohnort hält Herbert Bitsch für erledigt. Die Pläne der Landesregierung, die Verfahren zu beschleunigen, sieht er – naturgemäß – skeptisch: „Ich bin dagegen, der Windkraftlobby in Genehmigungsverfahren einen weiteren Freifahrtsschein auszustellen.“ Nebenan in Burladingen plant die EnBW zehn Windräder. Auch dank regelmäßiger Informationsveranstaltungen für die Bürger laufe das Verfahren dort ruhig, berichtet ein Insider.

Der Bürgermeister zieht noch keinen Schlussstrich

Winterlingens Bürgermeister Maier ist froh, im Haushalt noch keine Pachteinnahmen eingeplant zu haben. Den endgültigen Schlussstrich will er aber noch nicht ziehen, vielleicht finde sich ein anderer Betreiber. „Wir haben die vielleicht am besten erforschte und dokumentierte Fläche. Wenn also jemand Interesse hat . . .“, sagt Maier. Nach seinen Erfahrungen aber würde er auf den Plan, 1000 neue Windräder im Land zu bauen, „lieber keine fünf Euro setzen“.

Windkraft im Südwesten

Ziel
Die grün-schwarze Landesregierung hat angekündigt, bis 2026 den Bau von 1000 neuen Windrädern in Baden-Württemberg zu ermöglichen, unter anderem im Staatswald. Gemessen an den vergangenen Jahren wäre das eine gewaltige Steigerung. 2019 beispielsweise waren es nur fünf, 2016 und 2017 hingegen noch rund 120. Für 2021 ist mit gut 30 Anlagen zu rechnen.

Vergleich
Derzeit sind im Land 750 Windräder in Betrieb.  Spitzenreiter ist Niedersachsen, wo zuletzt 6352 Anlagen gezählt wurden. In Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein sind es jeweils mehr als 3600.

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