Da war es also, das EM-Heimspiel für Domenico Tedesco und Andreas Hinkel in Stuttgart-Bad Cannstatt. Im Grunde ist die komplette EM ja ein Heimspiel für den württembergischen Coach der Belgier und seinen württembergischen Assistenten, die mit ihrem Tross im Schlosshotel Ludwigsburg logieren und von dort jeden Tag nur kurz auf das Gelände des SGV Freiberg fahren müssen, um zu trainieren. Jetzt war auch der Weg zum Spiel ein kurzer für Tedesco – den in Aichwald aufgewachsenen Trainer der Belgier, der einst auch mal in der Jugendabteilung des VfB Stuttgart Übungsleiter war. Und, klar, auch für Hinkel, den früheren Rechtsverteidiger und einstigen Teil der berühmten Jungen Wilden des VfB.
Und, was soll man sagen: Daheim scheint es doch zumindest sportlich am besten zu klappen. Denn die Belgier sicherten sich nun im letzten Gruppenspiel mit einem 0:0 gegen die Ukraine, die als Vierter ausgeschieden ist, den zweiten Platz in der Gruppe. Ob das Weiterkommen nun verdient ist oder nicht – darüber freilich lässt sich nach dem schwachen und uninspirierten Auftritt des Tedesco-Teams munter diskutieren.
In Diskussionslaune jedenfalls war nach der Partie Tedesco selbst. Denn der Coach hielt auf dem Pressepodium eine kleine Brandrede – in der es nicht ums Sportliche ging. Tedesco widmete sich den in seinen Augen widrigen Umständen der Polizei-Eskorte von Ludwigsburg aus bei der Bus-Anreise der Belgier: „Wir sind erst eine Stunde vor dem Spiel am Stadion angekommen, die Straßen waren frei, und wir fahren mit 20 bis 25 Stundenkilometern und bleiben bei jeder Ampel stehen, das ist unglaublich.“ Und weil einige belgische Spieler während der Partie noch Laserpointer-Strahlen von Fans auf den Rängen in die Augen bekamen, schloss Tedesco seine Ausführungen zu den Umständen in Stuttgart so: „Alles passiert hier, hier ist alles erlaubt.“ Daheim also klappt dann offenbar doch nicht immer alles.
Fakt ist: Aus sportlicher Sicht verspielten die Belgier in Stuttgart durch ihre maue Leistung den möglichen Gruppensieg – und treffen nun im Achtelfinale am kommenden Montag in Düsseldorf auf Frankreich.
Sportlich war es für die Belgier am Mittwochabend in Stuttgart ja um alles gegangen, wie es dann immer so schön heißt, denn beide Teams konnten ja noch aus eigener Kraft das Achtelfinale erreichen. Dass es bei Beteiligung der Ukraine in diesen Zeiten aber immer auch um mehr geht als um ein Fußballspiel oder ein Weiterkommen aus einer EM-Gruppe, zeigte sich spätestens bei der Hymne der Ukrainer. Denn als die kurz vor Anpfiff abgespielt wurde, gab es dauerhaften Beifall aus der belgischen Kurve, die am Mittwoch die Cannstatter Kurve war. Es war eine Solidaritätsbekundung mit dem kriegsgeplagten Land auf der großen Stuttgarter Bühne – und damit die erste (schöne) Geschichte, die aus Bad Cannstatt in die Welt gesendet, respektive geklatscht wurde. In dem Fall von den in rot gekleideten Anhängern der Roten Teufel.
Auf den Rängen war man also für 90 Minuten plus Nachspielzeit freundschaftlich verbunden – auf dem Rasen logischerweise nicht. Denn da geht es auch für die Ukraine darum, ein Spiel zu gewinnen. Das allerdings hätte man mit dem Blick auf die lahmen ersten 45 Minuten bei beiden Teams kaum vermuten können. Denn was die Ukrainer und Belgier da boten, ist mit Magerkost noch vornehm umschrieben. Fußball ohne Tempo und mit wenigen Torraumszenen, mit wenig Biss und kaum strukturierten Angriffen: Das war das Bild in der Stuttgarter Arena.
Aggressives Gegenpressing war auch nicht zu sehen – insbesondere bei den Belgiern war dieses Werkzeug nicht im Kasten. Wenn Tedescos Jungs also mal wieder den Ball vorne verloren, dann setzten sie hinterher meist nicht energisch nach. Gefährlichkeit in Richtung Tor entstand so in dieser fatalen Mischung nicht.
Und da die Belgier die Ukrainer meist in Ruhe aufbauen ließen, entwickelten sich die gefährlicheren Szenen vor dem Tor der Roten Teufel. Klare Chancen aber auch hier: Mangelware.
Als Stadionsprecher Jens Zimmermann in der Halbzeit turnusmäßig die Höhepunkte auf den Videoleinwänden ankündigte, mussten ein paar deutschsprachige Zuschauer in der Arena ein bisschen schmunzeln: Höhepunkte, welche Höhepunkte? Es wurde in der zweiten Hälfte nicht aufregender. Die Belgier mühten sich nun etwas mehr im Spiel nach vorne, allein: es blieb Stückwerk. Weil weiter Tempo, Ideen und damit Chancen fehlten. Yannick Carrascos Schuss in Minute 73 war noch die klarste Möglichkeit, Keeper Trubin parierte ohne Mühe. Im Gegenzug vertändelte Artem Dovbyk in aussichtsreicher Position den Ball. So blieb es beim 0:0 – im Spiel ohne Höhepunkte.
Am Ende gab es ein Pfeifkonzert des Stuttgarter Publikums. Der belgische Anhang pfiff das eigene Team sogar so heftig aus, dass Kapitän Kevin De Bruyne seine Mannschaft nach der Partie flugs in die Kabine schickte und eben nicht in die Kurve. Als die Mannschaft wenig später tatsächlich den Platz verließ, wurden die Pfiffe der Belgier in der Cannstatter Kurve noch lauter.