In Antwerpen finden Fans von ausgefallener Kleidung jede Menge Designer und deren Läden.
Bei Sasha stehen Strickpumps im Fenster. Wie man das ausgefallene Schuhwerk tragen soll? Einerlei, toll und verwegen sehen die geringelten Pumps aus, und darauf kommt es in Antwerpen an. Ein paar Meter weiter propagiert ein Laden namens NaughtyI auf T-Shirts „Atomkraft Nein Danke“ – die Mutter aller grünen Parolen wird salopp über das goldene John Player’s Special-Logo gedruckt. Und umgekehrt.
Mode aus Antwerpen verdreht die Perspektive und hat damit Erfolg. Die isländische Sängerin Björk trägt Kleider des hier kreierenden Designers Bernhard Wilhelm, U2-Frontmann Bono Anzüge des Kollegen Dirk Schönberger. Und Veronique Banquinho entwarf Regenmäntel für die Documenta 11. Von Mailand bis Paris, von London bis New York schielen Fashion-Victims nach Antwerpen, wo die Karten im belgischen Städtequartett neu gemischt wurden. Brüssel bleibt La Capitale und europäischer Kontrollturm, Antwerpen behauptet sich als La Métropole und hipper Schmelztiegel.
Am Anfang standen die sogenannten Antwerp Six: Sechs Absolventen der Königlichen Akademie der Schönen Künste, Fachbereich Modedesign, die Ende der 80er Jahre schlagartig berühmt wurden. Das „Time Magazine“ berichtete in einer Reportage über die jungen Wilden. Was der amerikanische Journalist bei Ann Demeulemeester oder Walter Van Beirendonck gesehen hatte, ließ die Street-Gangs der Bronx brav aussehen: Abendkleider, inspiriert am Fundus von SM-Clubs. Anzüge, die mit Fetischobjekten aus dem Kongo spielten. „Look on the Wild Side“ war die Reportage überschrieben, aus der bis in die letzte Zeile zu lesen war: Dieser Kollege kehrte fassungslos nach New York zurück.
„Antwerpen lebt mit seiner Mode“, sagt Linda Loppa. Die ehemalige Direktorin des Fachbereichs Modedesign an der Antwerpener Hochschule leitet heute das Polimodo Fashion Institute in Florenz, hat ihre Wohnung in Antwerpen jedoch behalten. Loppa förderte maßgeblich die Antwerp Six. Auf ihre Initiative hin eröffnete 2002 das Modemuseum (MoMu). Die Gründe für die hohe Akzeptanz textiler Experimente liegen für Loppa zum einen in der Geschichte: „Antwerpen ist eine alte Handels- und Tuchmacherstadt. Hier weiß man, dass mit schönen Gewändern Gewinn zu machen ist.“
Auf der anderen Seite steht das in den letzten 25 Jahren aus bodenlosem Niedergang geborene Swinging Antwerp. Als die Antwerp Six anfingen, war die Stadt bis in ihr Herz baufällig. Die frühen Modeschauen der Antwerp Six im Niemandsland der verwaisten Kais führten dazu, dass die Stadt sich der Schelde, ihrer ureigensten Lebensader erinnerte. Mit Beginn der 90er Jahre trat das Projektbüro Stad aan de Stroom auf den Plan, um Stadt und Schelde wieder aneinanderzufügen. Heute ist das Schelde-Ufer Antwerpens Visitenkarte mit futuristischen Neubauten, Bars und Promenade. Krönender Abschluss der städtebaulichen Wiedergeburt ist seit Mai 2011 das Museum aan de Stroom (MAS), in dem Antwerpens Handels- und Kunstgeschichte gezeigt wird. Wie ein aus Containern aufgestapelter Turm überragt der futuristische Bau die nördlichen Hafenbecken. Von der Dachterrasse fällt der Blick auf den von Luc Tuymans gestalteten Vorplatz. Erst aus der Vogelperspektive ist das Motiv erkennbar, mit dem ihn Belgiens bekanntester lebender Künstler aus 40000 Granitsteinen zusammengesetzt hat. Es ist ein grinsender Totenschädel, dessen Vorlage von Quinten Metsys (1466–1529) stammt. Von der Dachterrasse des Museums schweift der Blick ebenfalls zu den Ateliers von Dries van Noten. Der international tonangebende Modedesigner entwirft seine Kollektionen in einem umgebauten Speicher. Sein Flagship-Store an der Nationalestraat namens Het Modepaleis ist so etwas wie das Tor zum Fashion-District. Wer den Laden betritt, darf sich entspannt umschauen. Selbst bei den ganz großen Namen der Antwerpener Mode gibt es kein elitäres Getue. Darin sind belgische Modemacher ganz Kind eines kleines Landes, das in seiner Bescheidenheit wahrhafte Größe zeigt.
In Steinwurfnähe zu Dries van Notens Modepaleis überragt ein Eckdom die Nationalestraat: Der Belle-Epoque-Koloss ist Sitz des Modemuseums. In den Museumssälen sind Antwerpens stilbildende Designer vertreten. Im Untergeschoss bietet ein Kunstbuchladen neben einer Auswahl von Modebüchern die „Antwerp Fashion Map“ an. Das Taschenbüchlein schlägt vier Modespaziergänge vor. An Walter Van Beirendoncks Flagship-Store führt dabei kein Weg vorbei: Die wechselnden Ausstellungen und der mit Alpenhütte, Förderband und einem riesigen Teddybären gestaltete Raum in der St. Antoniusstraat lässt eher an eine Kunstgalerie als an einen Laden denken.
Etwas im Abseits des Fashion-Districts und dennoch in bester Nachbarschaft liegt der Flagship-Store von Ann Demeulemeester. Der Weg zum gründerzeitlichen Eckbau an der Verlaatstraat führt vor das Museum für Schöne Künste. Auf dem gusseisernen Bankrondell am Haupteingang lässt ein qietschvergnügtes Völkchen in Rippenunterhemd, Trainingsanzug und Blümchenkleid es sich gutgehen. Bierflaschen stehen am Boden, und ein Pudel macht Männchen für die Wurst. Man setzt sich dazu, schwatzt ein bisschen über Gott und die Welt, um aus dem Augenwinkel schon einmal die Auslagen bei Anne Demeulemeester zu begutachten. So herzerfrischend bunt kann ein Modespaziergang nur sein, wenn Alltag, Kunst und Mode zu einem strapazierfähigen Stoff verwoben sind.
Antwerpens Gewebe bleibt dabei durchlässig für Experimente. Die Kammenstraat 36–38 ist ein architektonischer Albtraum in Beton, angefüllt mit Design aus den Möbelhauskatalogen der 1970er Jahre, mithin sehr hip. Was auch für die Streetwear in den Regalen gilt. Hunderte von Händen wühlen scheinbar ziellos in Hosen und Kleidern. Das Fish & Chips, so der Name des Ladens, ist das Paradies, wenn man das Akneproblem gerade gelöst und das Leben noch vor sich hat. Man kann sich freilich auch, ganz egal in welchem Alter, in ein orangefarbenes Cordsofa sinken lassen, Kaffee aus dem Automaten ziehen und der aus den Boxen wummernden Musik zuhören. Es ist so einfach in Antwerpen, für einen Augenblick wieder richtig jung zu sein.