Berechnungen des Uniklinikums Freiburg zeigen: In den kommenden zehn Tagen könnte die Zahl der Corona-Fälle auf den Intensivstationen in Baden-Württemberg über 400 steigen. Was das bedeuten würde – und woher der aktuelle Anstieg kommt.

Politik: Hanna Spanhel (hsp)

Stuttgart - Die Zahl der Covid-Fälle auf den Intensivstationen im Südwesten steigt weiter an. An diesem Mittwoch waren laut Intensivregister über 290 Intensivbetten in Baden-Württemberg mit Coronapatientinnen und -patienten belegt, am Dienstag waren es noch 284. Und die Zahl könnte in den kommenden Tagen und Wochen weiter zunehmen – das jedenfalls legen Berechnungen auf der Basis eines Modells vom Institut für Infektionsprävention und Krankenhaushygiene des Universitätsklinikums Freiburg nahe.

Bis Mitte November könnten laut dieser Prognose bereits über 400 Covid-Fälle in intensivmedizinischer Behandlung sein, im schlechtesten Szenario sogar um die 420 Fälle. Das würde bedeuten, dass die Marke für die sogenannte Alarmstufe schon in den kommenden zehn Tagen gerissen wird. Die Alarmstufe wird laut Landesgesundheitsministerium dann ausgerufen, wenn die Auslastung der Intensivbetten in Baden-Württemberg an zwei aufeinanderfolgenden Werktagen 390 erreicht oder überschreitet.

Ab 390 belegten Intensivbetten gilt die Corona-Alarmstufe

Das Modell des Universitätsklinikums Freiburg macht laut Institutsleiter Hajo Grundmann bislang ziemlich zuverlässige Vorhersagen – nur wenn neue politische Entscheidungen dazu beitragen, dass sich das Verhalten der Menschen gravierend ändert, könne das Modell das nicht vorhersehen, so Grundmann. Tatsächlich könnte die Ausrufung der Warnstufe die Entwicklung der Fallzahlen auf den Intensivstationen verändern – dann, wenn die nun geltenden, strengeren Einschränkungen tatsächlich zu Verhaltensänderungen führen und insbesondere ungeimpfte Menschen ihre Kontakte einschränken.

Wird die Alarmstufe ausgerufen, gelten noch einmal schärfere Beschränkungen als in der Corona-Warnstufe. Laut Landesgesundheitsministerium gilt dann für all jene, die nicht gegen das Virus immunisiert sind, in einigen Bereichen ein sogenanntes Teilnahme- und Zutrittsverbot: Also die 2-G-Regelung. Außerdem darf sich ein Haushalt dann nur noch mit einer weiteren Person treffen. Ausgenommen von diesen Einschränkungen sind weiterhin Genesene und Geimpfte, Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre und all jene, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen können oder für die es keine Impfempfehlung der Ständigen Impfkommission gibt.

Situation schlechter als im Vorjahr – trotz der Impfungen

Auch die Intensivmedizinerin Helene Häberle vom Universitätsklinikum Tübingen verweist auf Hochrechnungen, die von einem signifikanten Anstieg der Fälle auf den Intensivstationen bis Mitte November ausgehen. Warum aber nimmt die Zahl der Corona-Infektionen und der Fälle in den Kliniken aktuell wieder so stark zu? Die bundesweite 7-Tage-Inzidenz der Corona-Neuinfektionen liegt höher als vor einem Jahr – obwohl es damals noch keine Impfungen gegen das Virus gab. Auch ein Vergleich der belegten Intensivbetten zeigt, dass die Situation schlechter ist als im Vorjahr.

Experten zufolge spielt neben dem Herbsteinbruch und vermehrten Treffen in Innenräumen vor allem die Delta-Variante des Coronavirus eine Rolle. Diese Variante gilt als deutlich ansteckender als etwa der Wild-Typ des Virus. „Als Grund werden von den Expertinnen und Experten die Aufhebung der Schutzmaßnahmen sowie die Skepsis an der Impfung vermutet“, sagt Helene Häberle, Leitende Oberärztin Intensivstation 39 am Uniklinikum Tübingen. „Ob die Warnstufen Abhilfe schaffen, wird sich zeigen.“

Die Zahlen sind nicht mehr so alarmierend, viele werden unvorsichtiger

Im NDR-Podcast „Coronavirus-Update“ sprach Virologin Sandra Ciesek kürzlich zudem von einem Gewohnheitseffekt: Die Menschen hätten sich an die Zahlen gewöhnt, sie seien weniger alarmierend, so die Direktorin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt am Main. Entsprechend unvorsichtiger werden viele.

Hinzu kommt laut Experten, dass die aktuelle Zahl der Impfungen gegen das Virus noch zu gering ist, um einen stärkeren Effekt zu erzielen. Etwa drei Monate nach einer Corona-Impfung könne man sich insbesondere mit der Delta-Variante wieder anstecken, weil der Impfschutz nachlasse. Auch bei einem Impfdurchbruch habe man aber weiter einen hohen Schutz gegen einen schweren Verlauf der Infektion, sagte Ciesek.

Weiterhin ein Unterschied zwischen Geimpften und Ungeimpften

Nach wie vor zeigt sich nicht nur auf den Intensivstationen ein Unterschied zwischen Geimpften und Ungeimpften. Die 7-Tage-Inzidenz liegt in Baden-Württemberg aktuell bei 165. Bei vollständig Geimpften beträgt sie laut Landesgesundheitsamt 49,4 je 100 000 Einwohner, bei Ungeimpften, nicht vollständig Geimpften oder jenen ohne Angaben zum Status liegt sie dagegen bei 381. Knapp 65 Prozent der Menschen in Baden-Württemberg gelten als vollständig geimpft.

Laut Sozialministerium sei der Großteil der Covid-Patienten in den Kliniken ungeimpft. Bei Menschen mit einem Impfdurchbruch handele es sich überwiegend um Ältere oder Menschen mit Vorerkrankungen – weshalb das Ministerium auf Auffrischungsimpfungen für all jene drängt, deren zweite Impfdosis bereits mehr als sechs Monate zurückliegt.